Das Solo-Cello ist das Instrument des Briten Oliver Coates. Eigentlich. Denn was Coates damit praktiziert, ist jedenfalls deutlich exzentrischer und diesseitiger mit elektronischer Musik und Noise verwebt, als es die akustische Spielweise ansonsten erlauben würde. Irgendwie geraten ihm die akustischen Klänge immer zu elektrischen wie elektrisierenden Chorälen, zu sakralen Architekturen, die gerne etwas außerweltlich anmuten dürfen. Das ist auf Skins ‘N Slime (RVNG Intl.) nicht anders, selbst wenn die Objekte der musikalischen Inspiration gänzlich diesseitig sind wie etwa die künstlerischen Architektur-Interventionen von Gordon Matta-Clark oder die musikalisch-mathematische Verzettelungskunst von Hanne Darboven.

Der Reigen an zeitgenössischer Kompositionsavantgarde, der speziell für die Interpretation in Cello und Stimme durch Marianne Baudouin Lie geschrieben wurde, ist ebenfalls außergewöhnlich und hat ein beachtlich kopfsprengendes Potenzial. Atlantis, Utopia & Ulvedrømmer (Particular Recordings) bringt dennoch die eher zarten und zugänglichen Seiten von elektroakustischen Komponist*innen wie Maja Ratkje oder Free Jazzern wie Eirik Hegdal ans Licht.

Die Wechselwirkung von freier Improvisation und ortsspezifischer Sound Art, die das Album How Forests Think (Sofa) des ebenfalls Norwegischen Duos Vilde & Inga charakterisiert, ist strukturell spannend, klanglich interessant und wirkt absolut natürlich und organisch. Erstaunlich, wie leicht so etwas geht, das doch schwer scheint. 

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Der Summer Of Seventeen im Nordwesten der USA war von Waldbränden und anderen, vermutlich von Klimawandel und politisch-zivilisatorischem Versagen bedingten Nicht-Nur-Natur-Katastrophen gezeichnet. Die von Monika Khot alias Nordra (siehe Motherboard vom August) ins Leben gerufene Supergruppe der formatfreien Improvisation hat auf Summer Of Seventeen (Karlrecords) diese Umstände, die sich vor Ort vermutlich ähnlich apokalyptisch anfühlten wie jüngst die wiederholten Brände in Kalifornien, offenbar vorausgeahnt und in einen angemessen harschen Soundtrack umgesetzt, der die musikalischen Eigenheiten der Beteiligten jeweils in Dienst nimmt, aber nie in den Vordergrund stellt (vielleicht mit der Ausnahme eines Tracks auf dem verzerrte Doom-Metal-Vocals alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen). Jedenfalls finden Khot, Motherboard-Fave Faith Coloccia alias Mára, Teil von Mamiffer und Betreiberin des Labels Sige, die alles zwischen Drone-Folk und Club-Dekonstruktion beherrscht, Noise-Shoegazer William Fowler Collins, der elektroakustische Komponist Daniel Menche und der Post-Metal-Tausendsassa Aaron Turner scheinbar mühelos zusammen zu einer tendenziell pessimistischen Bestandsaufnahme der Stimmung ihres Landes in den späten 2010er Jahren, der mal introvertiert und leise, mal laut und brachial ausfällt. 

Der massive Ambient-Postrock des Belgiers Marc Jacobs alias Prairie verweigert sich ebenfalls einfachen Kategorien und greift in Register des heftigen Noise wie des stillen warmen Drones, um der Vorhersehbarkeit zu entgehen. Das gelingt auf And The Bird Said: Cut Me Open And Sing Me (Denovali) bestens. Synthesizer und Gitarre, Samthandschuh und Hydraulikpresse spielen hier versöhnt und meist versöhnlich miteinander, ohne ihre jeweilige Schärfe einzubüßen.

Aus dem Zonenrandgebiet von Techno, spezifisch dem eher düsteren Sound der jüngeren Berliner Schulen, hat sich in den Monaten der Isolation so einiges Interessantes zusammengebraut. Spannend vor allem, weil der gerade donnernde Beat nicht mehr die alleinige, unbrechbare Regel darstellt, noch nicht mal für das DJ-freundliche Format der 4-Track-EP. So ist die 10-Inch There’s News From 2T58S (Noorden) des Berliner Techno- und Dub-Produzenten The Marx Trukker zu feinster Retro-Indietronica geworden. Warme Flächen aus analogen, synthetischen Sounds, blubbernde Bässe, freundliche Klackerbeats – wenn sich überhaupt Beats und Breaks in die Stücke wagen. Wunderbar entspanntes Ding für kleine Räume und Gelegenheiten außerhalb der Technokathedralen.

Die Akteure des Berliner Labels Crux Axul, Sankt & Lymbs, haben ihre EP Among Nights / Feral Laws (Crux Axul) als De(kon)struktion von Dark Rave angelegt, wobei vor allem die gegenseitigen Remixe einen Schritt beiseite treten und eine eigene, aber mehrheitsfähige Version von Post-Club-Musik darlegen, die noch immer reichlich düster agiert, aber mit einem Zwinkern gen Licht und Anti-Apokalypse. 

Die Lockdown EP Opalis FM (Infiné) des Franzosen Toh Imago agiert ebenfalls weniger düster und nebelverhangen als bisher. Die eher scharfkantigen und disruptiven Sounds und Rhythmen sind für einen Kontext außerhalb des Clubs gemacht. Der Beat wird nur noch sporadisch gerade, dafür dann aber gleich zum Warehouse-Rave, der nach zwei Minuten schon wieder zerfleddert und sich verläuft.

Video: Toh Imago – Baie D’Authie