Knnnarrkt.
Das war, wie ihr euch schon gedacht habt, der ziemlich eingerostete Umschaltknopf auf die erste Person Singular. Für ein neues Solowerk des mitteljung gebliebenen britischen Gentleman mit dem explosiven Pseudonym Sonic Boom muss ich allerdings persönlich nostalgisch und unverblümt voreingenommen werden. Pete Kember hat mir mit seiner Band Spacemen 3 nicht nur eine ordentliche Kerbe im oberen Frequenzbereich des Hörspektrums vermacht, live 1988 mit der Anderthalb-Akkorde Hymne „Revolution”, sondern sich im selben Jahr noch dem bittersüßen Soundtrack meiner mittelspäten Jugend angenommen und das zauberhaft feinherbe Coming-Of-Age-Teen-Drama Susie von The Jazz Butcher in ein unglaubliches Schauder-Wow-Ding verwandelt. Zur Jahrtausendwende hat er dann mit Spectrum ein verwuschelt hübsches Soloalbum gemacht und auch danach nur interessante Sachen. Ein neues Soloalbum ist also vermutlich nicht nur für mich ein klares Ereignis. Und All Things Being Equal (Carpark, 6. Juni) liefert: hübsch verwuschelt und interessant.

Die weiteren aktuellen Großtaten verdienter und meist männlicher Menschen machen mir allerdings ein schlechtes Gewissen. Die machen doch alles richtig. Eigentlich müsste ich das wirklich mögen, nicht nur wertschätzen oder gar liken. Aber das meiste davon kommt bei mir nur als anstrengend, von Überdruck übersättigt, an. Selbst wenn es von einem mega-versierten Drummer und vielfach interessierten Typen wie Greg Fox kommt. Sein Contact (RVNG Intl., 29. Mai) kann und weiß so viel, und doch wirkt es auf mich als virtuose Beliebigkeit. Bei den live aufgenommenen Montrueil Beats (Brutter) des norwegischen Duos Brutter wird es langsam klarer. Erst recht in Content (Denovali, 29. Mai) des Brasilianers Ricardo Donoso, oder dem Konzept-Improv von Lukas König alias Kœnig, der auf Messing (Ventil, 3. Juni) auf allem klöppelt, dengelt und krengt, was aus der goldglänzenden Legierung gemacht ist. Es ist eben nicht das perkussive Klangspektrum aus hölzernen oder metallenen Schlaginstrumenten, sondern die Art, auf die diese Platten körperlich sind. Das sind sie nämlich sehr, aber auf eine schweißkalte, in Testosteron gepanzerte Weise, die ich eben maximal schätzen kann, aber nie mögen. Und was die beiden französischen Pop- und Industrial-Outsider Pascal Comelade & Marc Hurtado auf Larme Secrete (Klanggalerie) zusammenbasteln, erleuchtet die Sache für mich dann final. Die proaktiv oder unbewusst eingesetzten Vermeidungsstrategien von Schönheit und Zartheit zugunsten von Druck und Intensität stören mich massiv, wenn sie den Körper auf solch martialische Weise interpretieren.

Subtiler ist da schon die Schaustellung von über-lässigem instrumentalem Handwerk und klanglich kühler Ausgewogenheit in der Supergroup aus Multifunktionsschlagwerker Samuel Rohrer, Improv-Gitarrist Stian Westerhus sowie den Techno-Altstars Max Loderbauer und Tobias Freund. Das Debüt der Vier, KAVE (Arjunamusic, 29. Mai), ist durchweg interessant und subtil spannend. Und doch bleibt die Frage, ob besonnene Perfektion und zurückhaltende Überlegenheit alles sein kann, was ich brauche oder will von Musik.

Diskretion und unaufdringliche Kraft zu Eleganz zusammenzudenken, ist nämlich eine Qualität, die ich durchaus zu schätzen weiß. Eine Tugend, die Sam Prekop seit den späten Achtzigern praktiziert. Der Mann hat mit Shrimp Boat oder The Sea and Cake den Postrock-Sound seiner Heimatstadt Chicago entscheidend mitgestaltet und wurde solo seit den Nullerjahren immer elektronischer und loopiger. Einen der letzten Abende, die ich in der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, musikalisch gestalten durfte, hatte ich Prekops Bands und ihren Satelliten in Chicagos Jazz, Improv- und Avantgarde-Szene gewidmet. Ein neues Album von Sam Prekop ist also ebenso ein Befindlichkeits- und Gemütsding, aber eben auf weit abgeklärtere, erwachsenere Weise als bei Sonic Boom. Dem entsprechend birgt Comma (Thrill Jockey, 10. Juli) wenig Überraschendes, aber dafür viel ausgeruht Gutes – lange gelagerte Tapeschleifen, gesinterte Modularelektronik.

Den Australier Andrew Tuttle durfte ich als herzlichen und freundlichen Menschen kennenlernen. Bislang aufgrund missgünstiger Umstände nur online. Doch wenn die Musik eines Menschen seine Persönlichkeit auch nur minimal reflektiert, ist er ein Guter, wenn es denn einen gibt. Und ein interessanter, denn seine Kombination aus digitaler Elektronik und dengelnd-schepperndem Bluegrass-Instrumentarium aus Banjo und Steel Guitar ist einzigartig und originell. Was er auf seinem vierten Album Alexandra (Someone Good) damit macht, ist schon wieder, wie immer, ein Herz- und Körperkern wärmendes Album von einem aktuell nahezu unglaublichen Optimismus. Diese Musik glaubt an das Gute im Menschen, an die Vernunft und an die Zukunft.

Knnnarrakkt.