„Nicht hübsch genug für eine weibliche DJ”

All diese Abwertungen und Benachteiligungen erschweren weiblichen und als Frauen gelesenen DJs die Arbeit und halten Interessierte davon ab, sich wirklich mal hinters Pult zu wagen. Dem steht manchmal noch ein weiterer Faktor im Weg: Die gesellschaftliche Erwartung, dass Vertreter*innen des – in dicken Anführungszeichen – ‚schönen Geschlechts’ Zeit ihres Lebens von bezaubernder Schönheit und blutjungem Alter sein sollen, während ihre Kompetenz oft zweitrangig bewertet wird. Auch Judith musste sich schon die Frage anhören, ob sie nicht eigentlich zu alt sei, um aufzulegen. „Aber warum sollte ich denn an meinem 30. Geburtstag die Leidenschaft für Musik abgelegt haben? Ich frag mich, ob man das Männern, die Mitte 30 sind und auflegen, auch sagt.”

Im DJ-Kontext begegnet ihr das Narrativ der weiblichen Schönheit ebenfalls regelmäßig. Ein Beispiel: „Mir hat mal eine junge Frau erzählt: ‚Ich dachte, ich könnte keine DJ werden, weil ich nicht hübsch genug für eine weibliche DJ bin.’ Das ist doch schrecklich!” Im Umkehrschluss wird weiblich gelesenen DJs, die als schön gelten, unterstellt, wegen ihres Aussehens statt ihres Könnens Erfolg zu haben. Schönheit gilt noch immer als wichtigste ‚Kompetenz’, die Frauen zugeschrieben wird, kritisiert Judith. „Am Ende sollst du eigentlich ein dekoratives Objekt sein.”

Judith wünscht sich, dass irrelevante Kategorien wie Alter oder Erscheinungsbild im Alltag von Künstler*innen keine Rolle mehr spielen. „Kann nicht auch eine Frau da vorne stehen, die Mitte 40 ist und zwei Kinder hat?” Kinder – Stichwort für ein weiteres Ungleichgewicht, das Judith in ihrem Berufsleben wahrnimmt. Manchmal ist sie überrascht, erzählt sie, wenn sie erst nach dem fünften, sechsten Gespräch mit einem Kollegen aus einem Nebensatz erfährt, dass zuhause drei Kinder auf ihn warten. „Ich kenne so viele männliche DJs, die Kinder haben. Die schaffen, das komplett von ihrem Beruf zu trennen.” Im Gegensatz dazu sind Judith kaum weibliche DJs mit Kindern bekannt. „Und wenn welche Kinder haben, wird auch darüber gesprochen, was für eine ‚Rabenmutter’ das ist, die ihr Kind am Wochenende allein bei den Großeltern lässt. Ja, in so einer Welt leben wir noch.”


„Es ist in meiner DNA, dass ich nachts auf der Straße nichts zu suchen habe.”


Judith nennt noch einen weiteren Faktor, der den Beruf für als Frauen gelesene Menschen unattraktiv machen könnte: Das Risiko der Nachtarbeit. „Es wurde mir so früh beigebracht, dass ich nachts auf der Straße nichts zu suchen habe. Das ist quasi bei mir in der DNA drin. Ich finde, den Sicherheitsfaktor kann man ruhig mal mitdenken, wenn man sich darüber wundert, warum weniger Frauen auflegen.”


„Leute sagen, meide dies, meide das. Aber am Ende müsstest du eigentlich immer Männer meiden, weil einer davon dir was antun könnte.”


Der Femizid an der Londonerin Sarah Everard im März 2021 hat Judith hart getroffen: „Mich hat das wirklich fertig gemacht. Diese junge Frau ist einfach nur am Abend in einer Stadt nach Hause gelaufen. Ich fahr’ echt oft nachts allein durch eine fremde Stadt, wo ich mich nicht auskenne. Am liebsten würde ich meinen All-in-Deal nicht fürs Taxi ausgeben, sondern, damit ich einen Fuffi mehr hab’, den Nachtbus nehmen. Aber das traue ich mich nicht, weil ich dann noch 100 Meter durch eine dunkle Gasse laufen muss, wo ich noch nie war.” Angst vor der Gasse oder einem dunklen Park hat sie nicht – sie hat Angst vor einem Mann, der dort sein könnte. „Leute sagen, meide dies, meide das. Aber am Ende müsstest du eigentlich immer Männer meiden, weil einer davon dir was antun könnte.”


„Wegen der Typen gebe ich mehr Geld aus, und wegen der Typen bekomme ich weniger Geld. Und dann wird mir vorgeworfen, ich darf nur auflegen grade, weil ich kein Typ bin. It’s a shit circle of life!”


Judith weiß aus eigener Erfahrung, wie gefährlich es sein kann, als Frau oder als weiblich gelesener Mensch nachts allein unterwegs zu sein. Zum Beispiel wurde sie nach einem Gig auf dem Weg zum Flughafen von einem Uber-Fahrer sexuell belästigt. „Jemand hat mir auch schonmal hinter dem Club aufgelauert, weil er wegen mir rausgeworfen wurde.” Sie hat zahlreiche weitere Situationen dieser Art erlebt.

Um potenziell gefährliche Orte und Situationen zu vermeiden, nimmt sie für die An- und Abreise zum Club ein Taxi statt den Nachtbus. „Kostet halt 25 Euro und nicht 2,80. Zusätzlich krieg ich übrigens weniger Geld, auch weil ich kein Mann bin. Ich finde das so unfair: Wegen der Typen gebe ich mehr Geld aus, und wegen der Typen bekomme ich weniger Geld. Und dann wird mir vorgeworfen, ich darf nur auflegen grade, weil ich kein Typ bin. It’s a shit circle of life!” 

„Es gab Momente, in denen ich dachte: Ich hab’ das nicht verdient”

Long story short: Judith wird über Jahre hinweg immer wieder mit unverhohlen sexistischen Vorwürfen, Beleidigungen und Abwertungen konfrontiert, die sich gegen ihre Person und Berufswahl richten. Wie beeinflusst das ihre Selbstwahrnehmung? „Wenn dir auf verschiedenste Weise zurückgemeldet wird, dass du nicht hinters Pult gehörst, macht das auf Dauer etwas mit dir. Ich finde es nicht schön, das zuzugeben, aber es gab schwache Momente, in denen ich dachte: Ich hab’ das nicht verdient. Ich kann das, was ich mache, wirklich nicht.”

Das Patriarchat hat Gaesteliste Wolken by Dominika Huber
„Ich liebe es, aufzulegen, ich liebe es, Musik zu machen für ein Publikum. Und ich finde toll, wenn Leute Begegnungen und Erlebnisse haben, und ich hab’ den Soundtrack dazu gespielt.” Judith van Waterkant (Illustration: Dominika Huber)

An solchen Tagen spielt sie mit dem Gedanken, einfach keine Bookinganfragen mehr anzunehmen und das Auflegen aufzugeben. Oder sogar damit, sich stillschweigend aus der Clubszene zurückzuziehen. „Aber irgendwann durchschaue ich wieder die Strukturen und warum diese Typen das machen – um sich zu erhöhen. Und dann schaffe ich das wieder.”

Außerdem bestärken sie die positive Rückmeldungen auf ihre Arbeit in ihrem Willen, weiterzumachen. Das Wichtigste aber ist: „Ich mache das einfach mega gerne! Wir reden ja heute den ganzen Tag darüber, wie anstrengend das ist. Aber eigentlich ist es ja auch superschön, sonst würde ich es ja nicht machen. Ich liebe es, aufzulegen, ich liebe es, Musik zu machen für ein Publikum. Und ich finde toll, wenn Leute Begegnungen und Erlebnisse haben, und ich hab’ den Soundtrack dazu gespielt.”

Judith ist kein Einzelfall

Wer nach der Lektüre von Judiths Erfahrungen noch glaubt, sie seien individuell statt strukturell bedingt, kann sich in zahlreichen Beiträgen zum Thema vom Gegenteil überzeugen. Um zwei Beispiele zu nennen: Ein Artikel über die von der DJ Rebekah initiierte Kampagne gegen sexualisierte Gewalt in der Clubkultur und ein Interview mit dem Leipziger DJ-Kollektiv Nice4What

Nicht nur andere weiblich gelesene DJs leiden unter den Missständen, die hier benannt werden – auch Musiker*innen außerhalb der Clubbranche sind davon betroffen. Rapper*innen, FLINTA*-Bands und andere Musiker*innen machen sehr ähnliche – teilweise die gleichen – Erfahrungen, wie zum Beispiel die NDR-Doku Macht Platz Männer – Frauen im Musikbusiness, die ARTE-Doku Wo bleibt die Gleichberechtigung? Frauen im Musikbusiness oder ein Dlf-Interview mit Musikerin Julia Nagele zeigt. Judiths Erlebnisse illustrieren also beispielhaft, wie sich die patriarchalen Strukturen der Musik- und Veranstaltungswirtschaft im Umgang mit als Frauen gelesenen Künstler*innen konkret in deren Arbeitsalltag äußern.

Sexismus gegen queere DJs 

Dennoch bilden die hier geschilderten Erfahrungen nur einen winzigen Teil der Diskriminierungserfahrungen ab, die DJs aufgrund ihrer (zugeschriebenen) Merkmale in ihrem Berufs- und Lebensalltag machen. Die Diskriminierung von queeren Menschen, zum Beispiel von trans, nicht-binären oder nicht-heterosexuellen Personen, basiert ebenfalls auf Sexismus. Vermutlich überschneiden sich Judiths Erfahrungen in Teilen mit Erfahrungen queerer DJs – doch mit Sicherheit gibt es zahlreiche weitere Ausdrucksformen sexistischer Diskriminierung, die sich speziell gegen queere DJs richtet und dezidiert homofeindlich, transfeindlich oder anderweitig queerfeindlich ist. Ein Interview über Bephåls Erfahrungen als nicht-binäre*r DJ und ein Artikel über Sexismus gegen queere Menschen innerhalb der LGBTIQ*-Community geben einen kleinen Einblick dazu.

Sexismus, Rassismus und intersektionale Diskriminierung

Wann immer über Sexismus gesprochen wird, muss auch über Rassismus gesprochen werden. Denn Sexismus, Rassismus und übrigens auch der Kapitalismus sind als ideologische Unterdrückungssysteme historisch wie strukturell eng verknüpft und bestimmen wechselseitig die soziale Hierarchie. Neben der geschlechterbasierten Hierarchisierung, dem Patriarchat mit seinem Sexismus, wirken die kapitalbasierte Hierarchisierung, der Kapitalismus mit seinen Klassen, und der Rassismus, die Hierarchisierung aufgrund zugeschriebener (biologischer) Merkmale. Die Diskriminierung von (vermeintlichen) Angehörigen bestimmter Religionen kann ebenfalls Ausdruck von Rassismus sein – in Deutschland betrifft das unter anderem Muslim*innen und Menschen, die aufgrund von rassistischen Zuschreibungen für Muslim*innen gehalten werden. Auch Antisemitismus kann rassistisch motiviert sein, doch der sogenannte rassistische Antisemitismus ist nur eine der vielfältigen Erscheinungsformen der Jüd*innenfeindschaft.

Auf Basis dieser Hierarchisierung von Menschen kann sich Diskriminierung von marginalisierten Personen intersektional potenzieren. Zum Beispiel erleben eine jüdische DJ of Colour oder ein Schwarzer trans DJ eine Mehrfachdiskriminierung. Wenn Menschen mehrere Merkmale aufweisen, aufgrund derer sie diskriminiert werden, verstärken sich Risiko, Häufigkeit und Intensität der Diskriminierungserfahrungen.

Die Verschränkung der Diskriminierung zeigt sich beispielsweise im rassifizierten Sexismus, der eine Erscheinungsform kolonialer Kontinuitäten ist und sich unter anderem durch die Sexualisierung von Menschen of Colour äußert. So hat auch sexualisierte Gewalt gegen rassifizierte Menschen oft eine rassistische Komponente. Wie Sexismus und Rassismus in der deutschen Kulturbranche zusammentreffen, zeigt die NDR-Doku ‚Rassismus und Sexismus in der Kultur’

Noch ein paar Empfehlungen zum Thema Rassismus gegen DJs und Rassismus in der Clubszene: Ein Artikel, der unter anderem Rassismus-Erfahrungen von Schwarzen DJs und DJs of Colour thematisiert, ein Artikel über rassistische Strukturen in der Clubszene und eine Reportage über rassistische Diskriminierung an Berliner Clubtüren.

Die von der Comedian Enissa Amani produzierte Diskussionsrunde ‚Beste Instanz’ thematisiert Rassismus auf gesamtgesellschaftlicher Ebene und liefert aufgrund der vielfältigen Expertisen der Gäst*innen einen äußerst lohnenswerten Einblick in die Zusammenhänge, Erscheinungsformen und individuellen wie strukturellen Folgen von Rassismus gegen Schwarze Menschen, Rassismus gegen Menschen of Colour, antimuslimischem Rassismus, Antisemitismus sowie Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja.

Die Hierarchien feiern mit

Der Status quo in der Club- und Festivalszene lässt sich demnach so zusammenfassen: Mehrheitlich Weiße cis Männer besetzen die Entscheidungspositionen und haben damit die soziale und monetäre Macht. DJs, die FLINTA* sind, die queer sind, die Schwarz oder Personen of Colour sind, müssen sich im Arbeitsalltag mit sexistischer und/oder rassistischer Diskriminierung auseinandersetzen und werden strukturell benachteiligt. Oft bleiben sie und ihre künstlerische Leistung ganz unsichtbar. Die Hierarchien und Machtstrukturen, die in jedem Bereich unserer Gesellschaft dominieren, spiegeln sich auch in der Szene der elektronischen Musik und in ihren Akteur*innen.

Wie belastend und schmerzhaft Judiths Kämpfe gegen die patriarchalen Zustände in der Clubszene sind, welche Konsequenzen sie für sie haben, wie der Monis-Rache-Fall ihr Leben und ihre Arbeit beeinflusst und wie ‚Quotenfrau’-Bookings und sexualisierte Gewalt zusammenhängen, erfahrt ihr im zweiten Teil der Reihe. 


Transparenzhinweis: Judith van Waterkant und Lea Schröder sind Mitglieder des Leipziger Netzwerks fem*vak.

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