Nachtschwärmer:innen kennen die Storkower Straße 121 als Adresse des Mensch Meier. Am kommenden Wochenende eröffnet dort der Kink Club ROSA – wie für das benachbarte DSTRKT zeichnen sich dafür die Hive-Macher verantwortlich. GROOVE-Autor Ben-Robin König hat sich einige Tage vor der Eröffnung von Safeguarding-Coach Karl Verboten und Night-Manager Dragan durch den Club führen lassen, der beispiellose Awareness-Standards setzen will.
Baustellentermin in der Storkower Str., ein wolkenverhangener Tag im August. Im ehemaligen Mensch Meier entsteht ein neuer Club, ach was, ein Paradoxon. ROSA Berlin soll er heißen. Dezidiert sexpositiv will er sein – und doch ganz anders als das entsprechende Angebot der Hauptstadt. Mehr noch: Neue Maßstäbe setzen! Am 12.09.2026 soll er seine Pforten öffnen. Obwohl in der nicht mehr ganz so rohen Baustelle noch einiges geschehen muss, ist dieser Club bereits jetzt von Kontroversen umwunden.
Es gibt gewissermaßen zwei Erzählungen zu dem, was hier entsteht. Die eine ist relativ kurz und eindeutig. Das Gelände wird zusammen mit dem nebenan liegenden DSTRKT, halb Eventspace, halb Hardtech-Himmel, von HIVE betrieben. TikTok-trächtig, hyperkommerziell, durchaus mit dem Unwort umstritten zu umschreiben. Und dann ist da noch die Sache mit dem Namen. Alles nur geklaut, sagen die Betreiber:innen des ROSA in Greifswald, sehen sich ihres Namens und ihrer Gestaltung beraubt. Die Kommunikation bzw der Mangel daran seitens der Berliner Betreiber hinterlässt durchaus ein Geschmäckle. Auch stellt sich die Frage: Was wollen Culture Vultures ausgerechnet mit so etwas sensiblem wie Kink Culture?

Hier öffnet sich der Raum für einen anderen, vielschichtigeren Blick auf das ROSA: Auftritt Karl Verboten. Der Gründer der ursprünglich in London gestarteten Kink-Veranstaltungsreihe Klub Verboten begrüßt am Hintereingang der Industriehalle – inzwischen gänzlich in rosa Farbe gestrichen, inklusive eingearbeitetem Glitzer. Dass Karl hier eine Rolle als externer Berater/Innenraumgestalter/Safeguarding-Coach/Szenelink hat, verwundert erst einmal.
„Die Frage war stets: We geben wir Kink Culture eine kontemporäre Zukunft?”, erklärt Karl seinen Antrieb.
Klub Verboten veranstaltet neben London und Berlin inzwischen regelmäßig in Manchester und Warschau, auch in Amsterdam gab es bereits ein Event. Die Organisator:innen nebst Community legten sich mit dem Konzern Meta an, gewannen vor Gericht gegen diskriminierende Praxis der Stadtverwaltung in East London, eröffneten jüngst mit dem Stück in London eine brutalistische Metamorphose aus Wohnzimmer, Coworking und Club. Und: sind mittlerweile sogar vom Arts Council England gefördert. Die Idee war in erster Linie stets, Kinkstern einen Ort der Freiheit zu geben – für “Modern human interaction”, wie sie es mittlerweile benennen, oder auch: zum tanzen, reden, fisten.

Das kulturelle Engagement entstand eher notgedrungen, durch die behördlichen Schikanen – Karl erzählt von eingetretenen Türen und Razzien sowohl im Club als auch bei sich zuhause – und den Ruf, den sich Team und Community erarbeitet haben. „Die Frage war stets: We geben wir Kink Culture eine kontemporäre Zukunft?”, erklärt Karl seinen Antrieb. Herzstück bei KV sind die 15 Regeln für guten und respektvollen Umgang miteinander, die Gäst*innen möglichst verinnerlicht haben sollten. Den Safer Space sicher halten die Safeguards, ein spezifisch geschultes Awareness-Team auf (metaphorischen) Steroiden, mit Augen und Ohren für das Wohlergehen derer, die sich Lüsten und Trieben hingeben.
Nun sind weder Awarenesskonzepte noch Darkrooms oder Playspaces etwas sonderlich Neues in der Berliner Clublandschaft. Und doch wäre das ROSA der erste Club, der sich beidem vollends verschreibt. Es soll eben kein zweites KitKat werden, kein Laden mit nüchtern betrachtet nicht ganz nachvollziehbaren Weltruhm – in dem ein davon angezogenes Publikum zum Freiwild für allerhand Übergriffichkeiten bis hin zu Vergewaltigungen wird. Diese Sorge ist einer der Hauptgründe, die Karl ins Engagement brachten. Etwas Besseres bieten. Etwas, das möglichst bleibt, das einen Gegenpol setzen kann.

Weg von Gewohnheiten, auch in der Kink-Szene. Weg von Schwarz, Rot und Stahl, Schwarzlicht und billigen LED-Schläuchen, “nicht dieses harte, maskuline Thema”. Der neue Club will sich nicht nur namentlich vom klischierten und schmuddeligen Antlitz anderer Anbieter absetzen.
Statt stilistisch weiter das untote Pferd in den 90ern stehengebliebener Swinger-Ästhetik zu reiten, soll es bisweilen weich werden: Ein riesiger Playspace in rosa Kacheln bricht mit der martialischen anmutenden Härte, die die Fremd- und Selbstwahrnehmung der BDSM-Szene umweht. Hang zu Brutalismus und Beton ist in der Baustelle immer noch zu erblicken, konterkariert von Sitzgelegenheiten mit zartem Butterton, der sich in den gelblichen Latex-Leuchtern über der Bar spiegelt. Auch die Toiletten erstrahlen rosa und bieten in etwa das Dreifache an Kapazität derer ihres Vorgängerclubs. Der große Dancefloor erscheint in Sichtbeton, das zentrale, ebenerdige DJ-Pult aber besticht mit seiner abgerundeten Form und Inselcharakter.
Eine Person mit pinker Warnweste, selbst semihigh
Einen richtigen Hauptraum gibt es nicht, vielmehr sollen die Veranstaltungen im ROSA vom interdisziplinären Gedanken profitieren, der Klub Verbotens Erfolg trägt – keine reine Klubnacht, kein reines Social-Event, keine reine Playparty – alle drei Grundpfeiler des gesittet perversen Austauschs werden gleichermaßen bedacht und verbunden durch den zentralen Flur, dessen Ausmaße eines Laufstegs würdig sind; Bänke aus Glasbausteinen laden zum Verweilen und Begutachten der Umgebung ein. Einzig der kleinere Floor mitsamt seines Galeriegangs bleibt weitestgehend in altem Zustand, wenn auch gänzlich – hier plötzlich doch – rot (ohne Schwarz und Andreaskreuz aber) getaucht.

Der ehemalige Garderobenraum soll als multifunktionaler Raum der körperlichen Verausgabung dienen und Ausstellungen beheimaten. Der Einlass derweil wird zukünftig über ein Wegeleitsystem durch (im Winter beheizte) Frachtcontainer erfolgen, in denen Schließfächer und Umkleidekabinen Platz finden. Der Außenbereich indes soll erst im kommenden Jahr eröffnet werden.
Das Gesehene verspricht, zur Besichtigung zwei Wochen vor Eröffnung, ein tatsächlich wunderschöner Club zu werden. Karl und der mittlerweile hinzugekommene Clubmanager Dragan versprechen, alles dafür zu tun, einen inklusiven Ort für Kink Culture und sex-positive Clubbing zu bieten, eine neue Institution zu schaffen. „Bislang gibt es weltweit nur eine Institution, die befindet in Berlin und hat drei Probleme”, sagt Dragan, “Das ist a) die Musik, b) die Einrichtung und d) der Faktor Übergriff”. Eigentlich alles essentielle Faktoren.

Das Programm bleibt vorerst im Halbdunkel; Klub Verboten wird künftig im ROSA stattfinden, zudem haben sich Libidoh und Pornceptual angekündigt. Hinzukommen soll eine Mischung aus anderen externen Kollektiven, Kulturangeboten jenseits des Nachtlebens und vom Club selbst veranstalteten Residencies. Eine musikalische Festlegung gibt es bislang nicht, Klub Verboten, naturgemäß sehr technoid, erschließt zum zehnjährigen Jubiläum gerade housigeres Terrain; andere Genres sind abhängig von etwaigen zukünftigen Veranstalter:innen. Einzige Einschränkung: Hive selbst will sich mit seinen Veranstaltungen gänzlich aus dem Club raushalten.
Das Weitergeben und Austauschen ist ihm ein unbedingtes Anliegen, denn „ultimativ”, so sagt Karl, „wir sind als Szene füreinander verantwortlich.”
Karl betont, dass die Verhandlungen zwischen ihm und Hive fast länger gedauert hätten als die anschließende Planungsphase, „die stetige Frage, wer ist der richtige Betreiber? Das ganze Investment Capital in UK zum Beispiel, das sind zu 85% heterosexuelle, weiße, alte Männer.” Die relative Unabhängigkeit des entstehenden Ortes sei ihm das Wichtigste, “vielleicht nennt man das Erwachsenwerden.” Hive hätte schnell eingesehen, dass TikTok-Raves wenig Überschneidungen mit Kink Culture haben, entsprechend fehlt die Expertise beim Safeguarding. Karl und Teile seines Teams geben hier ihre Erfahrungswerte weiter und bauen neue Strukturen auf – die sich auch aus den Freiwilligen bei Verboten speisen. “Es gibt keinen Goldstandard hierbei. Für manche ist eine Person mit pinker Warnweste, selbst semihigh, vollkommen ausreichend. Wir arbeiten halt präventiv.”

Ein festes Schablonenkonzept soll es allerdings nicht sein – „jedes Event hat hier individuelle Präferenzen, auf die wir uns einstellen müssen. Wir geben denen zumindest das Beste, was wir momentan können.” Die Trainings haben mit einer am Ende vergebenen Zertifizierung (die auch wieder entzogen werden kann) fast institutionellen Charakter. Das Weitergeben und Austauschen ist ihm ein unbedingtes Anliegen, denn „ultimativ”, so sagt er, „wir sind als Szene füreinander verantwortlich. Denn sobald jemand zu Schaden kommt, werden wir abgestempelt. Dann heißt es, wir seien unsafe, non-inklusive.
Und der Name? Da winken sowohl Dragan als auch Karl ab, legen sich darauf fest, dass es auch andere Entitäten selbigen Namens gebe: „Ich glaube nicht, dass jemand vorhatte, anderen den Namen streitig zu machen, soweit ich das beurteilen kann. Wir leben einfach in einer saturierten Welt.” Und fürwahr, auch wenn sie hier etwas drucksig reagieren: Es gibt einen interkulturellen Frauentreff namens ROSA in Marzahn, den Rolling Safespace ROSA e.V. und die Punkband R.O.S.A. Berlin. Zudem findet sich auch ein Produzent unter dem Alias Verboten Berlin. Gleichwohl der Unmut in Greifswald nachvollziehbar ist, könnte hier also zugutegehalten werden, dass es tatsächlich mehrere ROSA gibt und keines in direkter Konkurrenz zum anderen steht.

Zurück zum Paradoxon. Ein Kink Club, der weich daherkommt. Der von mehr oder minder szene fremden Party-Heuschrecken finanziert, aber von integerem Personal geführt werden will. In direkter Konkurrenz zum KitKat, aber ganz anders. Mit strengem Awarenesskonzept, in dem sich Menschen möglichst frei fühlen können. Programmatisch frei, aber weit weg von den Hardtech-Festivals der Finanziers. Dazu Karl: „Kink-Kultur existiert schon lange. Auch vor dem Boom, welcher deinen Insta-Stream in der Mittagspause mit gimps gefüllt hat. Wir Perversen haben einen eigenen Dresscode, Vokabular, Werte usw., welcher nicht mehr nur dazu da sein soll, als Add-on von einem Rave-Ticket verkauft zu werden. Die Zeit, in der sich die Fashion- und Musikindustrie an den Attributen dieser Community bedient hat und dabei nur wenig zurückgekommen ist, ist dann auch hoffentlich mal wieder vorbei. Operationsmäßigig ist da Rosa independent vom Hive, also auch von allen Popstars in Latex, die Kink-Credit benötigen. Sonst wären wir auch nicht dabei.“ Aber was, wenn die doch ihren Stempel aufdrücken? “Dann bin ich der Erste, der weg ist”, sagen Karl und Dragan fast unisono.