Das intergalaktische ✓ iNTERBEiNG Angel Marcloid hat es wieder getan. Schon wieder. Grobschlächtige Drumcomputer, smoothe Kenny-G-Tröte, Phasergitarre und Synclavier in brillanter Produktion fusioniert. Zu einem denkbar genialen Achtziger-Jahre-Wettervorhersage-Soundtrack in Postvapor-Ästhetik. Holographic Universe(s?)! (Hausu Mountain) von Nonlocal Forecast kommt im Gegensatz zu Marcloids FIRE-TOOLZ ohne verzerrte Kreisch-Vocals aus (mit einer Ausnahme, in der ebendiese gefeatured werden).

Möglicherweise stellt das traditionelle akustische Banjo-Folk-Picking aus den Appalachen, das Sally Anne Morgan auf Thread (Thrill Jockey) praktiziert, das ultimative Kontrastprogramm zum Post-Internet-Metaebenensurfing von Angel Marcloid dar. Wären da nicht die subtilen Drone-Anmutungen, das implizite Wissen um Elektroakustik und die Neue Musik, die Morgans Debüt zu etwas anderem werden lassen als Retro-Wurzelmusik. Als Prog-Bluegrass ist das Solodebüt von Sarah Louises Partnerin in House and Land mindestens genauso so post-anything, unmittelbar modern und retro-meta-modern wie Nonlocal Forecast.

Tradition und Moderne, Elektronik und Akustik zu überlagern und in einen konstruktiven Dialog zu bringen, der Konstrast und Differenz zulässt und doch quasi-organisch fusioniert, das gelingt der hochinteressanten Kollaboration des Berliner Neoklassik-Pianisten Eric Maltz mit dem peruanisch-indigenen Sänger Rawa Munoz. Die Single Latigi D. Icaros (Flower Myth) wäre in einem Mixtape zwischen Björk und Le Mystère Des Voix Bulgares nicht fehl am Platz, und steht doch ganz für sich.

Die Snowdrops aus Mathieu Gabry und Christine Ott funktionieren ebenfalls über eine hochspannende Vernetzung alter und neuer Kultur und Technik. Ott ist eine Virtuosin des Ondes Martenot, eines Vorläufers des Synthesizers, und Gabry einer des Mellotrons, eines elektromechanischen Vorläufers des Samplers auf der Basis von Tape-Loops. Zusammen geben diese eigenwilligen Instrumente dem Quasi-Debüt des Duos Volutes (Injazero) einen spezifischen, tief melancholischen Charakter bar jeder Nostalgie. Quasi-Debüt übrigens, weil es vor zwei Jahren von den beiden schon den tollen Soundtrack zu Phuttiphong Aroonphengs Film Manta Ray gab.

Das Pariser Label Infinè hat sich in den vergangen Jahren immer mehr von den eindeutig als Techno und House identifizierbaren Produktionen der Anfangsjahre wegbewegt. Eine Richtung der Entwicklung war dabei die Neoklassik am Klavier, eine andere die Exploration der Musiken der französischen Exklave La Réunion im indischen Ozean, speziell des kreolischen Maloya, an dem sich fast alle der entdeckten Künstler*innen abarbeiten, weil sich Maloya ähnlich dem lateinamerikanischen Cumbia in Beats und Harmonien an hiesige Elektronik auffällig gut anschließen lässt. Das Réunioner Duo PANGAR macht auf der EP 1 (Infiné) nun mit den afro-indischen Beats des Maloya etwas Ähnliches wie Jlin es mit Footwork und Juke gemacht hat. Es konstruiert die Rhythmen abstrakt und minimalistisch, bleibt dabei aber immer nahe am Bass, tanzbar und energisch – sodass die Kollaboration mit der eher traditionell agierenden Sängerin Anna O’Aro keineswegs aus dem Kontext herausfällt.

Das Berlin-Jerusalemer Duo INRA nimmt sich auf der Tape-EP I Super Liked You by Mistake (INRA) den Traditionen von Kingston (Dub) und Detroit (Techno/Electro) an, um sie zu einer erstaunlichen Fusion zu führen, die nichts von der Dub-Techno-Langweile hat, die diese offensichtliche Kombination sonst so oft hervorbringt.  

Als exquisiter Exzentriker und ausgewählter Außenseiter muss Kai Althoff nur mit sich selbst kollaborieren, um etwas Ungewöhnliches jenseits aller Kategorien wie Aber mich macht’s traurig (Sonig) zu produzieren. Mit den beinahe zu Pop oder Electronica geronnen Songs oder Tracks, die der hauptberuflich bildende Biennale-Künstler Althoff als Fanal oder in Workshop mit Justus Köhncke produzierte, hat seine aktuelle Arbeit nur bedingt zu tun. Eine Ahnung von Pop ist im semi-frei quietschenden Elektroakustik-Stockhausen-Space-Jazz-Postrock des Albums allerdings immer noch zu spüren. Vor allem aber die vollständige Freiheit von Erwartungen. Nicht immer (oder eher: fast nie) führt diese zu einem so guten Werk (egal ob Musik oder Bild) wie hier.