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Es regnet wieder schwarze Kacheln. Am vergangenen Wochenende hat der Instagram-Account @bradnolimit eine beispiellose Vendetta gegen die Pariser Hardtechno-Bookingagentur Steer Management und vier ihrer Künstler gestartet. Shlømo, CARV, Odymel und Basswell sollen sich systematisch sexuell übergriffig gegenüber Fans verhalten haben, besonders auf Events in Südamerika.
Handfeste Beweise für diese Übergriffe gibt es keine, doch die blanke Zahl an DMs und Kommentaren, die @bradnolimit in einem Feuerwerk von Screenshots durch seine Story ballert, geben ein plastisches Bild ab. Gewicht verleihen diesem Callout nicht Fakten, sondern auch die Tatsache, dass sein Initiator selbst für Steer Management tätig war und die Übergriffe zum Teil miterlebt hat. Niemand zweifelt an, dass Brad Mitarbeiter der Agentur war. Und kaum eine Stimme stellt sich schützend vor die Künstler – es scheint offenbar bekannt gewesen zu sein, dass hier einiges im Argen liegt.
„Wir stehen für die Community”, reagieren die Festivals, während sie im Hintergrund hektisch die Line-ups mit dem digitalen Radiergummi bearbeiten, um die Namen unsichtbar zu machen, die sie noch vor zwei Wochen auf die Mainstage gebucht haben. In der Hardtechno-Szene herrscht also gerade großes Reinwaschen. Fair enough. Bei allem Recht, die Acts von den Line-ups zu nehmen, steht die Frage im Raum, ob hier tatsächlich Interesse an einer Aufarbeitung besteht oder ob bloß Krisenmanagement betrieben wird. Und mit Racheengel Brad geht der Callout von einer Figur aus, deren Widersprüchlichkeit angesichts des Gewichts der Anschuldigungen nicht ausgeblendet werden sollte.
Hardtechno-Stars mit sechsstelligen Instagram-Follower-Zahlen degradieren Frauen zu wertlosen Sexobjekten und machen sich über die Erniedrigung auch noch lustig. In einem Fernsehinterview mit Shlømo und in zahllosen von Brad geteilten Nachrichten und Kommentaren tun sich die Abgründe toxischer Maskulinität und frauenverachtender Bro-Culture auf, wie man sie aus der Rockmusik kennt, denen die Technokultur mit ihren Werten von PLUR, von Peace, Love, Unity und Respekt, einst entgegentrat.

Mittendrin in einem Strudel aus Screenshots, Zitatkacheln und Memes: Brad, der Mann mit dem Account @bradnolimit. Er hat ausgepackt, eine Liste von Namen in den digitalen Raum geworfen, die man sonst nur auf den Plakaten sieht, vor denen Kids mit zu vielen Muskeln für Selfies posieren. Shlømo. Basswell. CARV. Odymel. Fantasm. Diesen DJs aus der Hardtechno-Szene wirft Brad das Worst-of des menschlichen Abgrunds vor: sexualisierte Übergriffe, systematisches Grooming, Backstage-Storys zwischen Drogen, Macht und dem Gegenteil von Einvernehmlichkeit. Denkwürdig und bisweilen auch fragwürdig sind die Methode und die Motive seines Callouts.
Brad postet Screenshots von – man muss es dazu sagen: nicht verifizierbaren – DMs und Kommentaren, in denen von Drohungen und manipulativem Verhalten die Rede ist. Er zeichnet das Bild seiner Ex-Agentur, Steer Management, die weggesehen hat, solange die Buchungszahlen stimmten. Ein Schweigekartell aus Bookern, Managern und Künstlern, die sich gegenseitig Groupies und Alibis zugeschoben haben. So bewundernswert und selten es ist, dass sich Mitarbeiter gegen ihre Chefs und mächtige Künstler wenden, hat der Auftritt von Brad doch ein Geschmäckle.
Plötzlich Whistleblower
Brad ist nämlich niemand, der plötzlich vom Blitz der moralischen Erkenntnis getroffen wurde. Brad war mittendrin statt nur dabei. Als Agent bei Steer Management war eine Person, die am Tisch saß, als die Deals gemacht wurden. Er war mutmaßlich in den Gruppenchats, als die Witze gerissen wurden. Er stand am Rand, während das passierte, von dem er sich immer schon, wie er behauptet, mit Ekel abwendete.
Brad macht aus einem systemischen Problem eine Reality-Show.
Das riecht nicht nur nach zu viel Testosteron, sondern auch nach privater Vendetta. Die Chronologie der Moral dürfte bei Brad nämlich auffallend deckungsgleich mit der Chronologie seiner mutmaßlichen Kündigung sein. Jahrelang war Schweigen sein Businessmodell, Wegsehen sein Jobprofil. Man fragt sich: War die Gerechtigkeit für die Opfer auch schon ein Thema, als die Provisionen noch pünktlich auf dem Konto landeten? Oder ist die moralische Integrität ein Luxusgut, das man sich erst leistet, wenn das Ego zerbrochen ist?
Callout aus Überzeugung oder Rachefeldzug eines Ex-Agenten?
Brad behauptet, er sei gegangen, weil er es nicht mehr ausgehalten habe. Die Gegenseite sagt, er sei geflogen, weil er selbst „creepy” war. Jedenfalls mutiert er erst zum Whistleblower, als die eigene Reputation als Agent leidet. Das Motto: Wenn du mich anzündest, verbrenne ich dein Haus. Mit allem, was drin ist.
Es zeigt sich eine unauflösbare Mischung aus echtem Missbrauchsskandal und verletztem Ego. Brad inszeniert sich als Sensenmann. Er postet Dutzende Storys am Tag, feiert sein Follower-Wachstum wie einen Charteinstieg und suhlt sich in der Rolle des Rächers. Er nutzt die Sprache von #MeToo, um einen privaten Blitzkrieg zu führen. Er zieht von einem Luxusresort in Costa Rica aus gegen das Hardtechno-Kartell in den Krieg, kann sich aber nicht von dessem brachialen Duktus lösen. Das mag zwar Aufklärung sein, ist aber auch die Geiselnahme der Moral.

Man sieht es an der Art, wie er mutmaßliche Beweise präsentiert: Screenshots, DM-Ausschnitte, Memes. Er vermischt alles zu einem Brei aus Empörung. Hauptsache, der Algorithmus füttert ihn. In vier Tagen von null auf mehr als 64.000 Follower. Die Opfer werden zu Statisten im persönlichen Ego-Trip degradiert. Er ist nicht der Anwalt der Betroffenen, sondern der Regisseur seines eigenen Revenge-Pornos.
Und während er die Hardtechno-Welt brennen sehen will, läuft daneben das Business einfach weiter. Man sieht die schwarzen Kacheln der Festivals – „Wir distanzieren uns!” – und in der nächsten Story das Video vom letzten Gig. Laser, Schweiß, Stroboskop. Die Show muss schließlich weitergehen. Es ist das bizarre Ballett des modernen Hardtechno-Betriebs: Moralisch sauber in der Pressemitteilung, aber an der Kasse ballert man die Ethik weg wie eine schlechte Line. Man will das Geld der Fans, die soziale Verantwortung wird selten übernommen. So mutet die aalglatte Cancellation der beschuldigten Künstler seltsam an, auch weil die Aufarbeitung ihres Verhaltens und möglicher Übergriffe nie angekündigt wird, weil Verantwortung kaum mal mehr als ein leeres Versprechen ist. So wirken die bereinigten Line-ups wie ein Bauernopfer, sobald der Whistleblower laut genug schreit.
Ego? Welches Ego?
Brad hat vermutlich recht mit dem, was er über die DJs sagt – wahrscheinlich sogar in jedem einzelnen schmutzigen Detail. Aber: Er bemüht sich weder um die Stimmen noch um die Zustimmung der Betroffenen, in deren vermeintlichem Interesse er hier spricht. So instrumentalisiert er auch das Leid von Frauen, um sich an seinem Ex-Chef zu rächen. Er macht aus einem systemischen Problem eine Reality-Show.
Das Tragische daran: Wenn sich die aufmerksamkeitsgeile Staubwolke gelegt hat und Shlømo in irgendeinem Beau Quartier von Paris seinen Kachel-Designer bezahlt hat, wird sich am System nichts geändert haben. Weil wir einem Mann applaudiert haben, der nur deshalb die Wahrheit gesagt hat, weil er – mutmaßlich – die Lüge nicht mehr verkaufen durfte.
Die Hardtechno-Szene braucht keine Sensenmänner mit Ego-Problemen. Sie bräuchte – wie übrigens jede andere sogenannte Szene – eine Kultur, in der man nicht erst gefeuert werden muss, um ein Gewissen zu entwickeln. Aber bis dahin ziehen wir uns die nächste Story rein. Die Revolution läuft schließlich nicht im Fernsehen, sondern im Hochformat, zwischen Werbeslides für Nahrungsergänzungsmittel und der nächsten Tour-Ankündigung.