„Damals ist mir nie aufgefallen, dass wir Mädchen diejenigen waren, die zur Musik tanzen, und Jungs diejenigen waren, die die Musik machen“, sagt Judith van Waterkant. (Illustration: Dominika Huber)

Judith van Waterkant kämpft für die Gleichstellung aller Geschlechter in der Clubkultur. Die DJ, Aktivistin und Psychologin weiß aus unzähligen Erfahrungen: Der Sexismus in der vermeintlich profeministischen Szene hat viele Gesichter. Nicht nur Abwertungen, ‚Quotenfrau’-Bookings und ungleiche Gagen.

GROOVE-Autorin Lea Schröder ist wie Judith van Waterkant Mitglied des Leipziger Netzwerks fem*vak und hat Judith im Winter bei Online-Plena kennengelernt. Im Frühling haben sie sich zu einem sechsstündigen Realtalk über Sexismus in der Clubszene getroffen. Das Resultat ist unsere Reihe von drei Artikeln, die im Wochenrhythmus erscheinen.

Im ersten Teil der Reihe teilt Judith ihre vielfältigen Erfahrungen mit sexistischer Diskriminierung als weibliche DJ und vermittelt damit einen Eindruck, inwiefern der vorherrschende individuelle und strukturelle Sexismus den Berufsalltag von weiblichen und weiblich gelesenen Künstler*innen in der Clubszene auf unterschiedlichste Arten beeinträchtigt.

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„Weil du den Mund aufmachst und in der Öffentlichkeit stehst, wirst du immer mehr zur Zielscheibe. Und weil du diese Ungerechtigkeit nicht fassen kannst, machst du weiter den Mund auf, und die Angriffe und Ignoranz werden immer schlimmer. 

Währenddessen wird dir erzählt, dass alle gleichberechtigt sind, und Diskriminierung von FLINTA*1, wie übrigens auch Rassismus, gibt es bei uns nicht… Nein, eigentlich wirst du sogar total bevorteilt als Frau! Du musst nix können und wirst berühmt als DJ.

Und du hörst es dir kopfschüttelnd an, bis du irgendwann ruhig wirst, weil die Kraft nachlässt, diesen Widerspruch immer wieder lieb aufzuzeigen, denn einer wütenden Frau hört doch eh keiner zu. 

Um Musik, die ich eigentlich machen wollte, ging es dabei nie. Willkommen in meinem Leben.”

Es ist ein sommerlich warmer Abend im März 2021, als die DJ Judith van Waterkant zögerlich auf ‚Share’ tippt. „Heute bin ich mutig. Das Private ist politisch!”, hat sie unter ihren Post geschrieben. Mut war auch nötig, um diesen sehr persönlichen, sehr langen Text mit der Öffentlichkeit zu teilen.

Auf vielen Slides schreibt Judith über ihren Kampf gegen den Sexismus2 in der Club- und Festivalbranche – und darüber, wie Booker, DJs, Clubbetreiber und andere Männer in Machtpositionen diesen Sexismus verneinen. Sie schreibt über Machtlosigkeit, über sexistische Abwertungen weiblich gelesener DJs, über ‚Quotenfrau’-Bookings, über feministische Lippenbekenntnisse. Sie schreibt über Hass- und Drohnachrichten, über digitale Gewalt, über sexualisierte Gewalt. Über sexistische Glaubenssätze und Verhaltensmuster, die männlich wie weiblich sozialisierte Menschen tief verinnerlicht haben. Über Solidarität, Zusammenhalt und den Wunsch, dass es besser wird. Und sie schreibt darüber, wie belastend, schmerzhaft und riskant es für sie geworden ist, sich gegen die patriarchalen Strukturen3 aufzulehnen, deren Existenz so viele – auch in der Clubszene – leugnen. 

Dass es Judith in dieser Zeit sehr schlecht geht, ist nicht zu überlesen. Aus ihren Worten spricht Stärke und Verletzlichkeit, Hoffnung und Verzweiflung. Wie konnte es so weit kommen?

Judith van Waterkant: DJ, Psychologin, Aktivistin

Judith ist eine kleine, quirlige Person Mitte dreißig. Sie wohnt in einer liebevoll eingerichteten, gemütlichen Zweier-WG in einem typischen Gründerzeit-Altbau im Leipziger Westen. Ein sprudelndes, lebenslustiges Energiebündel, mal fokussiert, mal etwas zerstreut. Während Judith redet – und sie redet offenbar gern – gestikuliert sie und lacht herzlich. Immer wieder macht sie kleine Jokes oder bringt einen amüsanten Spruch. Überhaupt erweckt sie den Eindruck, ein ziemlich humorvoller Mensch zu sein.

Als Judith van Waterkant legt sie progressiven Downbeat auf – ‚Slowrave’, wie sie es nennt. Melodisch und eher verspielt, gerne mit Vocals. Ihrer Comfort-Zone zwischen 100 und 110 BPM sei manchen zu langsam, doch sie hat bei ihren Gigs festgestellt: „Man kann auch mit 105 BPM um drei Uhr nachts den Floor abreißen.” Außerdem produziert sie in Zusammenarbeit mit Co-Produzent*innen eigene Tracks und singt Vocals ein. „Ich hab’ nie allein einen rausgehauen, so weit bin ich noch nicht. Aber das kommt noch.”

Judith van Waterkant (Foto: Dennis Sabisch)

Vor der Pandemie ist Judith am Wochenende als DJ bundesweit in Clubs und international auf Festivals unterwegs und arbeitet unter der Woche als selbstständige Dozentin. Als studierte Psychologin und ausgebildete Therapeutin gibt sie an verschiedenen Bildungsstätten Gesundheitskurse für Suizid- und Stressprävention. Sie hat eine große Leidenschaft für Theater, spielte jahrelang in einer Improvisationstheatergruppe und nutzt ihre Fähigkeiten für therapeutische Theaterkurse. 

Außerdem ist sie Teil der Crew des Institut fuer Zukunft, des slower-eastside Kollektivs, der FLINTA*-Kollektive Feat. Fem und G-edit, des FLINTA*-Netzwerks fem*vak, des Kulturkollektivs Tipi und des 3000Grad. „Wenn ich mir ein neues Projekt suche, vergesse ich immer, mit etwas anderem aufzuhören. Mein Handy vibriert eigentlich die ganze Zeit.” Mal mit, mal ohne ihre Kollektive und Crews leitet sie Workshops, hält Vorträge, moderiert Podiumsdiskussionen und liebt es, Kulturveranstaltungen auf die Beine zu stellen – egal, ob Rave, Demo, Workshop, Lesung oder Theateraufführung.

Engagement für Clubkultur und Gleichstellung 

Judiths Engagement ist so vielfältig wie ihre Interessen und Tätigkeiten. Ein Thema ihrer clubkulturellen Bildungsarbeit ist die Verdrängung clubkultureller Räume und die politische Anerkennung und Unterstützung der Clubkultur. Während der Corona-Pandemie setzt sie sich für Soforthilfen für Selbstständige in der Kulturbranche und für den Erhalt der Clubkultur ein. Als DJ unterstützt sie antifaschistische und antikapitalistische Projekte. „Ich spiele auch auf Demos und Soli-Veranstaltungen, zum Beispiel für Sea Watch. Ich finde auch, dass es funktionieren kann, auf einer Party auf sowas aufmerksam zu machen und dafür Geld zu sammeln.”

Ihr anderes großes Thema ist die Aufklärung über Sexismus – insbesondere Sexismus in der Club- und Festivalszene. Neben Vorträgen und Workshops zum Thema sind ihre Social-Media-Accounts ihr wichtigstes Werkzeug, um auf die patriarchalen Missstände aufmerksam zu machen. Hier postet Judith unter anderem umfangreiche, eindrückliche Texte über die Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen, die sie als DJ, als Aktivistin und als Gästin in der Clubszene macht. Bemerkenswert ist die Direktheit und Offenheit ihrer Texte. Judith verarbeitet darin persönliche Erlebnisse, Emotionen und Erkenntnisse, die manchmal so schmerzhaft sind, dass andere vielleicht nicht mal ihren Freund*innen davon erzählen würden. Sie zeigt Zusammenhänge auf, ordnet ihre Erfahrungen ins patriarchale System ein, gibt konstruktive Lösungs- und Handlungsvorschläge und appelliert an die Szene, sich mit Sexismus auseinanderzusetzen. 

Judith verwendet auch musikalische Ausdrucksformen, um auf Themen aufmerksam zu machen, die ihr wichtig sind. So nutzt sie einen im Juni 2020 veröffentlichten Mix unter anderem, um auf rassistische Strukturen und rassistische Diskriminierung hinzuweisen. Ihr ‚Tape of change’, das sie zum Womens-Right-Month im März aufgenommen hat, widmet sie dem Kampf gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt. Das Set ist geprägt vom Wechsel zwischen genreübergreifenden, ausschließlich von FLINTA* produzierten Tracks mit politischen Messages und eindrücklichen Ausschnitten aus feministischen Reden, Podcasts und journalistischen Beiträgen. „Bei dem Tape habe ich mich auf Tracks konzentriert, bei dem mir die Lyrics wichtig sind. Wenn ich Podcasts und Tapes mache, versuche ich, da auch Inhalte einfließen zu lassen. Ich glaube, da klicken Leute drauf, weil sie die Musik hören wollen. Eigentlich ist das ein bisschen frech.” Sie lacht. „Aber dann ist das halt der Weg – dass vielleicht ein paar mehr Leute zuhören, die sich vielleicht keinen Text von mir durchgelesen hätten.” 

Das einzige Argument: ‚Du bist ein Mädchen’

Um den Kontext von Judiths Arbeit zu erfassen, lohnt sich ein Blick in ihre Biografie. Ein kleiner Sprung in die Vergangenheit: Judith wird im spätsozialistischen Rostock geboren und wächst in den Wendejahren zwischen Plattenbau und Dorfidylle auf. „Aufregend” ist das Gefühl, das ihre Kindheit am besten beschreibt, findet sie. In ihrer Familie fühlt sie sich sicher und behütet. „Meine Familie hat mir totales Urvertrauen geschenkt. Ich war schon immer ein sehr lebhaftes Kind, bestimmt nicht immer einfach und auch anstrengend – aber meine Familie konnte annehmen, dass ich so bin. Mir wurde nicht beigebracht, dass ich mich krass anpassen muss.”


„Ich wollte in der Grundschule ein Junge sein. Nicht, weil ich trans bin, sondern weil ich gemerkt hab, dass ich als Junge mehr darf und eher gelobt werde.“


Doch genau das verlangt die Welt außerhalb ihrer Familie von ihr. Dass die Gesellschaft für sie eine andere Rolle vorsieht als für ihre männlichen Freunde, erfährt Judith zum ersten Mal in der Grundschule. Ein prägendes Erlebnis ist der Schwimmunterricht in der dritten Klasse – als die Lehrkraft die achtjährige Judith zurück in die Umkleide schickt, weil sie eine Badehose statt Badeanzug oder Bikini trägt. „Ich weiß noch, dass ich das nicht verstanden hab. Mein bester Freund hat doch auch eine Badehose an, warum soll ich nicht auch eine anziehen dürfen? Keiner konnte mir ein gutes Argument nennen, außer: ‚Du bist ein Mädchen.’”

Auch in anderen Situationen in der Schule spürt sie immer wieder, dass sie anders behandelt wird. „Wenn wir dreckig in den Klassenraum gekommen sind, hab ich den Ärger gekriegt. Obwohl die Jungs genauso dreckig waren! Ich musste fegen und die nicht.” Solche Erlebnisse machen sie wütend. Und sie führen dazu, dass Judith unzufrieden ist, als Mädchen behandelt zu werden. „Ich wollte in der Grundschule tatsächlich ein Junge sein. Nicht, weil ich trans bin, sondern weil ich gemerkt hab, dass ich als Junge mehr darf und eher gelobt werde.”

Baseballschlägerjahre und der Gegenentwurf der Clubkultur

Judiths Jugend in den Neunzigern ist geprägt von der rechten Dominanz im Neonazi-Hotspot Rostock – auf der einen Seite die Faschos, auf der anderen die Antifas. „Ich erinnere mich, dass wir öfter vor Neonazis weggerannt sind, die unsere Gruppe aufmischen wollten.” Es ist die Zeit der sogenannten Baseballschlägerjahre, rassistische und rechte Gewalt sind in den Neuen Bundesländern allgegenwärtig. „In der Region, wo ich herkomme, ist es schwierig, keine Meinung zu haben. Und man hatte auch schon eine Meinung, bevor man wusste, warum.”

Das Fusion Festival und ein paar Clubs in Rostock haben einen Gegenentwurf zu Hass und Gewalt auf der Straße. So wird Judith neben ihrem antifaschistischen Umfeld in Rostock auch durch die Clubkultur sozialisiert: „Die haben dir beigebracht, dass wir auch netter miteinander umgehen können. Man muss nicht die ganze Zeit Leute unterdrücken und sich gegenseitig vermöbeln – man kann auch solidarisch sein, friedvoll sein, zusammen kreativ sein.” Retrospektiv stellt sie fest: „Damals ist mir nie aufgefallen, dass wir Mädchen diejenigen waren, die zur Musik tanzen, und Jungs diejenigen waren, die die Musik machen.”

„Ich habe an all das geglaubt, wie ich an den Weihnachtsmann geglaubt habe”

Als Judith für ihr Psychologie-Studium nach Greifswald zieht, beginnt sie, selbst Musikveranstaltungen und Raves zu organisieren. Später wechselt sie die Uni und zieht nach Leipzig. Beim Studium dort bemerkt sie das gleiche Missverhältnis wie in Greifswald: „Obwohl ich in einem Hörsaal voller weiblich gelesener Menschen sitze, habe ich fast nur männliche Profs und Dozenten. Dieses Ungleichgewicht lässt sich vom Verhältnis her nicht erklären. Warum sollen Männer so viel schlauer sein, dass sie Professoren werden, und Frauen nicht?”

Zunächst glaubt sie der vermeintlichen Begründung, Frauen würden diese akademischen Grad schlicht nicht erreichen wollen. „Ich hab’ auch geglaubt, dass Frauen nicht in Führungspositionen wollen, weil mir das so eingeredet wurde. Ich hab’ geglaubt, dass Frauen technisch nicht versiert sind, weil mir das so beigebracht wurde. Ich hab’ geglaubt, dass ich schlecht in Mathe und Physik bin, obwohl es mir nie schwergefallen ist. Und so habe ich auch geglaubt, dass Frauen auch nicht in die Musikproduktion oder hinters DJ-Pult gehören. Ich habe an all das geglaubt, wie ich an den Weihnachtsmann geglaubt habe.”

Judiths langer Weg zum DJ-Pult

Seit sie denken kann, hat Judith eine große Leidenschaft für Musik. „Ich hab’ schon immer Musik gesammelt und das wenige Taschengeld, was ich hatte, für Musik und Konzerte ausgegeben.” Als sie ihre Liebe zu elektronischer Musik entdeckt, diggt sie Tracks, kauft sie und schickt die Dateien an ihre Lieblings-DJs – damals übrigens durchweg männlich. Diese freuen sich offenbar über die kostenlose Zuarbeit ihres ‚Fangirls’. „Manchmal haben die mich auch gefragt, ob es noch was Neues gibt. Anstatt, dass mal einer sagt: ‚Judith, mach’ das doch selbst!’”

Gescheiterte Versuche, einen Kumpel oder Bekannten zu finden, der ihr die Basics des Auflegens beibringt, häufen sich. Jemanden direkt zu fragen, traut Judith sich nicht – zu groß ist die Angst, sich mit dieser Frage lächerlich zu machen, sagt sie. Denn das, was sie in der Szene sieht und erlebt, signalisiert ihr: Frauen haben nichts hinter dem DJ-Pult verloren. „Ich bin aufgewachsen mit fast nur männlichen Musik-Acts. Ich hatte keine weiblichen Vorbilder.” Wenn dann doch mal eine weibliche DJ in einem Line-Up auftaucht, spielt diese meist auf einem gigantischen Floor, wie zum Beispiel der Fusion-Turmbühne. Als „unerreichbarer Punkt am Horizont”, wie Judith es formuliert, taugen sie für sie nur bedingt als Role Models. So unerreichbar diese DJs scheinen, so unerreichbar scheint es damals für Judith, eines Tages selbst am DJ-Pult zu stehen.

Das ändert sich mit ihrem Umzug nach Leipzig. Hier sind ihr Frauen, die auflegen, plötzlich ganz nah – auf dem Floor wie auch persönlich. „Ich hab’ festgestellt, dass das coole Menschen sind. Leute zum ‚Anfassen’, mit denen ich mich unterhalten kann. Und wenn du eine dumme Frage stellst, kriegst du keine dumme Antwort von denen.” Diese neuen nahbaren Vorbilder sind der entscheidende Faktor für Judith, sich nun endlich selbst hinters Pult zu wagen.

Nachdem sie sehr viele Jahre lang immer nur Raves organisiert hatte, auf denen andere auflegten, steht Judith dann endlich selbst hinterm Pult. Den Weg dahin findet sie durch eine Freundin. Sie hat Judiths Interesse am Auflegen bemerkt und nimmt sie mit in den ‚Frauen-Proberaum’ im Leipziger Kulturzentrum Conne Island – ein Proberaum mit DJ-Equipment, der an bestimmten Wochentagen ausschließlich für FLINTA* bereit steht. Dort üben die beiden zunächst zusammen. „Dann hab’ ich mich jede Woche dreimal eingetragen und so lang geübt, bis ich mich rausgetraut hab.”

Die Mär von der ‚Übervorteilung’ weiblich gelesener DJs – und ihre Realität

Zurück in die Gegenwart. Immer mal wieder wird im Backstage über die angebliche ‚Übervorteilung’ weiblich gelesener DJs getuschelt oder sich in Kommentarspalten über scheinbar leichtere Startmöglichkeiten für weibliche DJs echauffiert – man müsse schließlich jetzt Frauen buchen. Seit sie DJ ist, muss sich Judith regelmäßig gegen verschiedenste Varianten dieses anscheinend beliebten Vorwurfs verteidigen: „Entweder, man muss ja nur Frau sein. Oder, man braucht jetzt halt Brüste, mehr nicht. Sowas hört man im Backstage, sowas hört man auch von Bookern. Das macht mich wahnsinnig!”


„Selbst, wenn das mit dem Übervorteilt-werden so sein sollte – du wirst da ganz schön fertig gemacht.“


Wenn es denn so wäre, dass Judith und andere weiblich gelesene DJs durch ihr Geschlecht tatsächlich vermehrt gebucht würden, sei der Preis dafür ziemlich hoch, meint sie. „Vielleicht hab ich mehr Bookings als ein männlicher Newcomer. Ich darf spielen und soll dankbar für diese Chance sein – aber im Gegenzug werde ich nicht ernstgenommen, ich werde dumm gemacht, schlechter bezahlt, muss mir Sachen gefallen lassen, die nicht cool sind. Ich muss mir anhören, dass ich nicht verdient habe, dort zu stehen, und kriege Hate-Kommentare. Selbst, wenn das mit dem Übervorteilt-werden so sein sollte – du wirst da ganz schön fertig gemacht. Und eigentlich wollte ich nur Musik machen.”

1 FLINTA* steht für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen. Anstatt des im Fall von Sexismus exkludierenden Begriffs ‚Frauen’ wird das Akronym ‚FLINTA*’ verwendet, um deutlich zu machen, dass keinesfalls allein cis Frauen (Frauen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde) im Patriarchat (s.u.) individuell und strukturell unterdrückt werden. Die Bezeichnung FLINTA* soll sichtbar machen, dass auch als Frauen gelesene Personen, die keine Frauen sind, und andere queere Menschen wegen ihres Geschlechts und/oder ihrer Sexualität benachteiligt werden und sexistische Diskriminierung erfahren – mehr dazu hier.

2 Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert Sexismus so: „Allgemein bedeutet Sexismus die Diskriminierung, Abwertung, Benachteiligung und Herabwürdigung eines Menschen aufgrund des (zugeschriebenen) Geschlechts. […] Ähnlich wie beim Begriff des Rassismus kann Sexismus verstanden werden als, erstens, in den Köpfen Einzelner verankertes Muster und damit als Einstellung und Vorurteil, zweitens, Handlungen Einzelner und, drittens, überindividuelles Muster, als Ideologie, Diskurs oder Deutungsmuster. Sexistisches Verhalten kann somit Ausdruck einer individuellen Einstellung wie auch gesellschaftlicher Normen und Werte sein.” Ein allgemeiner Überblick über Sexismus und seine Ausprägungen findet sich hier. Verschiedene Formen von Sexismus – zum Beispiel der sogenannte Neosexismus – werden hier aufgeschlüsselt und erläutert. 

3 Sexismus ist Teil des geschlechterbasierten Unterdrückungssystems, das als Patriarchat bezeichnet wird. Die Autorin und Journalistin Charlotte Higgins erläutert das Patriarchat so (allerdings in binären Geschlechtskategorien): „Grob vereinfacht meint es die Existenz einer gesellschaftlichen Struktur männlicher Vorherrschaft, die zulasten von Frauen geht. […] Das Patriarchat wird von einflussreichen kulturellen Normen aufrechterhalten und von Traditionen, Erziehung und Religion gestützt. Es reproduziert sich endlos über diese Normen und Strukturen […], wodurch es auf eine Art natürlich oder zwangsläufig erscheint, während es in einem liberalen Kontext von häppchenweisen Fortschritten in der Gleichberechtigung der Geschlechter verschleiert wird. Da es die Vorstellung einer Struktur von Machtbeziehungen bietet – nicht einer Reihe einzelner sexistischer Handlungen –, lässt sich im ‚Patriarchat’ auch berücksichtigen, dass nicht alle Männer es ausdrücklich unterstützen oder im gleichen Maße von ihm profitieren. Und dass manche Frauen auf der anderen Seite möglicherweise viel zu seiner Unterstützung beitragen. Es lässt ebenso Raum für die Tatsache, dass wir alle zwangsläufig an ihm teilhaben – ganz egal, wie sehr wir es möglicherweise verabscheuen.”

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