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Die Platten der Woche mit Bertie, Dave Clarke, Polygonia, Photonz und Soshi Takeda

Bertie – Carabiner EP (Phenomena)

Die Australische Newcomerin Bertie geht das Produzieren angenehm erfrischend und unvoreingenommen an. So startet der erste Track „Body” auf ihrer Debüt-EP mit tropischen Drums und 8-Bit-Synths, was zwar an Anz’ Hit „Clearly Rushing” von 2023 erinnert, dann aber anstatt Abfahrt zu machen mit UK-lastigen R’n’B-Vocals vor sich hingroovt. Das unkomplizierte Prinzip setzt sich auf dem Rest der EP fort: vom bereits im November veröffentlichten Titelstück (simpler Acid-House mit euphorischer Melodie) über den leicht angetranceten Vocal-House von „Here 4 U” bis zum ebenfalls Peaktime-orientierten Piano-Disco von „Motion”. Zur Dreingabe gibt’s noch einen basslastigen Breakbeat-Remix von „Carabiner”, der mit seiner Synthmelodie schamlos die Neunziger referenziert. Aber Scham sollte bei einer solch gutgelaunten EP voller guilty pleasures eh außen vor sein. Wenn Bertie diesen Output aufrechterhält, stehen uns nämlich noch eine Menge weiterer Spaß-Garanten ins Haus. Leopold Hutter

Dave Clarke – Red 2 (Skint) [Reissue]

Es gibt nur wenige Platten, die den Clubsound der Neunziger so geprägt haben wie Dave Clarkes Red-Serie, deren 30-jähriges Jubiläum mit digitalen Reissues und einem im Laufe des Jahres erscheinenden Archive One-Boxset gekrönt wird. Innerhalb der Red-Trilogie war Red 2 für mich schon immer der größte Meilenstein: mehr noch als die beiden anderen Teile der Serie haben der Funk und die stilprägenden Chords von „Wisdom To The Wise” einen Signature Sound zum Leben erweckt, der auf einige Jahre die Clubs prägen sollte und bis heute in vielen House- und Dub-Techno-Produktionen nachhallt. Die Kombination aus stroboskopverblitzter Rave-Energie und ungestümer Funkiness hat eine Marke gesetzt, die für mich auf immer Dave Clarkes Geniestreich und zeitlosestes Meisterwerk bleibt. Mit „Gonk” gibt es auf der B-Seite noch ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten, der ebenfalls den Funk mit Löffeln gefressen hat, im Erfolg der A-Seite vielleicht etwas unterging, aber spätestens mit den ersten Takten auch für Freude bei allen Technokellerkindern der Neunziger sorgen dürfte. Stefan Dietze

Polygonia – Da Nao Tian Gong (Midgar)

Inspiriert von der klassischen chinesischen Legende Die Reise nach Westen um die Abenteuer des Affenkönigs Sun Wukong, die Lindsey Wang alias Polygonia im Kindesalter in Form einer Anime-Serie kennenlernte, wird auf Da Nao Tian Gong daraus eine Abfolge von vier sehr modernen Tracks elektronischer Tanzmusik, verortet irgendwo zwischen Techno und Electronica.So interpretiert das erste Stück Wukongs Reisegefährt, eine Wolke, als Kaskade auf Kaskade verspielt durch die Luft flirrender Arpeggio-Linien. Tribale Rhythmen verkörpern im folgenden Stück Suns magisches Haar, der hypnotisch-technoide dritte Track seinen beliebig seine Größe verändernden Kampfstab. Der über einem treibenden Beat sich mannigfaltig entfaltende Electronica-Tune, der die EP beschließt, steht wiederum für die 72 Verwandlungen, zu welchen Sun Wukong fähig ist. Und ja, auch abseits der Literatur-Bezüge ist diese EP von Anfang bis Ende eine runde Sache. Tim Lorenz

Photonz – Everyone Is Broken (Solar Phenomena Music)

Trotz des eindeutigen Titels entpuppt sich Everyone Is Broken nicht als düster – die Tracks sind funky, aber auf subtil andere Weise als gängige Clubmusik, noisy, ohne Richtung Feuilleton zu schielen, rockig (vor allem „Mirror Wound”), dies aber jenseits von Indie-Dance und platter Fusion. Und als größte Überraschung endet die EP mit einer soften Pop-House-Melange, die glatt als Neunziger-Pet-Shop-Boys-Instrumental durchgehen könnte. Hier tobt sich jemand aus, so scheint es – der EP-Titel reagiert ja höchstwahrscheinlich auf den schlimmen Zustand der Gegenwart.

Von solchen künstlerischen Statements kann es nicht genug geben, platte Gebrauchsmusik erscheint täglich mehr als genug. Nebenbei: Erstaunlich, dass Photonz aus den sechs Stücken kein Album gemacht hat – bei fast vierzig Minuten Laufzeit hätten sich viele Künstler:innen diese Chance nicht nehmen lassen. Hoffentlich beschert uns der Portugiese demnächst eine LP auf gleichem Qualitätsniveau. Mathias Schaffhäuser

Soshi Takeda – Same Place, Another Time (Mule Musiq)

Nostalgie geht zwangsläufig mit Verlust oder dem Gefühl desselben einher. Irgendetwas von früher, das man wieder herbeisehnt. Dass der japanische Produzent Soshi Takeda auf seinem Mini-Album Same Place, Another Time Nostalgie spürt, macht gleich der erste Titel „Analog Photography” deutlich. Ist dieses Medium doch selbst bei professionellen Fotograf:innen eine Seltenheit geworden. Statt gespenstisch vorbeiwehenden Flächen oder unter Effekten vergrabenen alten Klängen beherrschen bei ihm hingegen aufgeräumte Flächen die Räume. Sanfte Perkussion, dazu kristallklare, gern glockenhelle Töne. Kleine Melodien, mitunter von einer zart hallenden Gitarre, einen Hauch verspielt, dabei nie zu viel oder zu cheesy, höchstens ein ganz klein wenig. Darin ließen sich eventuell Spuren von Wehmut nachweisen. Vor zwei Jahren in den USA bei Constellation Tatsu erschienen, hat sich jetzt das Label Mule Musiq noch einmal der Sache angenommen. Sechs Tracks mit einer halben Stunde Heimweh, die so schmerzlos vorbeigeht, dass sie jederzeit wieder von vorn anfangen könnte. Sehr, sehr gut. Tim Caspar Boehme

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