Dass ihm die selbstgenügsame Minimal-Techno-Welt auf Dauer nicht genug sein würde, konnte man schon den ersten EPs auf Kontra-Musik anhören. Mittlerweile hat der zwischen Venedig und Berlin, zwischen bildender Kunst und Klangkunst pendelnde Tyler Friedman den geraden Beat weitgehend hinter sich gelassen und experimentiert mit nichtwestlichen, nichtklassischen tonalen und rhythmischen Systemen. Auf dem subtil gewaltigen METLASR (Radicant_Editions, 27. März) findet Friedman die mikrotonalen Zwischentöne, die polyrhythmischen Zwischenwelten in der Kombination von spezifisch entwickelten Synthesizer-Patches mit dem prozessierten Sound selbstklingender organischer Instrumente: Glocken, Gongs, Marimba, Mbira bis hin zum Vibraphon, vibrierendes Röhren, Resonanzen von Holz, Stein und Metall. Was dabei entsteht, ist ein bemerkenswert eigenes wie neues Überlagerungsding, so etwas wie ostafrikanisch-westjavanischer Modular-Gamelan, der weder nach erneuerter World Music noch nach aufgefrischter Puls-Minimal-Music, sondern zu 100 Prozent nach Tyler Friedman klingt. Zugleich ist dieses aber auch so vertraut und selbstverständlich platziert, als hätte es diese Art von Neuer Musik schon immer gegeben.
Dass harte Zeiten nach harter Musik verlangen, ist eine hartnäckige Binse. Dabei zeigen doch Zartheit und wacher, aktiver Eskapismus mindestens ebenso nachhaltig den Widerstand gegen die Umstände an. Der in Moskau lebende Russe Andrey Topolev, der sich auch Alexander Sirenko oder Coral Club nennt, hat eine solche Art musikalischer Gastfreundschaft perfektioniert. Follow The Mirage (Not Not Fun, 3. April), sein drittes Album für die Kalifornier von Not Not Fun, liefert wieder einmal konsequent sonnendurchwärmte Analogsynthesizer-Electronica ab, bedient sich allerdings etwas weniger als zuvor bei Exotica und anderen offensichtlich touristischen oder weltmusikalischen Referenzen. Elektronische Marimba und leichte Gamelan-Anklänge finden hier ebenso mühelos in fein abgewogene Flächen wie leichte, perkussive Elemente. Das könnte ohne weiteres die freundlichste Musik der Welt sein. Harte Zeiten klingen manchmal besser.
Einmal die ganze Bandbreite an Möglichkeiten abfahren – von der Studioisolation zur Naturverbindung in der Berghütte, von leisem Ambient zu lautem Noise, von schwebenden Flächen über kleine Glitches zu derbem IDM und klassischem Drum’n’Bass. Der junge Zürcher Gitarrist und Producer Emmanuel De La Paix deckt auf Chromaverse (and human structures) (Broque Recordings, 17. März) das beinahe komplette Sounduniversum der Neunziger (und von heute) ab. Und das in jeweils wohldurchdachter, fein austarierter Produktion. Mit gelegentlichem Gesang bleibt das Album immer eigenwillig und charaktervoll, spielt oft nahe dem emotionalen Maximalpegel. Hier will offensichtlich einer dahin, wo Sascha Ring als Apparat in seinen besten und publikumswirksamsten Momenten überzeugen konnte. Emmanuel De La Paix ist auf dem besten Weg.
Das anonyme, offenbar in Argentinien operierende Projekt namens Acid Twilight agiert da schon etwas psychedelischer, mit einer deutlichen Verneigung vor Dungeon Synth und ähnlichen Arten von fantasy-inspirierter, purer Synthesizermusik. Auf dem vierten Album Trippo Nova (Not Not Fun, 3. April) kommen jazzig dahergegniedelte Keyboard-Solos über stets unrund geloopten, rhythmischen Patterns zusammen – zu einem für die Fülle an Ideen und Sound-Elementen dann doch beachtlich ausgeruhten und zurückgelehnten Gesamteindruck. Der Synth-Wizard aus der modularen Drachenhöhle geht halt auch mal zum Surfen und Abhängen an den Strand.
Melancholische Trompete mit viel Hall über schluffigen Trip-Hop- oder Drum’n’Bass-Beats, eingebettet in Synthesizer-Flächen mit gelegentlichen Klangtupfern akustischer Instrumente – das ist als Idee, Stil und Genre von den Stimmungs-Playlists und Coffee-Chill-Lounge-House-Mixen auf den einschlägigen Streaming-Plattformen bis zum totalen Belanglosigkeits-Overkill desavouiert. Oder etwa nicht? Das Berliner Duo 505, bestehend aus den Italienern Daniel Calvi und Mattia Prete (kennt man eventuell von Beat Movement) und nicht zu verwechseln mit dem Wiener Duo 505, versucht sich in einer Ehrenrettung einer jazzigen Electronica aus exakt den erwähnten Elementen, Broken Beats und Blauen Noten. True At First Light (Fiveofive x Flake Records, 27. Februar) ist strukturell komplexer, weniger gefällig und schafft das nicht kleine Kunststück, sowohl das Bedürfnis nach unaufdringlicher Hintergrundentspannung zu bedienen als auch tendenziell musikalisch interessant zu bleiben.