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Die Platten der Woche mit Blawan, Code Industry, DJ Fett Burger, E.R.P. und Nachtbraker

Blawan – Dismantled Into Juice (XL Recordings)

Raus in den Club! Für den Produzenten Jamie Roberts alias Blawan scheint die Zukunft der Tanzmusik gerade erst begonnen zu haben. Mit Breakbeats und brummstarkem Bass als Grundlage ausgestattet, lässt er seinen Melodien und Effekten reichlich Auslauf, ohne aus dem Blick zu verlieren, dass bewegungsbegabte Lebewesen dazu nicht bloß auf wilde Trips gehen, sondern auch wiedererkennbare Muster vorfinden möchten. Die bietet Blawan auf Dismantled Into Juice durchgehend, hält es mit dem Erwartbaren aber variabel. Seine Klänge schlurfen und knirschen mitunter, Perkussion pocht bambushohl hallend, wo zwischendurch Stimmen aus dem Ganzen auftauchen, geben sie sich verzerrt. Tracks von saftviskoser Wandlungsfähigkeit, alles sehr schön seltsam. Tim Caspar Boehme

Code Industry – Structure (Dark Entries)

Wiederveröffentlichung einer wenig beachteten Gruppe aus Detroit. Rob Myers, E.N. Sevy, Kyl Crys und William Keith gründeten 1989 das Quartett Code Industry. Ihr Sound bespielt die Zeit zwischen EBM und Detroit Techno.

Schon im eröffnenden „Behind The Mirror (Image Mix)” schreit eine überhitzte Stimme über einem endlos nach vorne rotierenden Beat. „Fury” hüpft locker hinterher, und auch hier besticht das afroamerikanische Quartett mit einem Drive aus Sport und Eleganz. „Dead City” verschreibt sich mit einer Collage aus Medien-Fetzen, Stakkato-Parolen über die Zukunft und Polizeisirenen einer Dystopie, wie sie auch von bekannteren europäischen EBM-Namen wie Nitzer Ebb oder Front 242 stammen könnte.

„Crimes Against The People” schlägt im Industrial-Hip-Hop-Beat und bezieht symbolisch Stellung für die Marginalisierten, wo sich der europäische EBM gerne in mehrdeutigen Ästhetiken erging, etwa einer mit faschistischen Insignien spielenden Haar- und Kleiderordnung. Doch auch in der Sache der Musik ziehen Code Industry den Swing der geraden Härte vor. Eine erfreuliche Wiederentdeckung. Christoph Braun

DJ Fett Burger – Astral Solar, Edge Of Galaxy, Planetary Exploration (Sex Tags UFO) [Reissue]

Was wäre House ohne das Weltall? Für den norwegischen Produzenten DJ Fett Burger stellt sich diese Frage dankenswerterweise nicht, er geht in seinen House-Tracks zielstrebig an den Rand des Universums. Dazu sind ihm alle Mittel recht.

Sternentribalistische Perkussion in „Astral Solar”, sonnensynkopierte Breaks in „Edge of Solar”, dazu mit einer unendlichkeitstauglichen, aufsteigenden Akkordfolge gegen Ende hin. Für die erkundungsfreudige „Planetary Exploration” hat er belastungsresistente Hip-Hop-Breakbeats als Ausrüstung dabei, um Electro-Anleihen ergänzt, für alle Fälle. So richtig weit hinaus geht es dann im zehnminütigen Remix dazu von SVN mit gedrosseltem Bumms-Klatsch-Beat als Antrieb. Das Ganze ist als dreiteilige House-Suite angelegt, mit dezenten High-Energy-Anleihen zum Abschluss. So lässt sich feiern. Tim Caspar Boehme

E.R.P. – Untitled (Apnea)

Das Schaffen von Gerard Hanson alias E.R.P. reicht zurück in die frühen Nullerjahre, eine EP wird auf Discogs sogar auf 1996 datiert. Electro bildet über den gesamten Zeitraum die stilistische Klammer und spielt auch auf Untitled eine wichtige Rolle. Zwei Electro- und zwei Disco-infizierte Four-to-the-Floor-Tracks wechseln sich ab, und zumindest die ersten drei sind kompositorisch eng miteinander verwandt. In einem Rutsch gehört, wirken sie wie Variationen eines Themas – Tonart, Sounds und sogar Bassfiguren sind offensichtlich aufeinander bezogen, ähnlich wie in Soundtracks, in denen dieses Stilmittel leitmotivisch eingesetzt wird, um Figuren der Geschichte mit Sounds oder Melodien zu verknüpfen.

Leider war nicht zu erfahren, ob Hanson eine Hommage an Moviescores im Sinn hatte oder die Stücke sogar konkret für einen Film geschrieben wurden. So oder so, die Bilder entstehen ja bekanntlich größtenteils im Kopf, und diese EP ist ein fulminanter Kopfkino-Trigger. Mathias Schaffhäuser

Nachtbraker – Dondoni (Quartet Series)

Die Sache mit den Neunzigern: Sie sind lange vorbei. Also, fast 1000 Jahre liegen die schon zurück. Ziemlich viel Zeit, da kann man nix machen. Aber wer sich daran erinnert, war nicht und so weiter. Nachtbraker, den man nicht mit Nachtbakern, also der Szenebeschreibung von mitternächtlichen Ausreißern in Amsterdam, verwechseln darf, war da jedenfalls so gerade am Start. In der Kindergracht schaukelte er rum und hörte bestimmt schon viele Platten, die er heute als sogenannte Einflüsse einfließen lässt. In was, ist egal. Hauptsache Neunziger, weil yeah! Das ging zuletzt auf dem Gude-Laune-Label Peach Discs sehr gut. Da passt der zahnarztbeflügelnde Lächel-House von Nachtbraker hin.

Aber auch auf seiner Quartet Series grinsen alle wie verrückt. Liegt vielleicht an den lustigen Namen, die der Mann seinen Platten gibt. Capichone, Bay Be Blue, jetzt Dondoni! Na ja, wer so schön mit den Hüften klappern kann wie Nachtbraker, zum Beispiel mit dem immeranirgendwaserinnernden „Barkuchi Fus” oder der besoffensten Sommerhymne des Sommers, „Don’t Worry”, hat allen Grund zur Heiterkeit. Wir mit der Platte übrigens auch. Christoph Benkeser

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