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November 2022: Die essenziellen Alben (Teil 3)

Mount Kimbie – MK 3.5: Die Cuts | City Planning (Warp)

Es hätten auch zwei Alben sein können, die Dominic Maker und Kai Campos hier unter ihrem gemeinsamen Moniker Mount Kimbie veröffentlichen. Die beiden Platten der Doppel-LP stammen dezidiert von je einem der beiden Musiker, haben verschiedene Cover und sogar Titel, so ist MK 3.5: Die Cuts | City Planning’zu verstehen. Auch stilistisch unterscheiden sich die beiden Teile deutlich: Dom Maker steuert in Richtung Hip Hop, während Kai Campos einen technoiden Pfad einschlägt. Stellt sich die Frage: Was daran ist eigentlich noch Mount Kimbie?

In den fünf Jahren seit dem letzten Album Love What Survives ist viel passiert. Beide haben solo und in anderen Kollaborationen ihren eigenen Sound entwickelt und der Live-Musik-Charakter des hochgepriesenen Vorgängers ist verschwunden. Dom Maker lebt mittlerweile in L.A. und produziert für die MVPs im Game wie Jay-Z oder Rosalía. Auch für Die Cuts versammelt er einen illustren Kreis von Gästen: vom Langzeit-Weggefährten James Blake zu Danny Brown (being himself mit Zeilen wie „I roll my blunt so fat, we call it body positive”).

Sein Part des Albums ist in einen kontinuierlichen Mix zusammengefügt. Das erweist sich als gute Entscheidung, weil es den sehr unterschiedlichen Stimmen die Freiheit gibt, sich zu entfalten, aber trotzdem alles wie aus einem Guss erscheinen lässt. Dabei sind nicht nur Volltreffer dabei: „tender hearts meet the sky (feat. keiyaa)” etwa bleibt zu unentschlossen, aber in der Gesamtheit ist die Platte wunderbar stimmig. Maker vermag es auch, sich mit seinen Produktionen stark zurückzunehmen und die Stimmen der anderen Künstlerinnen ins Licht zu rücken. Ein guter Gastgeber bereitet anderen die Bühne. Die Eleganz, mit der er auf die verschiedenen Anforderungen eingeht, zeigt sein gutes Gespür als Produzent. Sein eigener Stil ist prägnant, wenn auch der Beat wie bei „if and when” fast komplett im Hintergrund bleibt. „dvd (feat. choker)” lässt noch das Post-Dubstep-Erbgut durchscheinen, wohingegen der Über-Ohrwurm „f1 racer (feat. kučka)” stark in Richtung Cloud Rap geht.

Kai Campos’ Part City Planning startet umhüllt vom verrauschten Ambiente dekonstruierter Field Recordings. „Q” klingt wie Burial auf einer strammen Viertaktmaschine und das darauf folgende „Quartz” schaltet à la Actress noch zwei Gänge rauf. Beide machen richtig Laune und schrauben die Erwartungen dementsprechend hoch, was der Rest der Platte nicht immer erfüllen kann. Die verträumten Arpeggios von „Satellite 7” bleiben ebenso ziellose Skizzen wie das lasche „Industry” oder das immerhin in schöne Lo-Fi-Watte gepackte „Transit Map (Flattened)”. Insgesamt ist Kai Campos’ Sound trotzdem gleichermaßen energetisch wie raffiniert. Deutlich wird das etwa bei „Zone 1 (24 Hours)” und dem Prelude „Zone 2”, zwei strukturell technoiden Tracks, die in Klang und Aufbau aber sehr organisch sind.

Ja, vielleicht könnten es auch zwei Alben sein. Aber was spricht dagegen, diese Form der Kollaboration zu versuchen, die dem individuellen Ausdruck mehr Platz einräumt? So wie sich beide Teile als polar gegenübergestellt präsentieren, wäre es schwer, sie zusammenzuführen, ohne die einzelne Handschrift zu verwischen. Das Album ist als Experiment zu sehen und als solches hat es seine Berechtigung und seinen Reiz.

Obwohl die beiden Hälften in temporaler Asynchronität gehört werden, legen sie sich im Nachhall übereinander und klingen gemeinsam aus. Und damit ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile. Um in Balance zu sein, braucht jedes Gewicht ein Gegengewicht, und das ist den beiden gelungen. MK 3.5 hat das Projekt Mount Kimbie mit viel Potenzial aufgeladen, und man darf gespannt sein, in welcher Weise sich das entlädt. Die beiden kündigen jedenfalls schon das nächste Album an und versprechen: „It won’t be 5 years until the next one”. Philipp Gschwendtner

Pole – Tempus (Mute)

Laut Stefan Betke, bekannt als Pole, ist die Zeit ein Perpetuum mobile. Im Titelstück des neuen Albums erhebt sich aus einer Ursuppe ein mechanisches Drehen. Es bringt den Track voran und wird begleitet von Synthie-Klecksern, einer Gitarre, einem Klavier. Es ist sehr offen gestimmt, nicht blue, nicht melancholisch, vermittelt dennoch eine Unvertrautheit mit den Dingen. Klavier und Gitarre?

Überhaupt rückt Pole mit dem Album Tempus von jenem Sound ab, mit dem er bekannt geworden war: die Beats sind klar, Hi-Hats erklingen tatsächlich in den Höhen. Zuvor stand Pole für ein verhalltes Bassknacksen mit vielen Referenzen auf Dub, eine Art abstrakten Dubs eben. Auf Tempus eröffnet er eine andere Welt, eine weniger verborgene, vielleicht alltägliche.

So wie Pole bisher mit Beats spielte, so tut er es allerdings immer noch, auch wenn sie anders klingen. Hinzu kommt jedoch eine neue harmonische Komplexität, die hier zum ersten Mal die Stücke ebenso trägt wie die Beats. Pole hat sich dazu viel einfallen lassen, keine Stimmung, kein evoziertes Bild wirkt hier greifbar. Das lädt dazu ein, Stücke wie das schummrige „Alp”, das kristalline „Firmament” oder das heiter-nervende „Stechmück” in unzähligen Durchläufen anzuhören. Sie werden größer, breiter, tiefer, diese Stücke. Christoph Braun

RAMZi – hyphea (Music from Memory)

RAMZis, der Kanadierin Phoebé Guillemots, beheimatet in Montreal, neues Album hyphea ist eine Weiterentwicklung musikalischer Skizzen, die ursprünglich Soundtrack für einen Dokumentarfilm über Pilze waren (Fun Fungi von Frederic Lavoie). Und das hört man der Musik effektiv an.

Die zwischen Ambient, Electronica und moderner Krautrock-Interpretation schwingend schwankenden Tracks sind von einer zutiefst organischen Note, klingen so feucht und fruchtbar wie tropfender Waldboden. Dabei atmet die Musik gleichzeitig eine grundlegend mysteriöse, psychedelische Stimmung, die sie in mannigfaltigen Facetten wieder ausatmet, in schwirrenden, auralen Fraktalen sanft um die Ohren bläst. Ein bewusstseinsschmelzender Sog somnambuler Intoxikation, dem man sich nur zu gern hingibt. Der traumhaft entführt in eine Welt ohne Grenzen und Perspektiven.

Der eine oder die andere mag gar Maschinenelfen an den musikalischen Gerätschaften am Werkeln spüren. Zutiefst psychedelische Musik also, die glücklicherweise aber – und das offenbart RAMZis Könnerschaft – nicht wie verstaubter Hippie-Schmock klingt. Chapeau. Tim Lorenz

Ripatti Deluxe – Speed Demon (Rajaton)

Ich hatte ganz vergessen, wie es ist, wenn eine CD einen Kratzer hat. Die Laseriode verzweifelt heimlich, still und leise. Wenn man das Ohr anlegt, hört man noch das klägliche Surren. Ein Hilferuf der Maschine, die noch nicht verstanden hat, dass es nicht an ihr liegt. Es ist Zeit. Zeit für den Gnadenstoß ihrer besten Freundin – für die CD. Führt das Pferd hinter den Schuppen, streichelt es zum Abschied nochmal liebevoll, denn es ist vorbei. Was aus den Boxen kommt, hat nicht mehr viel mit Musik zu tun. Hektische, falsch gesetzte Loops. „Ihr hättet sie mal in ihrer Blütezeit sehen sollen”, will man rechtfertigend rufen. Dann dieses bohrende Gefühl in der Magengrube, dass die Begleiterin, die einem ans Herz gewachsen ist, die einen kurzen Teil eines langen Weges mit einem gegangen ist, so nicht mehr existiert. Dass es in Ordnung ist, die Schrotflinte hervorzuholen. Natürlich, man könnte die CD nachkaufen, aber es wäre nicht das Gleiche.

Diese Gedanken und Gefühle ruft Speed Demon von Sasu Ripatti, der als Vladislav Delay eigentlich für gute, gütige, grunderschütternde Musik bekannt ist, hervor. Wer hier auf Vladislav Delays tiefgründig mäandernden Nebelwolkensound gehofft hatte, der in den Zweitausendern auf Labels wie Chain Reaction oder Semantica das Genre Dub Techno neu erfand, wer genau durch dieses erkenntnisreiche Moor waaten wollte, dem ist von Speed Demon tunlichst abzuraten. Erinnert euch lieber an die guten alten Zeiten, die ihr gemeinsam hattet, denn diese Melange aus Footwork und Speedcore ain’t it. Andreas Cevatli

rRoxymore – Perpetual Now (Smalltown Supersound)

Auf ihrem zweiten Album feilt Hermione Frank alias rRoxymore weiter an ihrer persönlichen Definition von elektronischer Musik. Mit vier Tracks wirkt der Longplayer auf den ersten Blick wie eine Maxi, schaut man aber auf die Spielzeit, wird die übliche Albumlänge erreicht – wer das seltsam findet, schaue sich Werke von Prog-Bands der 70er an, die häufig aus noch weniger als vier Stücken bestanden, nicht einmal auf vierzig Minuten kamen und heute als Meilensteine gelten. „Perpetual Now“ dockt in manchen Phasen sogar an diese für aktuelle Elektronik durchaus wichtige musikalische Phase an, das Album durchwandert in den ersten zweieinhalb Tracks die Schnittmenge von modernem Jazz, zeitgenössischer E-Musik und experimenteller Elektronik, ohne es sich irgendwo gemütlich zu machen, und kommt dann in „Fragmented Dreams“ nach gut einer Minute in der technoiden Gegenwart an – zumindest in Franks Interpretation davon. Die immer ‘musikalischer’ als die gängige Masse ist, sich viel mehr erlaubt als der Genre-Kanon, den die Zulieferer des vermeintlich gewünschten Dancefloor-Futters allmonatlich auf den Markt werfen. Im fünfzehnminütigen vierten Stück verwandelt sich dann eine klassische Minimal-Figur in ein rhythmisches Mantra, das in einem erst groovigen, dann immer mehr sich auflösenden und in verschiedene Richtungen sich reckenden Listening Electronica Track aufgeht – und in den letzen zwei Minuten doch noch die Ausfahrt Richtung Club nimmt. Perfektes Audiokopfkino für das ‘Ewige Jetzt’. Mathias Schaffhäuser

To Rococo Rot – The John Peel Sessions (Bureau B)

Wie bitte? Ich habe dich nicht verstanden. Bitte wiederhole diesen Namen oder suche zu diesem Thema: „Palindrom”. „Torrrrroccccccco…”, und die Zunge John Peels steht kurz vorm Bruch, „…rrrrrrotttttt!” Danach geht’s auf durch die neue Sachlichkeit elektronisch gespielter Livemusik mit Stefan Schneider und den Brüdern Robert und Ronald Lippok. Form statt Melodie, Gestalt statt Gefühl, das Spiel von Fülle und Leere. Mit Alben wie To Rococo Rot oder Music Is A Hungry Ghost bespielte das Trio zwischen 1996 und 2014 das Feld der Instrumentalmusik von Wohnzimmer bis Halle.

Dass es die Band ab Mitte der Neunziger überhaupt gab, war schon der Historie geschuldet, denn zu dieser Zeit war gemeinsames Musikmachen und -hören erst wenige Jahre lang möglich. Die Lippok-Brüder wuchsen in Ost-Berlin auf und waren dort im Untergrund unter dem schönen Namen Ornament und Verbrechen am Musizieren. Stefan Schneider hingegen war Mitglied der Düsseldorfer Band Kreidler, mit To Rococo Rot die wohl wichtigste Postrock-Band der Neunziger in Deutschland, und somit Ur-BRD. Was Musiker in den Maida-Vale-Studios in London zu geben bereit waren, wenn der knurrige BBC-Moderator John Peel zur Session einlud, zeigt sich hier: Witz und Verve.Drei Peel-Sessions zwischen 1997 und 1999, das ist viel für einen kurzen Zeitraum. Dabei ist diese Veröffentlichung einem Label zu verdanken, das in diesem Jahr mit Zeugs von Die Wilde Jagd, RVDS, Faust, Jimi Tenor und den Welttraumforschern neben hervorragenden Synthie-Compilations eine Glanzsaison erlebte: Bureau B. Danke für den Hinweis auf diese Band. Christoph Braun

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