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Die Platten der Woche mit der neuen Aniara, Gaussian Curve, Lawrence, Rosati und Voiski

Bergqvist / Dorisburg / Genius Of Time – AniaraWL03 (Aniara)

Beim Produzieren von Tracks ist es manchmal wie beim Kochen. Nicht die Menge der Zutaten ist wichtig, sondern ihre Qualität und Zubereitung. Für den Produzenten Bergqvist reicht ein stotternder Drumcomputer, ein nervöser 303-Bass und ein Arpeggio, das weit hinaus kreiselt, um glücklich zu machen. Dorisburg nimmt noch weniger Drumcomputer, dafür gezielt synkopiert, einen allenfalls angedeutet rhythmisch getupften Bass und so ein herrlich verwischtes Akkord-Glissando im Hintergrund für eine kleine Groovemusik der vermeintlich unverbindlichen Art. Genius of Time rückt die Dinge dann etwas gerader zusammen, lässt aber ebenfalls viele der gewohnten Trackbeigaben weg oder legt sie so weit in den Hintergrund, dass man strukturierte Luft zu hören meint. Mit federndem Funk, wohlgemerkt. Tim Caspar Boehme

Gaussian Curve – Winter Sun / Fever Dream (Music From Memory)

Gaussian Curve eilt der Ruf einer Ambient-Institution voraus. Dabei gibt es das Trio erst seit gut zehn Jahren, und seine Diskografie umfasst gerade einmal zwei Veröffentlichungen: Clouds (2015) und The Distance (2017). Das Renommee rührt vor allem daher, dass sich hier drei außergewöhnliche Musiker zusammengefunden haben. Nämlich der italienische Komponist Gigi Masin, dessen Musik sich in den letzten Jahren einer großen Renaissance erfreute, auch weil sie zum Teil erstmals einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wurde, Jonny Nash, der mit seinem Label Melody As Truth und in verschiedenen Duos u.a. mit Suzanne Kraft oder Lindsay Todd auf sich aufmerksam gemacht hat, und Young Marco, zeitweilig der meistgebuchte DJ Amsterdams und wichtigster Vertreter einer Art House Music mit mediterranem Flair.

Nun also die dritte Veröffentlichung von Gaussian Curve, und entsprechend euphorisch wird Winter Sun / Fever Dream aufgenommen. Dabei handelt es sich um eine Vinyl-12-Inch mit zwei Tracks, die beide 2016 im Rahmen der Aufnahmen zu The Distance entstanden sind und 2022 für Liveshows aufgenommen, arrangiert und bearbeitet wurden. Schon auf „Winter Distance” hört man im Großen und Ganzen den typischen Sound des Trios: laid back, gemütlicher Aufbau, luftige Gitarren, warme, melodiöse Synthies, die CR-78 spielt einen Rhythmus, der sofort ins Jahr 1985 zurückversetzt, allein Sade singt nicht. Fever Dream macht mehr Druck, setzt auf die Bässe der TB-303 und die Drums der TR-808, die Gitarren sind hier rhythmischer, die Strukturen songhafter, und Gigi Masin singt ein bisschen. Absolut keine Enttäuschung. Sebastian Hinz

Lawrence – Gravity Hill (Smallville)

Der Meister des Clubsounds minimalistischer Fasson aus Hamburg, Lawrence, bei dessen Tracks zugleich das geistige Tech-Radar zu piepen beginnt und der physische Körper einen melancholischen Seufzer ausstößt: er schlägt wieder zu. Peter Kersten, so heißt er privat, kann nicht nur minimalistisch, sondern auch verspielt und experimentell. Kein Wunder, dass das facettenreiche Leben des Tausendsassas (Labelbetreiber, Ex-Plattenladenguy, irgendwas mit „Kunst”) sich auch in seiner Arbeit als Musiker manifestiert.

Gravity Hill beginnt mit monotonem Stampfbeat und baut sich nach einer Minute langsam auf. Erst ein wenig Bass, dann hintergründige, sanft angedeutete, himmlisch verträumte Keys. Diese Träumereien werden lauter, schieben sich in den Fokus, klingen ab – um dann zum Ausklang noch einmal aufzufahren. „Himmlisch!”, möchte man rufen. Und hätte recht damit. „Beaver”. Der Bieber. So ominös wie das Tier ist der dubbige Track mit durchgehender, entspannter Clap. Zur Hälfte etwas Melodie und fortwährend leicht wabernd wie gehabt. „Chillig!”, möchte man rufen. Und hätte recht damit. Mitunter leben Biber auch in Sümpfen, wenn sie nicht gerade Flüsse stauen. Angestaute Energie lässt sich beim nicht sehr wilden House-Track „The Swamp” höchstens wegschunkeln. Vielleicht bei einem Kaffee. Im Sitzen. Man kann mit dem Kopf nicken und mit den Füßen sanft zur wuchtigen Bassdrum stampfen. „Fein!”, möchte man rufen. Und hätte recht damit. „Stargazer”: leicht funky Bassline, eher techy Sound, aber, im Vergleich zu den anderen Dreien, weltabgewandt, der Blick durch die Stratosphäre, in den Raum hinaus, sich im ambientösen Sound verlierend, mit einfachen, molligen Akkorden begleitet. „Schön!”, möchte man rufen. Und hätte auch damit recht. Lutz Vössing

Rosati – First Impression (Dolly)

Mit der neuen TS-Series wendet sich Steffis Label Dolly wieder schnurgeradem Techno zu. Nach zwei relativ dubbigen EPs von Luke Hess und Lars Huismann darf nun der italienische Produzent Rosati ran. Seine First Impression fällt positiv aus: der Titeltrack ein farbenfroher, bounciger Electro-Groove, daneben Einflüsse aus Detroit, die für schwergewichtige, rohe Techno-Funk-Bretter sorgen. „Bloody Cash” peitscht mit unnachgiebigen Claps nach vorne, „Inside” galoppiert ähnlich fix und schafft es, blitzende West-Coast-Synths mit Acid und einer Portion überdrehter, guter Laune zu paaren. „Midas Touch” ist ein weiterer Glücksgriff mit techy Vocal-Snippets und sich überlagernden Synthmotiven, der mit seiner Energie an Radio Slave auf 142 BPM erinnert. Hier wird nichts versteckt oder für später aufgehoben, all killer – no filler. Leopold Hutter

Voiski – Hanging In The Stars Pt. 1 (Funnuvojere)

Was genau der aktuelle Post-Trance-Sound ist, lässt sich schwer in Worte fassen. In Zeiten, in denen auf jeder Abi-Party ein Sidechain-Chor über eine Bassline aus der Konserve hoppelt und der Sehnsuchtsort Sensation White nur noch einen Klick entfernt ist, lässt sich kaum voraussagen, was danach noch kommen soll. Dabei sind es genau Releases wie die neue EP von Voiski, die beweisen, dass man auf das immerwährende Gefühl der Melancholie keinesfalls verzichten braucht und es durchaus möglich ist, es sich auch diesseits der 140 BPM mit dem Kopf im Firmament gemütlich zu machen.

Hanging in The Stars Pt. 1 erscheint über Massimiliano Pagliaras Label Funnuvojere und überzeugt mit vier Anspielstationen, einem distinguierten Sound und wohlgewählter Intensität. Wobei der Opener und das Ende sich wie eine emotionale Klammer um einen Ambient-Track und einen kleinen Gruß an die Tanzfläche schmiegen. Das Hörerlebnis macht Lust auf mehr, und der EP-Titel verspricht Abhilfe – hoffen wir also auf Part 2. Till Kanis

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