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Motherboard: Februar 2023

Im Herzen des Experiments steht das Spiel – wild und frei, und doch nie aggressiv oder brutal. Die fiependen, dengelnden und nach vorne quengelnden Sounds der belgischen Vielfach-Instrumentalistin Roxane Métayer wimmeln und twangen, versuchen sich gegenseitig zu überholen, und doch ist der Klangraum insgesamt sparsam und behutsam besetzt. Weil ihre Mittel minimalistisch und einfach sind: Kinderinstrumente, Maultrommel, Kazoo, Hirtenflöten, eine mehr gekratzte als richtig gespielte Violine, kurze Vocalsamples und Dub-Effekte. Langweilig wird es auf Perlée de sève (Marionette, 15. Februar) jedenfalls nie. Aber eben auch nie überfordernd oder anstrengend. Strukturell sind die Sounds mal ganz altem Folk nahe, mal ganz neuem Ambient, jeweils als imaginierte Archaik und vorgestellt bunte Zukunft. Auch so kann eine mögliche neue Klassik klingen. Sollte sie sogar im besten Fall.

Kleinteilige, detailverliebte Soundexperimente ziehen sich durch das Gesamtwerk des Schweizer-Berliner Schlagzeugers Samuel Rohrer. Dass er gerne von Techno- und Electronica-Größen wie Ricardo Villalobos oder Tobias Freund als Studio- oder Livedrummer eingeladen wird, ist definitiv kein Zufall, denn mit ihnen teilt er die extreme Sorgfalt und Umsicht bei der Produktion von strukturell und klanglich eher minimalen Stücken. Immer wenn es scheint, als ob eine weitere Verfeinerung des Klangs, eine weitere Politur der Produktion kaum mehr möglich wäre, kommt ein Album wie Codes of Nature (Arjunamusic, 10. Februar) das in aller Perfektion wie eben mal locker aus dem Handgelenk geschüttelt daherkommt.

Breakbeats sind immer da. Sogar Drum’n’Bass bleibt erstaunlich untot, hin und wieder sogar richtig inspiriert, oft dann, wenn sich die Breaks in Form von Rave- und Jungle-Neuerfindungen manifestieren. Zwei Alben am schartigen Rand der Mainstream-Aufmerksamkeit, aber definitiv mit der Möglichkeit, die Festival-Headline und den Bigroom zu sprengen, könnten sich hier als wegweisend für dieses Jahr und folgende Erweisen.

Einmal nämlich SPINE (Arterial Recordings, 7. Februar) der Dänin SØS Gunver Ryberg, dier hier erstmals ihre Modularsynthesizervirtuosität in den Dienst klassischer und moderner Beats und Bässe stellt, also Tracks produziert, die wahlweise mit den Drum’n’Bass-Klischees der Neunziger spielen oder mit den Post-Club-Klischees der Zwanziger. Ryberg ist produktionell so versiert und geistig wendig genug, um diesen nicht unbedingt naheliegenden Hybrid ganz lässig zum Laufen zu kriegen.

Die musikalische Quervernetzung des Pariser Duos Maelstrom & Louisahhh erneuert dagegen die Energie von Postpunk, Gothic und frühem Industrial in Form von aktualisiertem Pillen-Rave. Und Sustained Resistance (RAAR, 10. Februar) liefert das mal ordentlich und gnadenfrei. Die beiden fieberträumen einen Post-Club-Sound herbei, den es eigentlich erst heute so und nicht anders geben kann. In postpandemisch dunklem Hedonismus und postapokalyptisch melancholischem Überdruck.

Spannend, dass die Faszination für mechanische Musikmaschinen in Zeiten von Loops und Samples nie gänzlich eingeschlafen ist. Vielleicht weil die rhythmischen Ungenauigkeiten des Mechanischen einen offeneren, kontingenteren Sound erlauben, der im Digitalen immer erst mühsam manuell oder praktisch KI-gestützt erzeugt werden muss, auf der anderen Seite aber ein Abstraktionslevel vom Handgemachten ermöglicht, das die alten Klischees, was gutes Musikertum (Muckertum) ausmacht, elegant vermeidet.

Marion Wörle und Maciej Śledziecki haben in der Vergangenheit schon oft mit Samples, gesteuerter Improvisation und digitalem Zufall am Glitch gearbeitet, etwa mit der Laptop-Band PIRX. Seit ein paar Jahren konzentrieren sie sich allerdings auf das Projekt Gamut Inc. Wo sie auf Sum To Infinity (Morphine Records, 20. Januar) computergesteuerte Percussion zu einem herrlich chaotischen und doch sehr ordentlichen, rhythmischen Sound dengeln, der von Gamelan und Gagaku bis Techno so einiges mitbekommen hat. Langeweile kommt da keine auf.

Die Gefahr der Biederkeit oder Langeweile kommt bei der Neoklassik des Briten John Bence ebenfalls schwerlich auf. Seine Stücke bewegen sich immer am emotionalen Maximum, auf Archangel (Thrill Jockey, 24. Februar) noch dazu sakralisiert, in biblisch-apokrypher Thematik vermittelt durch esoterisch-okkulte Lebenshilfe (Der Katalog Engel Und Erzengel von Damien Echols, einem der West Memphis Three), und im kathedralischen Sound, der ein unmittelbares Moment von Erhabenheit und Größe hervorruft, ein Kathedralen-Gefühl aus langem Hall und tief dröhnenden Stimmen.

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