Die erste LP des hochkonzeptuellen Collagen-Projekts von Jan Jelinek, der Gesellschaft zur Emanzipation des Samples, arbeitet Kontext(e) und Wechselbezüge als mindestens ebenso wichtig in ein größeres Ganzes ein wie die reine Klanglichkeit, die tatsächlichen musikalischen Inhalte. In der entsprechend grandios betitelten Anthology of American Pop Music (Faitiche) ist Pop als Zitat dann allerdings so weit gefiltert durch so feine Klangsiebe in warmem Rauschen zu beinahe absoluter Stille püriert, dass die markanten Originale, die hinter den Samples stehen, weitgehend aufgelöst sind und die Aufnahmeschnipsel ausgelöst für sich stehen dürfen. Die grundlegend antikapitalistische Idee hinter dem Ganzen sowie die Fake-/Fetisch-/Faitiche-Praxis, die daraus resultiert, sind hochinteressant und machen auf der Ebene des Sounds einfach Laune. 

Kontext als Mehrwert ist ebenfalls steter Begleiter von Marc Richter Arbeiten als Black To Comm. In dieser Hinsicht ist die Mini-LP Oocyte Oil & Stolen Androgens (Thrill Jockey) sein bislang explizitestes Werk. Weniger klaustrophobisch und schwer als von Richter gewohnt, flirren hier gesampelte, digital bearbeitete und geloopte Stimmen luftig durch ein Ambiente der klassischen Avantgarde mit der überraschenden neuen Eigenschaft, dass die Klänge hin und wieder sogar direkt und offen schön sein dürfen. 

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Drew McDowall, Scotsman in New York, ist eines der Originale, die in der kurzen kreativ-explosiven Phase nach Punk diesem die Rockmusik ausgetrieben und in Richtung Industrial, Gothic und Dark Ambient bewegt haben. Die zugehörige(n) Szene(n) hat McDowall lange hinter sich gelassen. Dem schweren, von tribalem Klopfen, metallischem Hämmern und schroffen, aber tief melancholischen Noise durchsetzten Sound seiner musikalischen Abstammung ist er aber auch in New York immer treu geblieben – bis jetzt, wie es scheint. Agalma (DAIS) ist weiterhin wunderdunkelschöner ritueller Dark Ambient mit Streichersamples, Holzklöppeln und knirschendem Ächzen. Die bei Coil gelernte Attitüde ist noch vorhanden, hier aber in deutlich sanftere (und moderne) Bahnen gelenkt. Vielleicht liegt es an den zahlreichen musikalischen Gästen, bei deren Auswahl McDowall ein Händchen für die Cutting Edge der avancierten Elektronik zeigte. Von Caterina Barbieri über Kali Malone zu Robert Aiki Aubrey Lowe und Maralie Armstrong-Rial. Praktisch alle unterstützen seinen Weg zu gelassener Ruhe und Schönheit aktiv.

Richard Chartier alias Pinkcourtesyphone hat den umgekehrten Pfad genommen; von erhabenem Minimalismus der Beinahe-Stille diskreter Sound Art zum düsteren Pessimismus von Industrial und Dark Ambient, was sowohl den Charakter seines Sounds als auch seine morbiden, nicht mehr intakten Klangquellen angeht. Leaving Everything To Be Desired (Room4) ist ein mehr als beeindruckendes Dokument der schleichenden Desillusionierung und Einkehr, die aber nicht mehr still und ruhig sein möchte, es aber zwangsläufig sein wird.

Video: Drew McDowall feat Kali Malone – Agalma V [Achtung eventuell Epilepsie-Trigger]

Dass ein kleines und relativ bevölkerungsarmes Land gleich mehrere Szenen eines Genres wie Ambient beherbergt, ist schon erstaunlich genug. Dass diese sich stilistisch und personell kaum bis nicht überschneiden, noch mehr. Dass die Qualität der jeweiligen Veröffentlichungen dann auch noch permanent hoch ist, grenzt schon an ein kleines Wunder. So gibt es in Dänemark einen Cluster in Kopenhagen um die Labels Janushoved, Silicone Records und Posh Isolation (siehe weiter oben), einen weiteren um Husoptagelser und im kleinen Aarhus gibt es das Non-Profit-Label FUSEM. Dessen jüngste Kompilation FUSEM VA002: Imens Vi Stadig Findes (FUSEM) versammelt minimalistischen Ambient, Elektroakustik und Drone, die sich in Sound und Kontext deutlich von den bekannteren Labels aus der Hauptstadt abheben. So besteht das Portfolio des Labels vorwiegend aus Newcomer*innen, am prominentesten – zumindest im Motherboard-Kosmos – das Improv-Trio KAI OKE, bei dem Sofie Birch mitspielt. 

Einen kleinen, aber ausladenden Nachtrag zum in der vergangenen Ausgabe ausgerufenen Synthesizer-Herbst stellt Sleep Through the Storm (Bytes) vom Brightonian James Vella alias A Lily dar. Das Tape gibt einen umfassenden Überblock über die klanglichen Möglichkeiten von analogen modularen Synthesizern im harmonischen Betriebsmodus zwitschernd-flitschender Chords und stehender Bässe. 

Ebenfalls massiv in Sound und Umfang sowohl des Albums wie auch der benutzten Hardware von Wandschrankformat kommt das Modular-Debüt Eigenlicht (Counterchange) des Berliner Soundtrack-Komponisten (u.a. zum tollen Kinofilm Systemsprenger von Nora Fingscheidt) und Jazz-Saxofonisten John Gürtler daher, weil es mit den klassischen Modulationsmöglichkeiten der analogen Vintage-Technik spielt, als gäbe es kein Gestern.

Die in Sepia-Pastell getünchte Polaroid-Indietronica des Kanadiers Dylan Khotin ist ebenfalls dazu geeignet, den scheidenden Sommer noch ein klein wenig zu verlängern und sich nostalgisch der vergangenen Jugend (egal welchen Lebensalters) zu memorieren. Finds You Well (Ghostly International) beherrscht die Retro-Tonlage in Perfektion und sichert sich so eine gewisse Zeitlosigkeit. Ist das der eingangs erwähnte Normcore-Eskapismus? Sicher nicht.