Glitch und IDM, das schwere Erbe der Neunziger und Jahrtausendwende, sind in der aktuellen elektronischen Musikproduktion präsenter denn je. In Kombination mit modernen Beats, die globalafrikanische Einflüsse aufnehmen, oder als spezifische Beats bestimmter Städte und Szenen – Kingston, East-London, Detroit oder Miami. Oder sie machen einfach ungebrochen weiter mit der sogenannten Intelligenten Tanzmusik, wie etwa auf dem Label Schematic in Miami. Im cleveren Retrodesign ist afakesprogress (Schematic) von Thomas McConville alias mcconville geradezu exemplarisch hibbeliger Neo-IDM ohne Reue, aber mit genügend Modernismen, wie das dem Post-Club-Genre eigene digitale Stimmhäckseln, sodass keine Nostalgie aufkommt.

Der Japaner Kazumichi Komatsu ist zu jung, um die Entstehung von IDM und Glitch noch bewusst mitbekommen zu haben. Sein Zugriff auf die Genres war daher immer von einer reflektierten und aktiven Inanspruchnahme der Techniken und der Ästhetik geprägt, die das Original nie kopieren wollten, sondern nutzen, um etwas anderes daraus zu machen. Was bei ihm an Beats und Bässen überhaupt noch übrig bleibt, wirkt mürbe, zerbrechlich, von digitaler Osteoporose gealtert. Das hat seine Arbeiten unter dem Alias Madegg oft in die Nähe von Actress und ähnlichen Techno-Dekonstrukteuren gebracht. Sein jüngstes Album unter Eigennamen, Emboss Star (Flau), funktioniert noch einmal anders. Klassische Electronica und Glitch sind noch im Hintergrund spürbar, aber in freundlicher Melodik, in feinem Ambient und Folkpop suspendiert, ganz neu.

Nochmal eine abgeschliffene Kante klassischer kommt die Neo-Retro-Electronica des Belgiers Lawrence Le Doux daher. Der produziert seit den mittleren neunziger Jahren verschrobene Outsider-Techno- und Worldbeat-Breaks, etwa unter dem augenzwinkernd tollen Alias Sun OK, Papi K.O. Seine EP OYSTERBALLADS1 (Kalahari Oyster Cult, 2. Dezember) bei den Amsterdamer Breakbeat-House- und Electro-Techno-Spezialisten haut nun aber genau nicht in die übliche Kerbe des Labels, sondern variiert leicht dubbige Pling-Plong-Elektronik, auf der Beats immer klein bleiben und die Synthesizer immer freundlich.

Der französische Newcomer S8JFOU ist ein hingebungsvoller Verehrer analoger modularer Synthesizer und der Waldeinsamkeit in der Bergen, wo er Cynism (Parapente) in einer abgelegenen Hütte ohne Herd, aber offensichtlich mit genügend Strom produziert hat. Sein Sound könnte klarer und neunzigeraffiner kaum sein. Sein Zugriff auf die leidlich bekannten Soundmöglichkeiten analoger Produktion ist aber so inspiriert originell, dass sein Debüt frisch und aktuell klingt, eben gar nicht nach IDM-Nostalgie.

Der in Brooklyn, New York lebende Jakub Alexander fungiert als A&R und DJ als Spezialist fürs Beatlose bei Ghostly International und dem eher Techno- und House-zentrierten Schwesterlabel Spectral Sound. Waren seine Eigenproduktionen als Heathered Pearls anfangs noch sehr nahe am Sound der Kompakt’schen Pop Ambient-Schule, hat er als Betreiber des Labels Moodgadgets inzwischen gezeigt, dass er genauso gut glasklaren Detroit-Klopftechno kann wie Breakbeats. Für das dritte Heathered-Pearls-Album Cast (Ghostly International) hat er sich Zeit gelassen. Und es ist diverser und verspielter denn je, spielt einerseits mit superklassischer Electronica und atmosphärischen, spacigen Tracks, unter die sich auch mal ein zarter gerader Beat verirren kann. Alles in brillanter Produktion und mit gelegentlichen Gästen wie Vokalist Nick Murphy, früher bekannt als Chet Faker.

Was Heathered Pearls für Ghostly ist, dürfte Ewan Castex alias Rone für Infiné darstellen: Ein Produzent der die Möglichkeiten des Labels jenseits eindeutiger Clubtracks weiterentwickelt, aber gegebenenfalls immer wieder in den Club zurückkehren kann, wenn nötig oder angebracht. Views Of A Room (Infiné, 4. Dezember), Remixe seines Albums Room With A View vom vergangenen Jahr bringen so einiges erwartbar Großraumiges, aber auch ein paar tolle Überraschungen. Loraine James’ kompromisslose Beatverstolperung etwa, schwelgerischen Schwebe-Pop von DJ Lostboi alias Malibu oder die vor Textur und subliminaler Struktur schimmernde Ambient-Bearbeitung des Kenianers Joseph Kamaru alias KMRU.

Der Stummfilm Menschen am Sonntag von Robert Siodmak und Edgar Ulmer dürfte zu den meistvertonten Filmen aller Zeiten zählen. Wer sich daran versucht, setzt sich also in eine lange Tradition. Die 1930 definitiv supermoderne und milde avantgardistische Mischung aus Spielszenen und dokumentarischen Aufnahmen, montiert im Rhythmus der Metropole (Berlin), bietet sich für eine Neuvertonung aber auch an wie kaum ein anderer Film. Der Soundtrack von Domenique Dumont People On Sunday (The Leaf Label) ist einer der gelungensten bisher. Bezaubernd pluckernder rhythmischer Minimalismus mit sonnenwarmem Analog-Synthesizer.

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