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Mixe des Monats: Februar 2024

Chami – Reclaim Your City 580 (Reclaim Your City)

Wenn Chami nicht gerade seinem Partner OPH gegenübersteht und im Face 2 Face „spezielle Energien” erzeugt, die Clubs wie das Berghain oder das Bassiani in Schwingungen versetzen, spielt der französische Wahlberliner seine DJ-Sets auch mal alleine. So etwa für die Podcast-Reihe Reclaim Your City, deren 580. Ausgabe er mit zwei Stunden Techno füllt.

Und zwar mit ausgezeichnetem Techno vom Vinyl, dem der Groove nicht abhandengekommen ist. Der die kritische 140-BPM-Marke kaum überschreitet und die Kick nicht zur alles dominierenden Hauptdarstellerin macht. Denn da ist mehr: Hi-Hats, die für ein paar Takte zischeln, Claps, die die Maschinenmusik menscheln lassen, und Bleeps und Stabs, die Orientierung geben in diesem Moloch, es zugleich dynamisieren. Die zweite Stunde gerät mit schweren Strings und vereinzelten Vocals intensiver, ohne an Verspieltheit einzubüßen, quasi ein Closing ohne Konzessionen an die Zweckmäßigkeit.

Als Teil des Kollektivs Minijob veranstaltet Chami illegale Raves im Berliner Umland mit. Und auch wenn diese aufgrund der zunehmenden Nachfrage seiner DJ-Künste weniger geworden sein dürften, so klingt seine Interpretation von Techno unweigerlich informiert vom Deinstitutionalisierten: roh, entfesselt, eigenwillig. Maximilian Fritz

suadeTruancy Sessions S01 E01 (Truants)

Mit diesem Set von suade startet Truants eine neue Mix-Serie, die in Seasons mit jeweils acht Folgen erscheint. Dass es hier weniger um DJ-Testosteron geht als bei den regulären Truants-Folgen, unterstreicht schon das Set des DJs aus San Francisco, das mit seinen gemütlichen 120 BPM Raum schafft, sich in trippigen Klanglandschaften zu verlieren.

Die Mehrheit der Tracks stammt aus den späten Neunzigern und frühen Zweitausendern, sie nehmen den Faden von elektronischen Bands wie The Orb oder Orbital auf, die das Techno-Diktat mit einem improvisatorischen Live-Charakter aufbrechen. „Close” von Hamel fügt dem noch eine jazzige Note hinzu. Mit „Ohno (The Real Twisted Bonus Beats)” von Danny Tenaglia wechselt der US-Amerikaner ins eher selten frequentierte Fach downbeatiger Tribal-Grooves, um dann in eine housige Sequenz überzugehen. Die House-Grooves klingen oldschoolig und puristisch – egal, ob sie im Fall von E-Motion 1995 oder wie die von Eden Burns 2023 entstanden sind. Mit den housigen Trancesound von „The Cutting Edge – Vol. 1” von DJ Steve Lee kommt der Mix in der Gegenwart an – auch weil suade die Nummer von den ursprünglichen 122 BPM auf 130 pitcht. Mit „Entity” von Northface oder „Truti” von Temponauta wird der Mix im letzten Drittel reduzierter und konzentrierter, man meint, nach der turbulenten Peaktime in den Morgenstunden angekommen zu sein. Stilsicher verklingt der Mix mit einem Ausschnitt aus dem Global-Communication-Meilenstein 12:18, in den geflüsterte Worte von Ana Roxanne gemischt sind. Alexis Waltz 

Mr. Redley – Black Wine Club 26 Februar 2024 (Rinse FM)

Die Tage werden länger, das Wetter angenehmer, die Winterdepression milder. Fühlt sich zumindest so an. Diesen Mix sollte man passend dazu hören. Die aktuelle Ausgabe von Black Wine Club begrüßt euch mit souligem Good-Vibes-Deep-House und baut sich zu acidlastigem und dennoch groovigem Techno auf. Der Londoner DJ und Rinse FM Resident Mr. Redley mixt gekonnt verschiedene Vocals und Synth-Pads zusammen und kreiert vor allem zum Ende eine clubartige Stimmung, die zum Tanzen einlädt.

Im Verlauf des Sets überrascht Redley immer wieder mit funkigen Tracks, und trotz der Genrewechsel bewegt man sich in einer musikalisch zusammengehörigen Welt. Die Selection ist äußerst Neunziger-lastig oder klingt zumindest so. Besonders auffällig sind die rohen und lebendigen 909-Drums in den Tracks bei Minute 20:45 und 53:00, die dem Mix einen nostalgischen Vibe verleihen. Definitiv ein Set, das vorfreudig auf den Frühling und die Open-Air-Saison stimmt. Die Black Wine Club Show läuft jeden Montag von fünf bis sechs Uhr auf Rinse FM. Virginia Bartocha

Eris Drew – Eris Drew’s Mystery of the Motherbeat Part 2

Das Schöne am Mix-Format ist, dass sich Künstler:innen gänzlich frei entfalten können, ohne jegliche Erwartungshaltung einer feierfreudigen Menschenmenge oder zeitliche Begrenzung der Sets, mit der sich DJs oftmals konfrontiert sehen. Wobei es bei Eris Drew eigentlich nie so etwas wie Grenzen und Regeln zu geben scheint. Die in Chicago lebende gebürtige Australierin nahm sich für die Fortsetzung ihres 2018 veröffentlichten Mix „Eris Drew’s Mystery of the Motherbeat Part 1 (formerly Her Damit)” die Zeit und Muße, in einer konzentrierten, erfahrenen und meditativen Art und Weise ihre, laut Drew, schönsten Platten zu kuratieren.

Der zweite Teil verführt zur Melancholie, zum Zu- und vor allem Hinhören. Gleitende Pads, wohlige Basslines und heilbringende Vocal-Chops bestimmen die Richtung, während man zwischen träumerischen House- und Breakbeats schwebt. Stilistisch gehen die kontemporären Tracks über den Mix hinweg ein feinfühliges Call & Response-Wechselspiel mit Musikstücken aus den Neunzigern ein. Die dadurch entstehende eigene Dynamik setzt sie in einen modernen Kontext. Mit einem Moby-Remix von Brian Enos „Fractal Zoom (Mary’s Birthday Mix)” lässt Eris Drew die erste Stunde auslaufen, um mit einem dubbigen Paukenschlag die zweite und gleichzeitig schnellere Sektion einzuleiten.

Tanzbar, durchdacht und ein Zeugnis von Drews Fähigkeiten hinter den Decks. Schlussendlich ist der Mix wie ein köstliches Aufatmen, der die Sonne durch die tiefhängende Wolkendecke unserer Gemüter brechen lässt. Leon Schuck

Gabber Eleganza – Djset at Fuse, Bruxelles 28.10.2023

Guten Abend, gute Nacht, heute wieder nur an Gabba gedacht. Ist ja ehrliche Mukke. Die ganze Zeit macht es önz, önz, önz und umpf, umpf, umpf und tschäng, tschäng, tschäng – von den schönen Melodien wollen wir gar nicht reden!

Stellvertretend spielen wir diesen Mix, denn: Einer, der das beste Gabbagool weit und breiter runtersäbelt, ist Gabber Eleganza. Den kennen ein paar natürlich, und wer ihn nicht kennt, weiß dank smarter Namensgebung trotzdem, dass es sich bei der folgenden Geschichte nur so semi um Muttertagsmusik handelt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich vor ein paar Jahren vollkommen nüchtern um sechs Uhr früh in einem römischen Club von circa 300 Tifosi umgeben den letzten Track der Eleganza mitschwitzte, das heißt: bestaunte, weil der Never-Sleep-Typ eine italienische Arbeiterhymne abspielte und plötzlich alle, ich meine, alle außer mir, inbrünstig einstimmten. Gänsehaut kennt ihr, diesen Mix vermutlich noch nicht. Auf geht’s, Tempotempo! Christoph Benkeser

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