Anahita Sadighi über Soft Power im Haus der Visionäre in Berlin: „Das Festival entsteht ganz bewusst aus einer weiblichen Perspektive”

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Mit Soft Power findet am kommenden Wochenende in Berlin zum ersten Mal ein Festival statt, das Clubmusik mit einer sozialen und spirituellen Botschaft verbinden wird. Verantwortlich dafür ist die Berliner Galeristin und Kuratorin Anahita Sadighi, die das Festival im Haus der Visionäre, gemeinsam mit Kuratorin und Kunstkritikerin María Inés Plaza Lazo und in Kooperation mit der Berliner Art Week organisiert hat. Über 130 Akteur:innen aus Kunst und Musik sind beteiligt. Neben antiker und zeitgenössischer Kunst treffen Besucher:innen auf einen 48-stündigen Dancefloor, Diskussionsrunden, Workshops und Live-Performances. GROOVE-Autorin Madu Abeysekera hat Sadighi in ihrer Galerie in Charlottenburg besucht, in der sie Kunst aus verschiedenen historischen Epochen ausstellt. Besonders ins Auge fällt die Klarheit, mit der Sadighi über ihre Leidenschaft für den Austausch von Kunst und Musik, von Underground und Diskurs, von Feierspaß und ethischem Anspruch spricht: nahbar, präzise und auf den Punkt. 

GROOVE: Wie ist die Idee für Soft Power entstanden? 

Anahita Sadighi: Das Festival ist aus meiner transdisziplinären Praxis herausgewachsen. Ich habe Klavier studiert, lege selbst auf und habe vor drei Jahren meine eigene multidisziplinäre Partyreihe ins Leben gerufen – inspiriert von David Mancusos legendären Loft Parties in New York. Gemeinsam mit María Inés Plaza Lazo entstand die kuratorische Konzeption; die Architekten Gonzalez Haase AAS begleiten die räumliche Gestaltung und Festivalproduktion. Dabei wird die Zusammenarbeit selbst zur politischen Praxis. Es geht nicht bloß darum, ein Festival zu veranstalten, sondern auch darum, die Bedingungen des Zusammenarbeitens zu verändern. Gemeinsam zu schaffen und gemeinsam zu wirken und sich gegenseitig den Rücken zu stärken – darin liegt für mich eine Form kollektiver Handlungsmacht, die der Logik von Konkurrenz und Vereinzelung etwas entgegensetzt. Soft Power bedeutet für mich die Fähigkeit von zeitgenössischer Kunst und elektronischer Musik, die Öffentlichkeit zu prägen – wie zwei Herzen, die gemeinsam in Berlins Brust schlagen.

Wofür steht „Soft Power“ konkret, wie seid ihr auf den Begriff gekommen? 

Wir greifen diesen politischen Begriff bewusst auf und deuten ihn um: statt als Werkzeug von Staaten, als kollektive, schöpferische Praxis. Das Festival ist als kuratorische Choreografie konzipiert, die sich in neun Kapitel gliedert: Ankommen, Versammeln, Zuhören, Erinnern, Imaginieren, Gastfreundschaft, Ritualisieren, Resonieren und Werden. Es hat auch eine poetische, fast schon philosophische Komponente: Wir wollen ermöglichen, sich auf das Werden einzulassen und Freude und Feiern als politischen Akt zu erleben.

Akteur:innen aus aller Welt sind Teil des Festivals. Worauf habt ihr bei der Auswahl geachtet?

Uns ging es nicht darum, möglichst viele Länder abzubilden oder Internationalität als Label zu verwenden. Entscheidend war, wie die einzelnen Positionen aus sehr unterschiedlichen Erfahrungen heraus Soft Power verhandeln – und welche Beziehungen zwischen den Werken entstehen können.

Das Soft-Power-Kernteam: Judith Haase, María Inés Plaza Lazo, Anahita Sadighi, Pierre Jorge Gonzalez (Foto: Yanae Reichert)

Die Ausstellung habe ich gemeinsam mit María Inés Plaza Lazo entwickelt. Ihre kuratorische Praxis setzt unmittelbar bei den Arbeiten an: bei der Art, wie Diane Severin Nguyen über inszenierte Bilder, Symbole und Choreografien die Ambivalenz von Zugehörigkeit sichtbar macht; wie Mariana Castillo Deball Geschichte, migrantische Arbeit und institutionelle Macht in den Boden und das Material einschreibt; oder wie Ian Waelder Architektur, Klang und familiäre Erinnerung so miteinander verbindet, dass die Besucher ihre eigene körperliche Anwesenheit neu wahrnehmen. Auch TAWNAs kollektive, antikoloniale Arbeit aus dem Amazonasgebiet, Anousha Paynes Erzählungen von Verwandlung und Elif Saydams instabile, sich verändernde Oberflächen haben die Auswahl geprägt. Uns interessierten keine Positionen, die eine These lediglich illustrieren, sondern Arbeiten, die den Begriff Soft Power komplizieren, ihm widersprechen oder ihn materiell erfahrbar machen.

Wie hat die Perspektive von María Inés die Dramaturgie der Ausstellung und euer Verständnis von Soft Power bestimmt?

María Inés arbeitet gleichzeitig kuratorisch und publizistisch. Sie versteht eine Ausstellung als einen Raum, in dem Werke auf politische Realitäten und verschiedene Formen von Wissen treffen. Ihre Arbeit beginnt bei den einzelnen Werken, ihren Materialien, ihrer Bildsprache, den Bedingungen ihrer Entstehung und den Geschichten, die sie erzählen. Ihre langjährige redaktionelle Arbeit mit Arts of the Working Class ermöglicht ihr zudem, viele künstlerische Praktiken über längere Zeit zu begleiten, anstatt sie nur im Moment einer Ausstellung zu betrachten.

Für Soft Power war diese Perspektive entscheidend. María Inés’ Recherche zu Joseph Nyes Definition von Soft Power und ihre Auseinandersetzung mit Attars Conference of the Birds haben den Begriff zugleich historisch und poetisch geöffnet. Nye beschreibt Soft Power als die Fähigkeit, andere nicht durch Zwang oder Bezahlung, sondern durch Anziehung und Überzeugung zu beeinflussen. Attars allegorisches Epos verschiebt diese Idee jedoch: Die Vögel machen sich gemeinsam auf die Suche nach ihrem unsichtbaren König, dem Simurgh, und erkennen am Ende, dass sie selbst – als versammelte Gemeinschaft – das Gesuchte verkörpern.

(Foto: Conrad Bauer)

Wie verhält sich das Musikprogramm dazu?

Das Musikprogramm bewegt sich durch die Ausstellung wie ein eigener Strom: Es nimmt ihre Fragen auf, lässt sie durch Rhythmus, Lautstärke und Bewegung zirkulieren und öffnet sie für andere Formen des Erlebens.

Ich habe das Programm gemeinsam mit meinem Partner Mike D entwickelt. Seine Erfahrung als DJ und Selector war dabei zentral. Er denkt Musik nicht als Abfolge einzelner Namen oder Genres, sondern liest den Raum: Wie verändert sich seine Energie? Wann braucht es Verdichtung, wann einen Bruch, wann Offenheit? Diese Aufmerksamkeit für Übergänge und Stimmungen hat die Dramaturgie wesentlich geprägt. Sie verbindet unterschiedliche musikalische Sprachen, ohne ihre Eigenheiten einzuebnen und versteht den Dancefloor als einen Ort, an dem Gemeinschaft für einen Moment körperlich erfahrbar wird.

Viele Einladungen sind aus langjährigen Projekten, Freundschaften und einem über Jahre gewachsenen Vertrauen hervorgegangen. Diese Beziehungen sind für uns keine Nebensache, sondern Teil dessen, was Soft Power untersucht: Wie entstehen kulturelle Räume durch Nähe, gegenseitige Aufmerksamkeit und geteilte Erfahrung?

Kannst du das beantworten und uns dabei sagen, was die Besucher:innen erwartet?

Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang können die Menschen bei uns quasi wohnen (lacht). Im Sonnenraum entsteht ein 48-Stunden-Dancefloor, der sich über das gesamte Wochenende entwickelt. Am Freitag spielen dort unter anderem Raha von 15 bis 19 Uhr und Camion Bazar von 19 bis 22 Uhr. In der Nacht von Samstag auf Sonntag übernimmt Fred P von 1.30 bis 5 Uhr. Am Sonntag folgen Bruno Schmidt von 13 bis 15 Uhr, Lakuti von 17 bis 19 Uhr, Galcher Lustwerk live von 20 bis 21 Uhr und DJ Fart in the Club von 21 bis 23 Uhr. Ergänzt wird das Programm am Samstag ab 11 Uhr durch einen gemeinsamen Brunch und eine Day-Party mit dem Amsterdamer Kollektiv Pintai.

Parallel dazu finden in Halle 1 Konzerte und Live-Performances direkt innerhalb der Ausstellung statt. Mohammad Reza Mortazavi spielt am Freitag von 19 bis 20 Uhr. Am Samstag folgen Mon-Puo von 17 bis 18 Uhr, Ava Rasti von 21 bis 22 Uhr und Ghostpoet von 22 bis 23 Uhr. Am Sonntag ist Maryisonacid von 19.30 bis 21 Uhr zu hören. So stehen die konzentrierte Situation des Konzerts und die zeitliche Offenheit des Dancefloors nicht getrennt nebeneinander, sondern bilden unterschiedliche Intensitäten innerhalb derselben Dramaturgie.

Auch das Talk-Programm verbindet Kunst, politische Praxis und Nachtkultur sehr konkret. Am Samstag sprechen Alice Hasters, Sinthujan Varatharajah und Rosa Burç von 16 bis 17 Uhr über Liebe und Solidarität in Zeiten des autoritären Wandels. Von 19 bis 20 Uhr diskutiert Dimitri Hegemann mit weiteren Gästen darüber, wie Subkultur und Nachtleben als kulturelle Infrastruktur verstanden und langfristig geschützt werden können. 

(Foto: Clemens Poloczek)

Als wäre das nicht schon genug: Mit dem Festival möchtet ihr einen offenen kulturellen und politischen Prozess anstoßen. Wie schafft ihr dafür die richtigen Bedingungen?

Zum Auftakt veranstalten wir am Freitag gemeinsam mit der Clubcommission und der DLD Music School Gespräche zur politischen Bedeutung und langfristigen Sicherung des Berliner Nachtlebens. Dabei treffen Vertreter der Clubkultur auf Politik: Zunächst geht es um die aktuellen Herausforderungen für Clubs und kulturelle Räume, anschließend diskutieren Vertreter der Berliner Parteien über konkrete Strategien für deren Zukunft. Das ist besonders im Vorfeld der Berliner Wahlen wichtig, weil Nachtleben, Kunst und Kultur nicht als dekorative Extras weiter behandelt werden dürfen, sondern als soziale und demokratische Infrastruktur.

Das 36-stündige Community-Radio von Refuge Worldwide trägt diese Gespräche über den Ort hinaus und verbindet das Festival mit lokalen und internationalen Zuhörern. Der Satz „Support your local community“ beschreibt dabei weniger einen Slogan als eine Praxis: Beziehungen aufbauen, Ressourcen teilen und Räume schaffen, in denen unterschiedliche Stimmen tatsächlich gehört werden.

Spielt Musik auch im Kontext deiner alltäglichen Tätigkeit als Galeristin eine Rolle?

Musik hat mich mein ganzes Leben begleitet und meine Arbeit als Galeristin und Kuratorin geprägt. Es hat etwas Heilsames, wenn die Verbindung von Kunst und Musik möglich wird – beides wird in dieser traditionsbehafteten Branche sonst gerne getrennt. Dass es zunehmend Frauen sind, die solche Festivals initiieren und das Programm gestalten, hat für mich eine andere Qualität. Das macht mir Hoffnung, dass noch mehr Festivalprojekte von Frauen entstehen.

Welche Musik legst du selbst als DJ auf? 

House, Deep House, Dub, Minimal, jazzy und auch Tech-House. Meine Plattensammlung reicht von klassischer Musik über Jazz bis hin zu indischer und persischer Musik. Am Samstag eröffnen Mike D und ich den Festivaltag bei einem Brunch und einer Dayparty mit dem Amsterdamer Label und Kollektiv Pintai.

(Foto: SLEEK)

Wie finanziert ihr euer ambitioniertes Festival, das mit 35 Euro für den Wochenendpass besucher:innenfreundlich bepreist ist? 

Angesichts der Kulturkürzungen ist es überhaupt keine Selbstverständlichkeit mehr, neue Kulturprojekte und Festivals zu veranstalten. Wir wurden letztes Jahr vom Senat für Wirtschaft für unser innovatives Festivalkonzept mit einem Preis ausgezeichnet und dadurch finanziell unterstützt – trotzdem bleibt es ein Non-Profit-Festival, das ohne die Unterstützung vieler Partner:innen und Teilnehmer:innen aktuell nicht realisierbar wäre. Dafür sind wir sehr dankbar.

Abschließend interessiert uns: Sind in der Zukunft weitere Soft Power Festivals geplant?

Ja, Soft Power ist als Biennale angelegt und soll künftig alle zwei Jahre stattfinden. Die Ausgabe im vergangenen Jahr war die erste Skizze dessen, was wir in dieser Woche in seiner ganzen Dimension entfalten. In zwei Jahren möchten wir die Themen weiter vertiefen – insbesondere jene Fragen, die sich als konkrete Gegendarstellungen zu Soft Power formulieren lassen. Das von María Inés moderierte Gespräch zwischen Edna Bonhomme, Norman Ohler und Fred P ist dafür bereits ein Vorgeschmack: Es untersucht, wie stark sich unsere Wahrnehmung derzeit verändert und welche Kräfte daran beteiligt sind.

Uns geht es nicht darum, jedes Mal größer zu werden. Das Festival soll langfristig stabiler, inhaltlich tiefer und als internationale Plattform nachhaltiger werden.

Hier geht es zu den Tickets für das Soft Power Festival.

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