Motherboard: November 2024

Was immer aus Folktronica wurde, der Stil hat in Andrew Hunt einen würdigen Vollender gefunden. Als Dialect scheut der ehemalige Gitarrist und Sänger der Liverpooler Indierocker Outfit keinen Aufwand, sein fragiles Songwriting in feinwürzig detailverliebte Instrumental-Elektronik einzubetten. Mit ein bisschen Glitch, ein bisschen neo-impressionistischer Instrumentierung um Piano, Cello und Akustikgitarre klingt Atlas of Green (RVNG Intl., 20. September) tatsächlich wie nichts anderes zurzeit, aber durchaus wie so manche kurz nach der Jahrtausendwende erschienen Kleinode. Etwa von Rei Harakami, Takagi Masakatsu, Haruka Nakamura, Flica oder Akira Kosemura. Es ist vermutlich kein Zufall, dass diese Referenzen alle aus Japan kommen. Leichte Folktronica in edlem Songwriting, das ist eine edle, doch leicht übersehene Qualität.

Auch Stadion-Techno-Rocker besitzen eine sanfte Seite. Manchmal leben sie die auch aus, wie zuletzt Moderats Szary. Der Berliner Producer Jan-Philipp Lorenz, der unter anderem bei Gheist mitspielte und zudem noch eine Indie-Rocker-Vergangenheit in Mannheim aufweisen kann, nimmt als Bi Disc die Großraum-affinen Gefühlsaufwallungen auf. Und setzt sie in einen Neoklassik-Electronica-Kontext. Die Unwritten Poems (Bigamo, 15. November) bleiben eher instrumentale Songs als Tracks. Sie erlauben sich, nicht auf maximalen Punch und beste Wirkung optimiert zu sein. Sondern sich klein und verspielt zu geben. Nicht viel mehr zu wollen, als eine freundliche wie angenehme Atmosphäre zu kreieren. Und das ist ja heute schon richtig viel und richtig selten.

Interessant, wie Body Meπa es geschafft haben, auf ihrem zweiten Album deutlich anders zu klingen als zuvor. Denn eigentlich hat sich nichts geändert. Für Prayer in Dub (Hausu Mountain, 25. Oktober) hat das Quartett um Extrem-Drummer Greg Fox sein klangräumliches Konzept weitgehend beibehalten: Das Schlagzeug klappert mittig oben, knapp darunter der quirlige Bass, dazu eine Gitarre links und eine rechts. Und doch klingt ihr Math-Rock mitunter wie Ambient. Zwar immer noch unter extremem Druck, aber zu den Seiten hin ausgewaschen, schwebend, beinahe statisch und verhältnismäßig introspektiv. Und das alles in der klassisch schwermetallgewichtigen Rockbesetzung. Die neue Leichtigkeit im kontrollierten Prog-Out.

Der Berliner Schweizer Samuel Rohrer ist ebenfalls ein extrem versierter Multifunktions-Schlagzeuger, der gerne mal in an sich nicht so perkussive Genres wie Ambient hineinarbeitet. Auf Music For Lovers (Arjunamusic Records, 15. November) ist das Dengeln, Scheppern, Klopfen und Rattern komplex und frei wie selten. Immer am Rande zur Auflösung ins beinahe Arrhythmische. Aber genau dadurch auf einer höheren Ebene eben komplett entspannt und locker gemacht. Lässt man die hochkomplizierten Rhythmen als übergeordnetes Gesamtbild wirken, bleibt freundliche Ambient-Electronica mit dem gewissen ideellen Mehrwert, der ein Eintauchen und Mitdenken anbietet. Aber nicht einfordert.

Dezidierte Ambient-Remixe sind keine einfache Sache, weder künstlerisch noch ökonomisch. So ist es mutig wie erfreulich, dass Diamond Day, ein kanadisches Trip-Hop Duo, erst einen Testballon mit Ambient-Mixen seines Albums Connect The Dots starten, bevor Anfang 2025 eine EP mit clubtauglichen Remixen folgt. Erstere namens Dot Dot Dot (spaced-out remixes) (Diamond Day, 1. November) können zudem eine exquisit-eigenwillige Auswahl an Bearbeiter:innen vorweisen. Musiker:innen aus einer ganz anderen Generation, für die Remixe nicht unbedingt das tägliche Brot darstellen, etwa die seit Ende der Achtziger aktiven Äther-Rocker His Name Is Alive, der Shoegaze-Noise Psychedeliker Sonic Boom und Michael Lückner von Guitar und den Computerjockeys.

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