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Motherboard: August 2024

Einer ist in der frankophonen Welt ein experimenteller Popstar, die beiden anderen seit vielen Jahren geschätzte und vielbeschäftigte Studiomusiker. Das Gitarrentrio aus Seb Martel, Matthieu Chedid, Mathieu Boogaerts ergibt also einen heimlichen Hochkaräter, der mangels Vorbild doch keinerlei Erwartungen weckt, was das Debüt Face Cachée (Infiné, 24. Mai) perfekt einlöst. Was zwischen Postrock und Impro mit elektrischen Gitarren gehen könnte, interessiert die drei aber nur am Rande. Die Abstraktionen von Rock und Folk schütteln sie wie selbstverständlich aus den Ärmeln. Es geht ihnen tatsächlich um ausformulierte instrumentale Songs mit langem Atem und Tiefe. Als hätten sie versucht, die ultimative Jazz-Platte zu machen, ohne zu wissen, was Jazz eigentlich ist.

Das Pfeifen beim Wandeln am Abgrund, es kann ziemlich entspannt klingen. Das prominente Berliner Dub-Rock-Trio Yelka ist mit For (Karaoke Kalk, 26. Juni) knapp vor der Mitte seines ambitionierten Dreijahresplans angelangt, alle drei, vier Monate ein neues Album herauszubringen. Vom Dub sind Yelka Wehmeier, Daniel Meteo und Christian Obermaier mittlerweile ein wenig abgedriftet, um nach dem khruangbinigen Krieg und Ferien in atmosphärisch wie emotional nahe verwandten Gefilden von kosmischer Musik und motorischem Kraut-Pop zu mäandern. Pop ist universell, Dub ist kosmisch, Funk ist dabei. Passt doch alles bestens zusammen.

Als Bassmann der Math-Rocker Lightning Bolt kennt sich Brian Gibson mit der simultanen Herstellung von Geschwindigkeit, Dichte und Schwere bestens aus. Als Designer und Soundtrack-Künstler für Puddle, die gerade das äußerst psychedelische Game Trasher (Thrill Jockey, 23. August) herausbringen, macht er sich gerade einen Namen. Die meist, aber nicht immer perkussiven Tracks reichen von schwer überschaubaren Drum-und-Metal-Exegesen zu eher atmosphärischem Dark Ambient. Immense Wucht und Kraft haben alle Stücke.

Karg sparen oder minimalistische Beschränkung, sowieso Einengungen irgendeiner Art wären für das Duo Moth Cock aus Kent, Ohio völlig fehl am Platz. Wie gut, dass die Live-Tape-Serie von Hausu Mountain einen adäquaten Rahmen bietet. Deren jüngste Ausgabe HausLive 3: Chicago Twofer (19. Juli) ist nicht weniger als die Vollbedienung an Free-Jazz-Psych-Improv auf C90-Kassette. Und im unrasierten Live-Zustand sind die letzten Hemmungen weggefallen, falls es je welche gab. Komplett enthemmtes Tröten und Klappern über die lange Strecke. Kaum auszuhalten und großartig. Am besten einfach machen lassen und sich ergeben. Etwas anderes bleibt dir nicht übrig.

Die Hausu-Mountain-Hausband BBSitters Club steht dem selbstredend nur in wenig nach. Klar, wenn man zwei Grateful-Dead- und Captain-Beefheart-Fans einen Sampler gibt, ihnen noch dazu eine MIDI-Gitarre und einen Bass in die Hand drückt und dann zwei gestandene Chicago-Indierock-Weirdos dazuholt, um eine richtige Rockband zu formen, ergibt das nicht weniger als ein üppiges Live-Album wie Joel’s Picks Vol. 2 (16. August). Ausdauernde Tracks, die von Math-Rock über Punk-Funk-Prog regelmäßig in einem hirnerweichenden Improv-Freakout enden. Aufgenommen selbstredend in einer mehr als adäquaten Annäherung an die originale Frühneunziger-Camcorder-Soundqualität.

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