Es ist die Zeit der Jubiläen im Hause !K7: Das Label wird 40, DJ-Kicks, seine Mixreihe, 30. Allerdings trübt der Tod von Horst Weidenmüller Anfang des Jahres die Feierlichkeiten – der Labelgründer verstarb im Februar nach schwerer Krankheit. Teil seiner Hinterlassenschaft: Die wohl erfolgreichste Compilation-Serie der elektronischen Musik. Doch wie entstand DJ-Kicks überhaupt? Und wie wurde damals bei !K7 gearbeitet?
Wissen muss das Stefan Strüver, Weggefährte und ehemaliger Tandem- und Geschäftspartner Weidenmüllers. Im Zeitgeschichten-Interview äußert er sich gegenüber den GROOVE-Redakteuren Alexis Waltz und Maximilian Fritz zur bewegten Historie von !K7 und DJ-Kicks, vollzieht die verschiedenen Stränge aus Mix-Serien nach, mit denen sich das Label profilierte, und erklärt, wie es zu einigen der relevantesten Ausgaben der Serie kam – und schließlich zum Bruch mit seinem Geschäftspartner Horst Weidenmüller.
GROOVE: Du hast 1993, mit 25, angefangen, freiberuflich für !K7 zu arbeiten. Für dieses Alter hattest du schon viel Erfahrung im Musikgeschäft. Du warst bei Rough Trade, hast mit Aphex Twin und Warp gearbeitet. Wie bist du danach zu !K7 gekommen?
Stefan Strüver: Ursprünglich kam ich aus einem Plattenladen, wo ich ein paar Jahre gearbeitet habe. 1992 habe ich bei Rough Trade im Ruhrgebiet als Telefonverkäufer angefangen. Da hatten wir fantastische Labels mit elektronischer Musik wie Warp, R&S oder Ninja Tune im Vertrieb. Und unter anderem auch Studio K7, die bis zu dem Zeitpunkt, als ich Horst kennengelernt habe, Videos veröffentlicht haben. Vieles aus dem Alternative-Bereich, Nick Cave, die Neubauten. Da hatte ich erst mal nichts mit zu tun. Daneben gab es aber auch die Serie 3Lux, die ersten computeranimierten Videos für Techno. Die habe ich versucht, an Kunden wie Delirium in Frankfurt, Delirium in Köln, das Hard Wax in Berlin oder Container in Hamburg zu verkaufen. 1992 habe ich zu Horst gesagt, dass ich nicht der große Fan der Visuals bin, aber die Audiospuren total geil finde.

Was hat man sich darunter vorzustellen?
Das waren ja quasi DJ-Mixe, auch wenn sie noch nicht von bekannten DJs gemacht wurden. Ich war mir sicher, dass ich einige Einheiten davon verkaufen könnte, wenn es die Mixe parallel auch auf CD gäbe. Lustigerweise kam kurz, nachdem ich Horst das gesagt hatte, Mark Reeder auf ihn zu, der auch wahnsinnig gerne ein computeranimiertes Video für seinen MFS-Katalog haben wollte. Daraus ist der erste X-Mix entstanden, der von Paul van Dyk gemixt wurde – die erste tatsächliche Audio-Veröffentlichung von !K7. Die lief 1992 natürlich wie geschnitten Brot, weil Paul sehr angesagt war. Horst hat gesehen, dass es dafür eine wirkliche Nachfrage gab. Dazu kommt, dass es zum damaligen Zeitpunkt meines Wissens nicht wirklich Mix-CDs im Bereich House und Techno gab. Das Einzige, woran ich mich erinnern kann, war Journeys by DJ aus England, die sich sehr auf englische Progressive-DJs fokussiert haben. Der erste X-Mix lief jedenfalls so gut, dass man die Serie auf jeden Fall fortsetzen wollte.
Wie hast du dann bei !K7 angefangen?
Ich war zu Zeiten des X-Mix noch nicht fest dort angestellt, sondern nur der Verkäufer des Repertoires in Deutschland und eher in beratender Funktion tätig. Horst hat aber natürlich mitbekommen: A hatte ich mehr Ahnung von der Materie, und B war ich nah dran am Handel, sodass ich schnell mitbekommen habe, was sich verkauft. Beim zweiten X-Mix, der von Laurent Garnier zusammengestellt wurde, meinte ich zu Horst, dass wir neben Video und CD auch ein Dreifach-Vinyl mit den rarsten Songs brauchen. Laurent hatte ein fantastisches Set mit lauter geilen Sachen zusammengestellt, an die man als Import-Maxis gar nicht mehr rangekommen ist. Das war für mich eine tolle Situation, weil ich von da an alle Vinyls von X-Mix und DJ-Kicks zusammengestellt habe.
Wie hast du Horst kennengelernt? Wie hast du ihn persönlich wahrgenommen? Welche Qualifikation hatte er?
Horst habe ich im Rahmen von 3Lux kennengelernt. Wie gesagt, waren wir der Vertrieb für das Repertoire von !K7, das damals eher Indie war. Man muss dazu sagen, dass Horst !K7 nicht alleine gegründet hat, sondern zusammen mit diversen Leuten. Ein Name, der im Zusammenhang mit 3Lux und X-Mix unbedingt erwähnt werden muss, ist Rainer Remake aus Berlin, der damals selbst Videos hergestellt und viele Kontakte zu anderen Videoregisseuren geknüpft hat. Der hat die ganzen Videos eingesammelt und in ein Longform-Video umgesetzt.

Wie hast du Horst persönlich erlebt? Wann seid ihr erstmals aufeinandergetroffen?
Er war für eine Rough-Trade-Vertriebstagung in Herne, um sein neues Repertoire vorzustellen. Da habe ich ihn das erste Mal persönlich kennengelernt, das war ein sehr nettes Treffen. Wir haben uns inhaltlich ausgetauscht. Ich habe ihn als extrem offen wahrgenommen; er hat mitgenommen, was ich angeregt habe, und man hat dann vieles zusammen umgesetzt. Man kann das vielleicht ein wenig mit Steve Beckett und Rob Mitchell bei Warp vergleichen. Wir haben !K7 auch zusammen gemacht. Dabei hat Horst das Label grundsätzlich alleine gestartet, ich habe ihn während meiner Zeit bei Rough Trade bis 1995 frei beraten. Manche Kontakte zu Künstlern hat Horst direkt geknüpft, etwa zu John Acquaviva oder Richie Hawtin, andere Impulse kamen über mich.
Zum Beispiel?
DJ Hell für die X-Mix 5. Ich habe ihn im Planet in Bochum auflegen hören. Er spielte ein Oldschool-Acid-House-Set, das hat mich total weggeblasen. Am nächsten Tag habe ich gleich bei Horst angerufen und gesagt, dass er unbedingt diesen DJ Hell für X-Mix engagieren müsse. Horst meinte, dass das nicht geht, weil er schon Mr. C für die nächste Ausgabe confirmed habe. Etwas despektierlich meinte ich dann: „Scheiß auf Mr. C, DJ Hell ist viel geiler, du musst das unbedingt machen.” Horst meinte nur: „Ok, wenn du der Meinung bist.” Dann hat Horst Hell kontaktiert, der war natürlich begeistert. Lustigerweise habe ich DJ Hell nur kurz bei seiner X-Mix-Releaseparty im Ultraschall [Münchner Club, Anm.d.Red.] kennengelernt. Damals war er in Deutschland schon eine Marke, außerhalb Deutschlands noch nicht so wirklich. Horst meinte deshalb, dass bei seinem X-Mix noch irgendwas mit dabei sein müsse, das es für das internationale Publikum interessanter macht.
Was habt ihr euch dann ausgedacht?
Das war die Geburtsstunde des legendären DJ-Quartetts, das John Acquaviva, Horst und ich uns bei der Popkomm 1994 bei einem Abendessen ausgedacht haben. Das war eben die Arbeitsweise damals: Das eine oder andere kam über Horst, einiges über mich. Auch weil ich bei Rough Trade zwischenzeitlich vom Telefonverkäufer zum Promoter befördert wurde und Promo für Warp gemacht habe – etwa für Aphex Twin und Autechre. Oder für R&S-Albumkünstler wie Juan Atkins, Carl Craig, CJ Bolland oder Ken Ishii. Über diese Kontakte konnte ich einiges einbringen. Was aber das A&R für X-Mix angeht: Das haben wir uns hälftig geteilt; fünf Ausgaben kamen von Horst, fünf von mir. Später haben wir dann eine Trennung vorgenommen: Ich war fürs Künstlerische verantwortlich, Horst fürs Geschäftliche, zum Beispiel für Lizenzierungen für die Compilations. Er hat außerdem ein exzellentes internationales Vertriebsnetzwerk aufgebaut – wir haben global mit den führenden Independents zusammengearbeitet.


War es Thema , dass du in die Firma einsteigst? Du hattest ja einen signifikanten Anteil am Erfolg.
Ich habe Anteile an der Firma bekommen, ja. 1996 habe ich bei !K7 angefangen, und X-Mix lief so erfolgreich, dass immer mehr DJs proaktiv auf uns zukamen und eine Mix-CD machen wollten. Das waren so viele, dass Horst meinte, dass wir eine zweite Serie brauchen. Das war die Geburtsstunde von DJ-Kicks. Die ersten Ausgaben sind musikalisch mehr oder weniger wie X-Mix, also Techno und House: Carl Craig, Stacey Pullen, CJ Bolland und Claude Young. Bei meinem Einstieg 1996 sagte ich zu Horst, dass ich es viel spannender fände, DJ-Kicks ein ganz anderes musikalisches Profil zu geben.
Was hat dir vorgeschwebt?
1995 waren Techno und House für mich mehr oder weniger over. Die wirklich spannenden Sachen haben auf anderen Labels stattgefunden, etwa bei Mo‘ Wax oder Ninja Tune. Ich machte dann den Vorschlag, dass wir mal mit zwei Jungs aus Wien, Kruder & Dorfmeister, sprechen. Die waren Horst nicht bekannt, ich habe ihm dann mal eine Kassette mit ein paar Songs von denen gemacht. Die hat er gehört und fand sie ganz geil.
Wie ging es dann weiter?
Es folgte diese halb-legendäre Geschichte, dass ich nach Gent geflogen bin, wo Peter und Richard aufgelegt haben. Ich bin in deren Backstage-Raum eingefallen und habe den beiden gesagt, dass wir unbedingt eine Platte machen müssen. Die dachten sich erst mal: Was ist das für ein Typ und was will der? Ich bin aber hartnäckig am Ball geblieben, und wir haben die beiden nach Berlin eingeladen, um mit ihnen zu Abend zu essen. Kurz danach haben sie zugesagt. Das war die erste DJ-Kicks-Veröffentlichung, die von mir initiiert wurde. Ein brillanter Kick-off für die Serie in einem anderen musikalischen Spektrum.

Und du warst zu diesem Zeitpunkt bereits Teilhaber von !K7?
Das bin ich 1999 geworden, anfangs nicht. Aber durch K&D und weitere sehr erfolgreiche Veröffentlichungen: Thievery Corporation, Kid Loco und andere liefen sehr gut, und irgendwann habe ich zu Horst gesagt, dass wir im Team so erfolgreich arbeiten, dass ich Anteilseigner bei !K7 werden sollte. Das nahm er nicht mit großer Begeisterung auf, meinte aber, dass wir in der Tat ein super Team wären. So habe ich die Anteile erhalten.