Motherboard: August 2026

Viel zu lange nichts gehört von Rie Mitsutake. Dabei war sie nach der Jahrtausendwende zwar nur sporadisch aktiv, doch mit Oh, Yoko, Soft Candy und ihrem Soloprojekt Miko eine der Keimzellen einer Neufindung von DIY-J-Pop als Ambient und umgekehrt. Als erstes Lebenszeichen nach anderthalb Dekaden stellt Petals and Marbles (Someone Good/Room40, 3. Juli) sowohl die Abkehr wie die Fortführung des Sounds der Nullerjahre dar. Als fundierendes Klangelement dient nun ein in Hüllkurve und Arpeggio modulierter Analog-Synthesizer, über dessen warmem, blubberndem und fiependem Modular-Sound flauschige Vokalfragmente und kaum greifbare Melodiefetzen schweben. Dazu: fragile Folk-Songs, mehr angedeutet als tatsächlich ausgebreitet. Nichts an diesen Klängen ist vordergründig oder herausfordernd, und doch zeigen sie eine erstaunliche, immense Präsenz.

Joanna Collinson-Scott kommt aus dem nicht nur klimatisch eher grimmigen Norden Englands. Ihr zartes Songwriting zwischen Folk, Jazz und Pop hat aber besonders am anderen Ende der Welt in Japan Resonanz gefunden, sodass ihre Alben unter dem Alias Jo Mango beinahe von Beginn an auf dem Tokioter Label-Zusammenhang Plop und Nature Bliss veröffentlicht wurden. Das gilt ebenfalls für ihr jüngstes, The Lightswitch (Noth Records/Nature Bliss/Team Love, 12. Juni). Es ist wohl weniger Zufall als glückliche Koinzidenz, denn der diffizil fragile Kammerpop, jederzeit kurz vor dem Zerstäuben, vor dem Auseinanderfallen in gerade noch melodische Fragmente, hat viel mit der Idee von Ambient als Popmusik zu tun, wie sie nach der Jahrtausendwende gerade in Japan boomte. Wie zeitlos, qualitätsvoll und über kurzfristige Trends und Hypes hinausweisend dieser Sound ist, lässt das neue Album bestimmt wie mühelos spüren, ohne je im Geringsten aufdringlich werden zu müssen.

Die argentinische Sängerin und Producerin DIMA ist der jüngste Zugang auf David Augusts Label. Und was für eine tolle Entdeckung. Die Mini-LP Salva (99CHANTS, 10. Juli) verbindet fragil-flächigen Ambient mit sehnsuchtsvoll gehauchten Vocals, unter die sich irrlichternde Saugbässe und gelegentlich ein schlurfender Trip-Hop-Beat mischen. Die für sich genommen wenig sensationellen Elemente verbinden sich allerdings höchst ergiebig zu einem gewinnenden Ganzen. Hier wird aus sehr wenig sehr viel. Vor allem emotional.

Konkrete Abstraktion am introspektiven Ende von Jazz und Neuer Musik. Innere Einkehr und der distinkte Sound eines Fender Rhodes Electric Piano. Gleich zwei Arbeiten stellen heuer das als Klavierersatz eher verunglückte, aber als eigenständiger elektromechanischer Klangerzeuger viele Dekaden von Jazz, Rock, Pop und Soul prägende Instrument in den Mittelpunkt. Das Ergebnis: reduziert-minimalistische Soundscapes zwischen Improvisation und instrumentalem, neoklassischem Songwriting. Das chilenische Duo Lorena Álvarez & Alejandro Palacios kombiniert auf Jardín Giratorio (Not Not Fun, 3. Juli) das Rhodes und andere E-Pianos apart mit einer jazzigen Posaune und subtil eingesetzten Effekten. Ruhige wie freie Musik, bei der am Ende völlig unwichtig wird, was das nun für ein Genre war. Wichtig ist nicht mehr, wo es herkam, sondern wo es hinwill: in die feinen Ritzen zwischen dem Eindeutigen, in die Zwischenräume der Welt. Da, wo das Licht reinkommt, ihr kennt das ja schon.

Das umlaut-affine kanadische Duo Tönky Hönk aus Madeline Hildebrand und Everett Hopfner operiert in Zusammenhängen von Minimal Music und zeitgenössischer Komposition. Ihr lässiges Debüt The ËP (Redshift Records, 24. Juli), nominell eine EP, praktisch allerdings weitaus umfangreicher, eher von Doppel-LP-Format, interpretiert die Scores von Peers wie Adrian Knight, Phyllis Chen und Julian Beutel als entspannte, doch hochkonzentrierte Miniaturen von Fender Rhodes und präpariertem akustischem Piano.

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