Motherboard: August 2026

Kategorien und Typisierungen aller Art führen im besten Fall in die Irre des unerwartet Anderen. So klingt die australische Kontrabassistin Helen Svoboda nicht im Geringsten nach dem typischen Sound ihres Labels Room40 zwischen Elektroakustik, Drone und Field Recordings – obwohl alle diese Stilelemente einen erheblichen Raum in Svobodas Stücken einnehmen. Noch weniger klingen die Stücke von Headwater (Room40, 26. Juni) nach kontinental-australischem Naturklang in einem trockenheißen Land ohne Winter. Es sind eher extravagante Dark-Folk- und Art-Pop-Stücke nordischer oder osteuropäischer Art, vorgetragen mit glockenheller Stimme, die dominant oder weit zurückgenommen agieren kann und doch immer präsent ist, sowie klopf-knirschend-kratzigem Haupt- und Nebenklang von Kontrabass und Streichern.

Eine Stimme ist erst mal Improvisationsmaterial, fundamentales, wichtigstes Instrument der mittlerweile fast 70-jährigen Sainkho Namtchylak. Die als Sängerin nur sehr unzureichend kategorisierte Vokalakrobatin aus Tuva in Südsibirien, die seit nunmehr 30 Jahren in Wien lebt, hat ihre Stimme jedenfalls zu einer Ausdrucksform jenseits von Konventionen wie Jazz oder World Music gebracht, zu etwas Freiem, Offenem. Ihre Domäne ist die Live-Performance, ihr Katalog an Studio-Veröffentlichungen blieb bislang übersichtlich. Umso erfreulicher, dass der Berliner Musiker, Label- und Galerie-Betreiber Mirco Magnani sie von einer Kollaboration überzeugen konnte, die keine Wünsche offenlässt. Beyond Fine Lines (Fluid Audio/Undogmatisch, 29. Juni) bettet Namtchylaks stimmliche Ausdrucksformen zwischen Flüstern, Deklamieren und Schmettern in eine zurückhaltend komfortable elektronische bis neoklassische Soundumgebung. Ein Stück dieser tatsächlich kongenialen Zusammenarbeit nennt sich „Divine Ethereality”, was assoziativ sowohl außerweltliche Romantik wie spirituell ätherische Ästhetik aufruft. Besser lässt sich ihre gemeinsame Klangwelt kaum beschreiben.

Das Berlin-Münchner Trio Carl Gari ist vor allem durch die kongeniale wie breitenwirksame, (Avantgarde-)Festival-taugliche Kollaboration mit dem singulären ägyptischen Sänger und Trompeter Abdullah Miniawy bekannt. Ohne ihn geben sie sich allerdings kaum weniger eigenwillig. Die Laufnummer „CG02” auf dem eigenen Label ist damit so etwas wie ein Albumdebüt, und ein ziemlich raumgreifendes dazu. Carl Gari (Molten Moods, 12. Juni) spielt den freien Elektroniksound der Band auf vier LP-Seiten fein säuberlich getrennt in verschiedenen Geschmacksrichtungen aus, wobei die Basisnote immer eine gewisse Dunkelheit und Schwere in sich trägt. Umbra bis Mitternachtsblau. Diese geben sich auf der A als moderne Electronica mit Techno-Wurzeln, auf der B als Post-Punk, der sich so anhören könnte, wenn Techno historisch vor Punk und Industrial gelegen hätte. Die zweite LP zieht erst einmal Verbindungen von Rave zu perkussivem Outsider-Hip-Hop in Fusion-Jazz, um final wieder in Dark-Ambient und moody Electronica zu enden. Insgesamt ein trippig (Berlin-)urbaner Sound, der absurd-konsequent in bayerischer Waldeinsamkeit konzipiert und aufgenommen wurde.

Outsider-Synth: Falls es das Genre bisher nicht offiziell gibt, für den im ruralen Yorkshire lebenden Kirk Barley müsste es (wieder) erfunden werden. Agieren seine ultramiminalen digitalen und analogen Klänge doch weit außerhalb der üblichen Hüllkurven-Modulationen und Arpeggio-Hibbeleien. Sie sind von ausgesucht-ausgeruhten Gitarrenlinien umschmeichelt und von seltsam (nicht‑)funktionalem Percussiongerappel aufgemischt. Als wäre Kangyō-Ongaku-Pionier Hiroshi Yoshimura zu Lebzeiten noch auf Jan Jelinek getroffen. Wenn man dann noch das legendär enigmatische japanische Duo Inoyama Land mit dazu nimmt, kommt man ungefähr da an, wo sich Barleys Arc (Marionette, 24. Juli) schon lange befindet: auf einem pilzig wachgeträumten Trip in schillernd bunte Innenwelten.

Mit schwebend-fließenden Klängen aus Stimmsamples im mitternachtsblau bis dunkellila beleuchteten Dreampunk-Ambiente kann man in dieser Kolumne selbstverständlich immer noch punkten. Zumal wenn man klanglich so frisch daherkommt wie der italienische Sounddesigner und Game-Soundtracker Amedeo Cappelletti, der quasi aus dem Nichts auf Yanlings Label das mehr als überzeugende Debüt Kind Stranger (Aurora Edition, 24. Juli) hinlegen durfte. Was hier überzeugt, ist neben der wehmütig euphorisierenden, retro-futuristischen Stimmung vor allem die subtile und detailversessene Produktion, die die Stücke bei jedem Volumen funktionieren lässt, ohne je laut zu werden.

Als unruhigen Schlaf wie instabile Albträume induzierende hypnagogische Sub-Sub-Subvariante von Vaporwave hat Slushwave, die konsequent in runtergepitchter Isolation absterbende, doch wunderhübsche Vermumpfung von Siebziger- bis Achtziger-Schlunzpop, bis heute ein erstaunlich breites wie zahlreiches Publikum. Dass sich Künstler die Ideen hinter Vapor und Slush allerdings zueigen machen, um originale, also nicht offensiv derivative Musik zu machen, ist eher selten, vielleicht nicht einmal vom Publikum gewünscht. Der Italiener Lorenzo Camera alias Mondoriviera ist so eine mal wieder, wie immer, spannende Entdeckung der kalifornischen Trüffelfinder von Not Not Fun. Cameras erstes Album für das Label, La Laguna Dei Bei Sogni (Not Not Fun, 7. August), plündert zwar ebenfalls in den Archiven, verlangsamt und verschleift bis zur leicht unheimlichen Kenntlichkeit in Fremdheit, weiß aber doch neue, andersartig schöne Songs aus dem zermatschten Material zu machen.

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