Die Mixe des Monats aus dem August findet ihr hier, die essenziellen Alben hier.
SAULT – 10 (Forever Living Originals)
Schon der Name SAULT steht für ein Phänomen: Ein britisches Kollektiv um Produzent Inflo und Sängerin Cleo Sol, das seit 2019 Soul, Gospel, Funk, Disco, House und R’n’B in eine neue, minimalistische Form gießt. Keine Gesichter in der Öffentlichkeit, kaum Interviews, keine PR-Kampagnen und dennoch eine Präsenz, die im heutigen Musikgeschehen kaum zu überhören ist. SAULT füllen eine Lücke, denn ihre Musik wirkt wie ein Ritual zwischen Körper und Geist, sie ist gleichzeitig Groove und Gebet. Im Zentrum steht Cleo Sols Stimme, die tröstet, klagt, erhebt und wie ein Leuchtturm durch die Kompositionen führt, während Inflo den Rahmen so reduziert wie präzise setzt.
10 erschien bereits am diesjährigen Ostersonntag, also vor ziemlich genau vier Monaten. Dass es sich in dieser Zeit zu einem der Alben dieses Sommers mauserte und zum anderen erst seit August auch auf Vinyl vorliegt, sind nur zwei der Gründe, die 10 zum Album des Monats machen. Das Kollektiv knüpft nahtlos an seine Mission der Heilung, Selbstermächtigung und des spirituellen Erwachens an. Die Stücke folgen keiner linearen Dramaturgie, sondern entfalten sich wie eine Reise in Schleifen.
Alles beginnt mit „The Healing” und endet mit „Sounds Of The Healing” – ein Kreisschluss, der den gesamten Weg vom Erkennen des Schmerzes über das Wiederfinden der eigenen Stärke bis hin zum Moment der Heilung musikalisch rahmt. Dabei reduzieren SAULT ihre Songtitel auf Abkürzungen, die wie ein geheimer Code wirken. Ein Rätsel, das sich erst im Hören der Stücke nach und nach entschlüsselt.
Im Kern ist es Groove, Körpermusik, die sich nicht auflösen will in bloßer Spiritualität, sondern die Beine mitnimmt.
Stilistisch ist 10 funkiger und energetischer als manche der Vorgänger, doch stets durchdrungen von einer spirituellen Wärme. Während „Power” ein R’n’B-Statement mit treibendem Groove und klassischem Funk-Spirit ist, schlägt „Know That You Will Survive” leisere Töne an. Es ist basslastig, warm und tröstend, mit Cleo Sols eindringlicher Botschaft der Resilienz, die wie ein Mantra gegen alle Widrigkeiten wirkt. Fast meditativ erscheint „Look Up”, dessen Gitarrenriffs und chorale Gesänge an Gospel anklingen und dem Stück den Charakter eines Soul-Gebets verleihen.
Eines der wesentlichen, immer wieder auftauchenden Motive des Albums ist das Kollektive. Sei es in den lyrischen Botschaften, deren Inhalte über Gefühle, Krisen und Hoffnung erzählen, als auch in den musikalischen Texturen. Titel wie „Higher Than The Rain” oder „We Are Living” verzeichnen orchestrale Schichtungen und deuten mit dieser kollektiven Kraft auf ein gemeinsames Empfinden hin. Es herrscht ein Wir, kein Ich. Und genau darin liegt die Kraft von 10 – sich in etwas Größeres einzubringen.
Und doch bleibt das Ganze nie entrückt. Im Kern ist es Groove, Körpermusik, die sich nicht auflösen will in bloßer Spiritualität, sondern die Beine mitnimmt. Alles bleibt rhythmisch und organisch. 10 wirkt weniger wie ein Album, das man hört, als wie ein Zustand, der von Bewegung gekennzeichnet ist. SAULT legen mit dieser Platte ein Werk vor, das gleichermaßen alt wie neu klingt, intim und kollektiv, und das auch im Kosmos der elektronischen Musikgenres seinen Platz so selbstverständlich wie unverzichtbar behauptet. Denn am Ende geht es um Bewegung, und zwar um die des gemeinsamen und kollektiven. Wuchtige Beats oder Synths braucht es dafür nicht. SAULT gelingt es, all diese Energien in weiche, warme Klangschichten zu übersetzen und dennoch dieselben musikalischen Räume zu öffnen, die sonst von DJs mit ganz anderen Mitteln betreten werden.