Wieso wolltest du DJ-Kicks überhaupt anders ausrichten?
Ich fand die Raving Society, die Westbam ausgerufen hat, fürchterlich. (lacht)
Wieso?
Ich habe ja angefangen House und Techno mit den ersten Import-Maxis zu hören, als ich noch in einem Plattenladen gearbeitet habe. Das war so 1987, 1988. Trax Records und andere Sachen aus Chicago, frühe Maxis aus Detroit. So was wie Transmat, KMS, Metroplex. Das ist musikalisch ein ganz anderer Schnack als die Raving Society. Ich möchte gar nicht despektierlich sein, nur war das für mich musikalisch nichts mehr. Ich fand Mo‘ Wax tausendmal spannender als Harthouse, Ninja Tune tausendmal spannender als MFS. Auch Warp oder R&S haben weit über den Tellerrand rausgeblickt. Das war spannender als das, was monatlich etwa in der Frontpage abgefeiert wurde.
Die Öffnung von Techno und House für Trance, Techno und House als Massenphänomen haben dich gestört. Du warst eher ein Underground-Musiknerd.
Genau. Ich habe in den Achtzigern die Sounds gelesen, dann die Spex. Später lieber die GROOVE als die Frontpage. Ich war 1992, 1993, auch 1994 noch auf der Loveparade. Das war toll auf dem Ku’Damm, ein großartiger Vibe. Aber als sie dann in den Tiergarten umzog, eine Million Leute kamen und Gotthilf Fischer einen eigenen Wagen hatte, dachte ich mir: Sorry, Leute, das ist überhaupt nicht mehr meins und auch musikalisch total langweilig. Es wurde auch immer schneller, mit 140 und 150 BPM und Schranz und wie das ganze Gedöns hieß. Die Innovationen haben woanders stattgefunden.
Als ich den Mix das erste Mal gehört habe, dachte ich nur: Wir sitzen hier auf purem Dynamit.
DJ-Kicks ist zwar wohl die erfolgreichste Mix-Reihe überhaupt, sie repräsentiert aber gerade nicht den Geist der Clubmusik, sie folgt einer anderen Dynamik, die gar nicht so leicht zu verstehen ist. Erlend Øye, zum Beispiel: Das ist jemand, der von der Dance-Muse geküsst wurde, der aber eine andere musikalische Kompetenz hat. Insofern ist es interessant, dass gerade DJ-Kicks so erfolgreich wurde.
Bei DJ-Kicks fand ich es spannend, Leute, die aus der Clubkultur kommen, Mixe machen zu lassen, die auch zuhause funktionieren. Das haben Peter und Richard perfekt gemacht. Genauso wie DJ Cam, Stereo MC’s, Thievery Corporation oder auch Andrea Parker. Bei Erlend Øye rief mich der damalige GROOVE-Chefredakteur Heiko Hoffmann an, der Erlend im Club auflegen gehört hatte. Erlend hat dazu live gesungen. Das fand ich in der Kombination spannend und wollte das unbedingt veröffentlichen.

Kannst du nochmal genau nachvollziehen, wie die K&D-Ausgabe zustande kam?
Ich habe in Gent Peter Kruder gegenüber erwähnt, wie geil ich finde, was sie auf ihren Songs so samplen, John Lurie und so weiter. Da haben die beiden schon gemerkt, dass der Typ weiß, wovon er spricht. In Berlin haben wir ihnen dann unser Konzept für DJ-Kicks vorgestellt. Die Cover waren damals immer Studio-Porträtfotos, die Ali Kepenek gemacht hat. Das wollten die beiden schon mal gar nicht. Die wollten ein Foto draußen. Die haben das Konzept mehr oder weniger umgekrempelt und gesagt: „Wir würden das machen, aber nur unter diesen und jenen Voraussetzungen.”

Wie seid ihr damit umgegangen?
Das fand Horst erst mal gar nicht gut. Wir haben uns dann wie eine Jury, Erich Moenius war auch dabei, zu dritt zu beratschlagt. Horst dann: „Die verändern das ganze Konzept, das können wir nicht machen!” Ich zu Horst: „Horst, das ist doch total super, was die hier für einen Input geben. Ich finde das klasse. Wir müssen das unbedingt machen.” Jedenfalls kamen wir dann zurück und haben zu Peter und Richard gesagt: „Wir machen das nach euren Vorstellungen, wir sind total begeistert.” Sechs Monate später kam der Mix an. Als ich ihn das erste Mal gehört habe, dachte ich nur: Wir sitzen hier auf purem Dynamit.
Ich fand erstaunlich, wie sich Kemy & Storm in dieser durch und durch männlichen Szene behaupteten. Goldie, Grooverider und wie sie alle hießen standen mit offenem Mund am DJ-Mischpult und haben zugesehen, was geil die beiden auflegten.
Sie haben die finale Version als DAT geschickt, an der nichts mehr verändert wurde?
Genau. Das gilt aber für alle DJ-Kicks-Mixe, zumindest in der Zeit bis 2006, in der ich da war. Das Konzept war, den Künstlern zu sagen: „Du hast carte blanche, du kannst musikalisch machen, was du willst.”
Ihr hattet aber durchaus eine klare Vorstellung davon, was DJ-Kicks sein sollte. War nie ein Briefing nötig?
Nein. Wir haben gesagt: „Eine CD hat 70 Minuten Spielzeit, mach‘, was du willst.” Die Künstler wussten nur von der grundsätzlichen Idee. Wir hatten ja aber auch Ausreißer, etwa Nicolette oder Kemistry & Storm, vielleicht das beste Beispiel.
Wie kam es zu dieser Ausgabe?
Ich bin damals viel nach London geflogen, wir hatten dort ein eigenes !K7-Büro. Dort bin ich öfters in den Club Blue Note gegangen, wo ich die beiden auflegen gehört habe und mir gleich dachte, dass sie fantastisch sind. Zumal ich eh gerne was mit Drum’n’Bass machen wollte. Ich fand erstaunlich, wie sich Kemy & Storm in dieser durch und durch männlichen Szene behaupteten. Goldie, Grooverider und wie sie alle hießen standen mit offenem Mund am DJ-Mischpult und haben zugesehen, was geil die beiden auflegten. Ich bin dann gleich hin und habe mich vorgestellt. Die beiden kannten DJ-Kicks schon und hatten Lust, eine Ausgabe zu machen. So ging das damals ständig. (lacht)
Wen hast du in dieser sehr spannenden Zeit für elektronische Musik nicht bekommen?
Ich kann mich erinnern, dass wir für X-Mix wahnsinnig gerne Derrick May gehabt hätten. Ihn habe ich auch ein paarmal im Club auflegen hören, und er war für mich damals der beste Techno-DJ, den es gibt. Er hatte allerdings gerade bei Sony Japan eine Mix-Up-Compilation veröffentlicht und durfte wegen Exklusivität nicht. Für DJ-Kicks hätte ich gerne Coldcut gehabt, weil ich ein großer Fan der Mix-CD 70 Minutes Of Madness war. Die war mit Sicherheit auch ein Einfluss für das, was wir mit DJ-Kicks machen wollten. Oder Nightmares On Wax, der allerdings bei Warp unter Vertrag war. Ich habe deshalb bei meinem Freund Steve [Beckett, Anm.d.Red.] angerufen. Der meinte nur: „Ihr Sucker, ihr ruft die ganzen geilen Künstler an und macht mit denen irgendwelche Compilations, wir bauen die aber alle auf!” Es gab also durchaus einen kritischen Blick auf DJ-Kicks, weil nicht alle gut fanden, dass die Serie nach Künstleralben aussah, es eigentlich aber Compilations waren. Wir haben dann trotzdem eine DJ-Kicks-Ausgabe mit Nightmares on Wax gemacht.
Wir haben zehn Jahre eng zusammengearbeitet, ein paar Millionen Platten verkauft und !K7 zusammen zu einem der führenden Labels im Elektronik-Bereich entwickelt.
Warum bist du letztendlich bei !K7 ausgestiegen? Warum seid ihr getrennte Wege gegangen?
Die zehnte X-Mix-Ausgabe kam von Hardfloor, die ein Oldschool-Acid-Set gemacht haben. Ich meinte zu Horst, dass das für mich ein sinniger Abschluss der Reihe ist und dass es reicht. Das war die letzte Ausgabe, DJ-Kicks wurde aber weitergeführt. Auch da bin ich aber an einen Punkt gekommen, wo ich das ganz Lounge-Trip-Hop-Zeug etwas langweilig fand. Mit Chicken Lips und Playgroup haben wir das Tempo beispielsweise schon wieder angezogen und einen Modern-Disco-Mix veröffentlicht, als über das Genre noch niemand geredet hat. Parallel dazu haben wir !K7 als Künstlerlabel etabliert und Leute wie Matthew Herbert, A Guy Called Gerald, Funkstörung oder Ursula Rucker gesignt.

Wie kam es dann zum Bruch?
Es gab eine Veröffentlichung, in deren Rahmen wir uns inhaltlich etwas zerstritten haben. Ich war der Meinung, dass wir dafür mehr Marketing-Geld in die Hand nehmen müssen, Horst war dagegen. Ein Wort gab das andere, und zwei Tage später rief er mich an und sagte, er würde es begrüßen, wenn ich bei !K7 aussteige. Wir haben uns noch einmal im Café Einstein in Berlin Unter den Linden getroffen, meinen Ausstieg besprochen, und dann war es das.
Warst du dann enttäuscht oder hattest du das Gefühl, dass Horst ausgesprochen hat, was ohnehin im Raum stand?
Persönlich hat mich das schon enttäuscht. Ich habe 1993 angefangen, ihn frei zu beraten. 1996 bin ich fest eingestiegen, wir haben zehn Jahre eng zusammengearbeitet, ein paar Millionen Platten verkauft und !K7 zusammen zu einem der führenden Labels im Elektronik-Bereich entwickelt. Wir haben in diesen zehn Jahren echt was gerissen. Deshalb fand ich es ziemlich bitter, dass eine inhaltliche Auseinandersetzung Anlass zur Trennung ist.

Das hat sich nur aus dieser einen Differenz ergeben?
Mehr oder weniger. Mein Plan war damals auch, nicht nur Künstler aus dem Elektronik-Bereich auf !K7 zu signen. Da waren wir uns auch uneins. Der Impuls für die Trennung entstand zum Teil durch die allgemeine inhaltliche Ausrichtung und durch diese eine Veröffentlichung. Seit 2008 bin ich nun bei [PIAS], mache meinen Job nach wie vor sehr gerne und kann dort auch Künstler und Bands unter Vertrag nehmen, die nicht aus dem Club-Kosmos stammen.
Es scheint dich noch heute ein Stück weit zu wurmen, dass du für deine Arbeit bei !K7 nicht richtig gewürdigt worden bist.
Ich möchte nicht, dass das rüberkommt, als ginge es um gekränkte Eitelkeit. Und als ich von Horsts schwerer Krankheit gehört habe, tat mir das wahnsinnig leid. Ich hätte nicht gedacht, dass mich das so bewegen würde. Und es tut mir auch wahnsinnig leid für seine Familie und seine Kinder. Mich hat nur die Nachberichterstattung geärgert, die suggeriert hat, dass er alles in Personalunion gemacht hat. Das war eben nicht so. Horst und ich waren von 1996 bis 2006 ein Tandem. Als ich bei !K7 ausgestiegen bin, hat Juan Vandervoort als A&R übernommen, der meiner Meinung nach auch einen exzellenten Job gemacht hat und dessen Name in der Berichterstattung auch erwähnt gehört. Wir hatten global mehrere Büros mit fantastischen Mitarbeitern, !K7 war ein Setup mit 20, 25 Leuten. Etwa Erich Moenius, der unser New-York-Büro eröffnet hat. Monika Kruse hat mal bei uns gearbeitet, auch Gregor Wildermann. Das war ein geiles Team, und ich finde, es kam etwas zu kurz, dass der Erfolg von !K7 von einem großartigen Teamspirit geprägt war – und eben nicht nur von einer Person.