Foto: Frank P. Eckert

Selbst die introvertiertesten oder inhuman abstraktesten Sounds, die im Motherboard vorgestellt werden, sind noch immer Produkte menschlicher Arbeit und direkte Ergebnisse ihrer Zeit, der Umstände und Lebenswelten ihrer Erzeuger*innen. Sie stellen sich, mal gänzlich unausgesprochen, mal total explizit, den Freuden und Problemen, den Hoffnungen und Verzweiflungen in unser aller Leben. Was El Hardwick, Fotograf*in aus dem Discwoman-Umfeld, auf ihrem Debüt 8 (33-33) anstellen, ist ein Fanal für diese Arbeits- und Sichtweise. Ein wegweisendes Stück Multimedia-Kunst als sanft ironischer Kommentar und deutlich verständliche Gegenstimme zur Disruptions- und Eskapismuskultur der digitalen Plattform-Kapitalisten. Mit den Ideen der cyberfeministischen Philosophin Donna Haraway und der Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin sucht Hardwick ein queeres Gegengift zu den posthumanistischen Unsterblichkeitsfantasien der kalifornischen Ideologen. Einerseits sind das brillante Bilder einer erhaben lebensfeindlichen, fast schon post-apokalyptischen Natur ohne Menschen, die doch noch immer von den schwer biologisch abbaubaren nostalgischen Überbleibseln der digitalen Kultur gezeichnet ist: Plastikfolien, Game-Controller, Kabel, Platinen, Spuren einer Zivilisation, die sich selbst obsolet macht, aber dennoch nicht verschwinden will. Andererseits zart melancholische, wütende bis resignative Texte der Solastalgie, dem Unbehagen des Anthropozän. Zudem ist es ein üppiges Album feinster Electronica aus ätherischem Dance-Pop und flirrenden Post-Club Sounds. So gut – und so 2021.

Die Portugiesin Joana Guerra verbindet auf Chão Vermelho (Miasmah) eine spezifische Form der Solastalgie, die Poesie des mineralischen, des ausgelaugten, verdorrten Bodens aus Lissabons Hinterland, des Alentejo, mit dem spezifischen Schwermut, der in Portugal traditionell im Fado zu Ausdruck gebracht wird, allerdings ohne diesen direkt zu zitieren. Guerras anspruchsvolle wie dynamische Cello-Improvisationen und die begleitende Stimme, die vom schamanischen Krächzen bis zum pathosgeladenen Neo-Fado reicht, finden immense Schönheit im Schmerz über die schleichende Zerstörung der Lebensgrundlagen nicht nur ihrer Heimat.

Die Suche nach einer Anbindung zeitgemäß moderner Musikproduktion an archaische Denk-und Fühlmuster, eine neuartige Natur-Kultur-Wechselwirkung über quasi-rituelle Klänge verbindet die Protagonisten des Trios Mansur. Nach einer stilistisch etwas auseinanderfallenden EP Anfang des Jahres bringt ihr Debütalbum Karma (Denovali, 11. Dezember) die vermutlich sehr unterschiedlichen Ideen der drei auf den Punkt. Der Niederländer Jason Köhnen, der unter anderem die elektronischen Psychedelic-Rocker Bong-Ra leitet, in diversen Jazz-Ensembles spielt und nebenher noch Drone-Metal und Power Noise fabriziert, hat mit Dimitry El-Demerdashi (Dmitry Globa), ehemals Teil des meta-schamanistischen russischen Drone-Avantgarde-Kollektivs Purpha, und der ungarischen Sängerin Martina Veronika Horváth, die mit einer Vergangenheit in Pagan-Metal-Kombos das Pathos ebenfalls nicht scheut, zwei Partner*innen gefunden die seinen Soundvorstellungen etwas mindestens Ebenbürtiges entgegensetzen können. Die Musik von Mansur pendelt dadurch zwischen dunklem Post-Rock von manchmal beinahe Trip-Hop-artigem Pathos und quasi-folkloristischen Klängen rituell-schamanistischer Traditionen aus der fernen Zukunft, die es so nie gab.

Als willkommene Abrundung erscheinen zudem noch zwei vergriffene Alben von Jason Köhnens Improv-Jazz-Großprojekten (in einem Fall erstmals) auf Vinyl. The Kilimanjaro Darkjazz Ensembles Here Be Dragons und The Mount Fuji Doomjazz Corporations Anthropomorphic (beide: Denovali, 11. Dezember) gehören zu den absoluten Highlights in Köhnens umfangreicher Diskografie.

Die Aufnahme virtueller und damit absolut realer folkloristischer Traditionen in die Moderne der Musik muss nicht in meta-rituellen Neo-Schamanensounds enden. Sie kann genauso in euphorischem Avantgarde-Pop, krautigem R’n’B und euphorischem Vogueing-House ankommen wie auf der großartigen EP Libra (Infiné) der zwischen Paris und Algerien pendelnden Produzentin Sabrina Bellaouel. Das ist harsch, schön und explizit in allen verschiedenen Bedeutungen des Wortes, aber vor allem deutlich.

Die Kollaboration der australischen Künstlerin und Autorin Holly Childs mit den genderfluiden litauischen Elektronik-Produzenten Gediminas Žygus, die als J. G. Biberkopf bekannt wurden, ist ebenfalls so ein Ding, das sich Kategorien entziehen kann, ohne deswegen neue schaffen zu müssen. In diesem Sinne versammelt ihr Debüt Hydrangea (Subtext Recordings) intersektionale Sounds, die sich irgendwo treffen da wo sich die Pfade von Performance, Medienkunst, Sound Art, Gabber und überdrehtem Mainstream-Pop überschneiden, durch die Körper hindurchgehen, temporär zusammenfinden und wieder auseinanderdriften.

Eine Verbindung, die mindestens genau so viele Kreuzungen, Anknüpfpunkte und feinste Verflechtungen japanischer Folktradition, J-Pop und Ambient mit sich bringt, ist die Kollaboration von LUCA & Haruka Nakamura. Der seit den frühen Nullerjahren aktive Produzent, Pianist und Gitarrist aus Tokio und die ebenfalls in Tokio lebende US-amerikanische Sängerin Luca Delphi, die unter anderem Ryuichi Sakamotos Album async von 2017 verdelte, haben ihre Zusammenarbeit auf dem Doppelalbum The World (Kitchen Label, 4. Dezember) weiter verfeinert. Akustikgitarre, Piano und Synthesizerplinkern mit Delphis Stimme ergänzen sich zu lose geflochtenen zartestmöglichen Songs in feinherber Melancholie.

Der italienische, seit langem in London lebende Komponist und Sounddesigner Eraldo Bernocchi lässt sich nicht auf einen spezifischen Stil festklopfen, klingt dabei aber doch immer wiedererkennbar, nämlich nach schwerer, dunkler aber transparent und sehr sauber und tiefenscharf produzierter, klassischer Synthesizer-Elektronik – und das bei so unterschiedlichen Kollaborateuren wie den Noise-Brutalisten Mick Harris und K. K. Null, dem Ambient-Pianisten Harold Budd oder dem japanischen Trompeter Toshinori Kondo. Die Kollaboration mit Hoshiko Yamane, der elektrifizierten Violinistin der jüngsten Inkarnation der Synthesizerpioniere Tangerine Dream, ist dabei eventuell sogar das schönste und unmittelbar zugänglichste Album, das Bernocchi je produziert hat. Das überhaupt nicht versteckte Geheimnis von Mujo (Denovali, 11. Dezember) liegt darin, dass Bernocchi die elegischen Streicherfiguren Yamanes nur minimal verfremdet und ansonsten umspielt, ihnen zuarbeitet, ihre zarte Schönheit zulässt und unterstützt.

Die feine Electronica der Berliner Brueder Selke x Eric Maltz funktioniert auf dem Tape Zero Crossing (Flower Myth, 11. Dezember) ganz ähnlich. Das elektrische Fundament des Sounds kommt von Eric Maltz, die extrem zurückhaltenden Celloflächen und Pianolinien von Sebastian und Daniel Selke umspielen es gekonnt.