Foto: Frank P. Eckert

Einsamkeit braucht nicht unbedingt eine Pandemie, um künstlerischer Ausdruck zu werden. Mehr oder minder freiwillig manifestiert sie sich genauso konkret in existenzieller oder politischer Isolation wie bei der Istanbuler Ausnahmekünstlerin Ekin Üzeltüzenci alias Ekin Fil. Coda (The Helen Scarsdale Agency) arbeitet den Indie-Pop-Aspekt ihrer introvertierten Minimal-Drones bisher am deutlichsten heraus. Das ist eine, wenn nicht die Musik zur Zeit. Weil sie ein tiefsitzendes Unbehagen, einen beinahe körperlichen Schmerz an und in den Verhältnissen, in denen sie lebt, auf eine sehr dunkle, aber gerade nicht verstörende, sondern Schönheit hervorbringende und umarmende Weise zum Ausdruck bringt. Und das ist ein Sentiment, das sich keineswegs auf Istanbul, die Türkei oder die Welt unter Pandemie-Bedingungen beschränkt. Es betrifft (und betraf schon vorher) uns alle, überall.

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Die Japanerin Ai Aso dehnt und verschleppt ihre minimalistischen Lo-Fi-Folksongs derart, dass die einzelnen Akkorde auf der Akustikgitarre, die Silben und Wortfragmente ihrer oft mehr gehauchten als gesungenen Texte in ebenfalls höchsten Tönen mehr oder weniger für sich stehen, zusammengehalten von Tape-Rauschen und Delay. Die extreme Leere und Kargheit der isolierten Töne bringt The Faintest Hint (Ideologic Organ, 18. August) in die unmittelbare Nähe der Kompositions-Avantgarde der sechziger Jahre, etwa von Pauline Oliveros oder Morton Feldman, aber genauso in die Jeztzeit von Japans psychedelischer Folk-Avantgarde. Kein Zufall also, dass Drone-Professor Stephen O’Malley Ai Aso für sein Label entdeckt hat und wie die japanischen Doom-Metaller Boris, die auf zwei Stücken mitspielen, mehr als handzahm agiert. Aso zieht sie mit ihrer ultrakonzentrierten Fast-Nicht-Musik alle in den Bann.

Gia Margaret aus Chicago hat ihre Karriere als Singer/Songwriterin im klassischen Gewand zwischen Folk und Country begonnen. Umso größer war die Überraschung, dass ihr im Covid-Lockdown erschienenes Album Mia Gargaret (Orindal/Dalliance) auf Stimme und Akustikgitarre weitgehend verzichtet und stattdessen als optimistisches wie zartschmelzend schönes Werk daherkommt, das die einfache Klarheit der Instrumentierung elektronisch gewendet beibehält und in einfache Freude übersetzt. Ganz und gar wunderbar und viel zu selten, dass so etwas passiert.

Es will niemand mehr hören, aber Covid-19 ist keineswegs Vergangenheit. Nicht mal ansatzweise. So ist es nur konsequent, wenn die musikalischen Bewältigungsstrategien fortgesetzt werden. Weiter geht etwa die EP-Serie von Trio-Kollaborationen des Labels Trestle, deren Folgen From Isolation 8/9 (beide: Trestle Records) wiederum mehr oder minder prominente, aber doch vielbeschäftigte Instrumentalist*innen vereinigt, die dann etwas leicht außerhalb ihres üblichen Fokus Liegendes auf Distanz zusammen improvisieren. Wie den reichlich düster geratenen psychedelischen Avantgarde-Pop der Düsseldorf-Amsterdam-Berlin-Connection von TG Mauss / Thilo Schölpen / Valerie Renay und die vergleichsweise freundliche psychedelische Electronica der Londoner James Hammond / Keir Vine / Cecilia Forssberg. Bei beiden Kombis sind es jeweils die Stimmen von Renay und Forssberg, die, weit jenseits klassischen Gesangs eingesetzt, die experimentellen Jams vom Gewohnten (auch experimentell Gewohnten) abheben.

Für die Russin Katya Yonder ist der Gesang ebenfalls eine technische und praktische Neuigkeit. Und sie traut sich nicht nur in ihrer Muttersprache und Englisch, sondern auch Japanisch und Französisch in höchsten Tönen zu singen. Das macht ihre erste Vinyl-Veröffentlichung Multiply Intentions (Métron Records, 18. August) zu einer beeindruckenden Sache, die frei zwischen Electronica, Ambient und Pop hin- und herschwebt und ähnlich souverän (und wunderschön) Genres transzendiert wie zuletzt Julianna Barwick (siehe Motherboard des Vormonats). Katya Prokina, wie Yonder mit Klarnamen heißt, lebt und arbeitet in Jekaterinburg, dieser eher unbekannten Millionenstadt nahe der Grenze von Russland und Kasachstan. Also zumindest von Westeuropa aus gesehen ganz schön weit im Wald. Sie ist eine weitere tolle Entdeckung der Berliner Talentschnüffler von Métron, die zum Beispiel den Japaner Meitei einem internationalen Publikum bekanntgemacht haben.

Tolle Popmusik, die es sich zutraut, ihre eigene Gesetztheit und Perfektion wieder zu verwildern oder zu verqueeren, ist viel zu selten. Und wenn es sie gibt, dann stammt sie meist aus unvorhergesehenen Quellen. Gut, bei Genevieve Artadi, die schon mit KNOWER und Pollyn Derartiges gemacht hat, vielleicht dann doch nicht so überraschend. Trotzdem bemerkenswert, wie ausgreifend und abschweifend Dizzy Strange Summer (Brainfeeder) geraten ist. Wie freies Jazz-Gequietsche über hibbeligen Techno-Beats im Gabber-Tempo jederzeit zum Kern aus akustischem R’n’B, Hip Hop, Soul-Jazz oder sogar Singer-Songwriter-Folk-Pop zurückkehren kann, ohne dass sich das im Geringsten abwegig anhört. Vielleicht weil Artadis Sound immer so klingt, wie von der Abendsonne L.A.s geröstete Strandpromenaden.

Die Kanadier*in Casey MQ macht etwas ähnlich queeres mit dem innersten Kern des Mainstreams, dem Casting- und Avatar-Pop aus Korea oder Japan, der Schnittstelle von Boygroups, Girlgroups und Vocalise. Babycasey (Halocline Trance, 14. August) nimmt sich diese quietschbunte Welt und macht sie mal zu Ambient, mal zu R’n’B oder behält die ursprüngliche Größe bei – mindestens so mehrheitsfähig wie SOPHIE, Kim Petras oder Banoffee. Und wenn „Celebrity Crush” kein Hit der Kragenweite von Britney ist, fress’ ich meine Rina-Sawayama-Poster auf. Und die von BTS noch dazu. Alle. Versprochen.