The Bug (Foto: Presse) Kevin Richard Martin verkörperte in seiner musikalischen Laufbahn etliche Rollen: In den Neunzigern gründete er gemeinsam mit Justin Broadrick das Duo Techno Animal, insbesondere in den Zweitausendern machte er sich mit seinem geläufigsten Pseudonym The Bug einen Namen. In der zugehörigen Musik kollidierten Dancehall, Dub, Reggae und Bass Music unter düsteren MC-Parts. 2008 kulminierte die The-Bug-Formel im Erfolgsalbum London Zoo, Ende letzten Jahres kürten wir In Blue, die Kollaboration mit Dis Fig, zum Album des Monats. Im August veröffentlichte The Bug, der in den letzten Jahren unter Klarnamen Ambient produzierte und zuletzt den Sowjet-Klassiker Solaris neu vertonte, mit Fire seit langem wieder ein Album in typischer Manier: Dystopische Soundwalzen und grimmige Raps überzeugten die internationale Presse. Fire und Martins seit Pandemiebeginn schier unersättliche Veröffentlichungswut waren Grund genug, sich mit dem Briten für ein Interview zu verabreden. Im Gespräch mit GROOVE-Redakteur Maximilian Fritz vergleicht er seine bisherigen Wohnorte London, Berlin und Brüssel, erklärt, wie ihn seine Rolle als Familienvater menschlich verändert hat, und äußert seine Gedanken zur Cancel-Culture-Debatte und zur Causa Dominick Fernow. Seit Pandemiebeginn hast du massenhaft Musik produziert. Hast du eine Routine entwickelt und kannst einschätzen, wie viel Zeit du dafür investiert hast? Genau sagen kann ich das nicht, aber ich habe etwa zehn oder elf Alben produziert und gemixt. Ich weiß es selbst nicht mehr genau. (lacht) Nach dem Umzug nach Brüssel sofort mein Studio aufzubauen, war für mich ein Weg, meine geistige Gesundheit zu behalten. Wie lief der Umzug denn? Wir sind hierher gezogen, einen Tag bevor Belgien seine Grenze zu Deutschland geschlossen hat. Zu viert. Von hier aus habe ich dann mit  ansehen müssen, wie jeder meiner Auftritte für das restliche Jahr abgesagt wurde. Da wusste man noch nicht, wie lange das so weitergehen würde. Wie hast du darauf reagiert? Ich habe mir die Frage gestellt, was ich jetzt mache. Nichts mehr mit Musik? Mir die Pulsadern aufschneiden? (lacht) Oder versuche ich mich an etwas Konstruktivem? Nutze ich mein Studio als eine Art Kloster und erhalte mir meine Leidenschaft für Musik? „Musik war immer mein wichtigster Lebensinhalt. Ich bin in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen, die sich damals nur in der Wolle hatte. Reiche Verwandte hatte ich nicht, weshalb ich immer für mich selbst sorgen musste.” Früher hast du in London gewohnt, wo du dich offenbar sehr wohl gefühlt hast. In Interviews hast du es wohlwollend als „Freakshow mitten in Großbritannien” bezeichnet. Wieso bist du überhaupt nach Brüssel gezogen? Brüssel ist eine Freakshow mitten in Belgien! (lacht) Dazwischen habe ich ja noch in Berlin gelebt. Das lag daran, dass ich mir London einfach nicht mehr leisten konnte. Die letzten neun Jahre dort habe ich in meinem Studio gelebt. Ich hatte keine Küche, keine Dusche. Es war eine Qual, eine Folter. Ich konnte tun, was ich liebe, aber in folterähnlichen Umständen. Während der Jahrzehnte, die ich in London verbracht habe, habe ich die Stadt gleichzeitig geliebt und gehasst. Wenn du Geld hast, ist es ein Königreich des Vergnügens. Wenn nicht, wirst du jeden Tag gepeinigt. Und deshalb der Umzug nach Berlin? Dafür war auch meine Freundin verantwortlich, die inzwischen meine Frau ist. Sie ist Japanerin, und David Cameron hat den Visa-Prozess für Japaner*innen erheblich verkompliziert. Sie hätte Großbritannien damals für immer verlassen müssen und wahrscheinlich nach Japan zurückgemusst. Wir wollten uns aber nicht trennen, deshalb […]

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