Die hektische Betriebsamkeit der Covid-Isolation wirkt bis in die Zeit der schrittweisen Öffnung nach. Es scheint einer der gar nicht subtilen Zwänge vor allem für Kreativschaffende zu sein, in der Folge besonders produktiv sein zu müssen, besonders schnell und ausdauernd zu arbeiten. Die Menge und Qualität der irgendwie Quarantäne-bezogenen Sampler spricht jedenfalls eine deutliche Sprache, selbst wenn es nur das Veröffentlichungsdatum ist, das zufällig in das Lockdown-Zeitfenster fiel. Wobei Pen Pals (Ransom Note) schon eindeutig ein Covid-19-Sampler ist. Die Community aus Künstler*innen um das britische Online-Magazin und Label Ransom Note hat sich zu Duos zusammengefunden, die per File Sharing Tracks gebastelt haben, die zwischen weirdem Techno und beglückend seltsamer Popmusik herumwuseln. Der Londoner DJ und Produzent Timothy Clerkin (Heretic) ist ebenfalls mit Ransom Note assoziiert. Der erste Labelsampler seines jungen Imprints Insult to Injury Corpus Vol. 1 tickt durchaus ähnlich kommt aber zwischen Doom-Acid und Rave-Bleeps etwas grimmer und technoider daher.

Der in jeder Hinsicht ausschweifende wie grandiose Sampler MUSIC ACTIVISTS 2020: From Home (Infiné) hat sich der Idee verschrieben, dass Kreativität mit Einmischung zu tun hat. Bei der zweiten Ausgabe sieht sich dieses Konzept verschärften Bedingungen ausgesetzt, nicht nur den Covid-19 geschuldeten unmittelbar ökonomischen. Die 34 exklusiven Stücke von Künstler*innen des Paris-Berliner Labels Infiné und der befreundeten Nachbarschaft, etwa von Kompakt, City Tracks, Denovali oder Planet Mu inklusive einer Handvoll Newcomer*innen, bewegen sich meist um die Kernkompetenzen des Labels –Electronica und poppigen Electro-Techno. Es gibt aber auch interessante Ausnahmen wie ein erzählendes Ambient-Stück von Kasja Lindgren oder eine avantgardistische Soundcollage von Sabrina Bellaouel. Das Album wird in digitaler Form auf Bandcamp eine Zeitlang auf Name-Your-Price-Basis erhältlich sein. Sämtliche Erlöse gehen direkt an die Künstler*innen. Ihr wisst hoffentlich, was ihr zu tun habt.

Das Londoner Label Trestle hat sich neben Postrock und Neoklassik auf die spontane Konfrontationen von Musiker*innen aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen spezialisiert, deren Zusammentreffen ansonsten wohl eher unwahrscheinlich wäre. Die Streaming-Reihe der One Day Band Sessions ist inzwischen bei Folge 20 angelangt und vorübergehend auf Eis gelegt. An ihre Stelle sind die Distanz-Zusammenarbeiten From Isolation getreten – und die Covid-induzierte Reihe von Triple-Kollaborationen im EP-Format zeigt sich nicht weniger produktiv. From Isolation 4 (Trestle) kombiniert die Australier*innen KCIN, Tilman Robinson & Saphir. Der Jazz/Improv-Schlagzeuger, der Elektroakustik-Komponist und die Vokal-Artistin finden ihre gemeinsame musikalische Sprache in kühlen, von Postrock und Noise infizierten Soundscapes, die Hieronymus Boschs Gemälde Garten der Lüste akustisch illustrieren.

Das aus diversen Indie-Rock und Avant-Pop Acts zusammengeführte Trio von David Coulter, Julia Kent & Seb Rochford bleibt auf From Isolation 6 (Trestle) relativ nah an den Soundtrack- und Postrock-Sounds, die sie auch sonst so produzieren, was durch den locker aus dem Handgelenk geschüttelten Jam-Charakter der Stücke aber Laune macht. Sollten sie öfter machen. Einfach mal Aufnahme drücken und losspielen. Funktioniert ja offenbar sogar dann, wenn jede*r Beteiligte die Tonspur für sich füllt.

Etwas weniger prominent, weil weniger aus einem Indie-Kontext denn aus Ambient, aber mit ähnlich versierten Fachkräften besetzt, ist From Isolation 7 (Trestle). JQ, Richard Pike & Jack Wyllie nutzen die Chance, sich hier einmal in den Vordergrund zu spielen konsequent nicht. Dazu sind ihre Klänge einfach zu diskret und elegant. Gentlemen eben.

Auf From Isolation 5 (Trestle) haben sich mit Francine Perry, Jens L Thomsen & Simon Williams drei Elektroniker*innen gefunden, die bislang eher auf der technischen Seite der Musikproduktion aktiv sind. Als Soundingenieurin, Sessionmusiker und im Mastering, wobei alle auch veröffentlichen, Perry zum Beispiel als La Leif bassige Electronica. Zusammen wird daraus so etwas wie instrumentaler Trip-Hop, der bei dem Hintergrund selbstredend verdammt gut klingt.

Connecting Home Pt. 1 (Flower Myth) des New Yorkers Eric Maltz ist ebenfalls ein unmittelbares Produkt des Lockdown. Seit Beginn der sozialen Isolation streamt der Berlin-Expat jeden Samstagabend 45 Minuten lang live improvisierte, loopige Neoklassik und krautig minimalistische Synthesizer-Schleifen an Piano und Moog. Connecting Home kondensiert die besten Momente, wobei der Erlös  an einen guten Zweck, nämlich die finanzielle Unterstützung der NYC Food Bank, geht. Wie so vieles dieser Tage, nicht zuletzt die Groove selbst, hängt die weitere Existenz von Maltz’ Konzerten an finanzieller Unterstützung (etwa durch ein Abo) und freiwilligen Spenden.