Loveparade 1989, alle Fotos: Erik-Jan Ouwerkerk

Am 1. Juli 2019 feierte die Szene ein historisches Jubiläum: Würde es die Loveparade heute noch geben, sie hätte an diesem Tag ihren 30. Geburtstag gefeiert. 30 Jahre, seit die ersten Raver*innen hinter ein paar Pritschenwägen mit einer schlichten Musikanlage über den Berliner Ku’Damm tanzten und von der Techno-Revolution träumten. Da die erste Ausgabe unseres Magazins erst im Dezember 1989 erschien, gab es von dieser ersten Parade keine Berichterstattung der Groove, die damals noch in Frankfurt saß. 1991 gab es in der Groove dann aber einen Nachbericht zur zweiten Loveparade, bei der*die ungenannte Autor*in um Worte ringt, dieses eindrucksvoll Happening zu beschreiben: „Hilflos scheitert jeder Versuch den Spirit dieses großartigen Geschehens jemandem, der nicht dabei war, in Worten zu vermitteln. Wer dabei war, weiß es: Es lag eine gewaltige Energie in der Luft, die man glaubte zu spüren.“

Zum 20. Jubiläum 2009 lieferte der Berliner DJ und Technofan der ersten Stunde Tanith seine ganz persönlichen Erinnerungen an die erste Loveparade 1989. Beides wollen wir euch natürlich zum 30. Geburtstag nicht vorenthalten – lest hier die beiden Archivartikel in voller Länge! Zum Eingrooven gibt es außerdem 15 Tracks aus 1989. Zum Teil xklusives Bildmaterial kommt von Erik-Jan Ouwerkerk.

Love Parade Berlin 1991

aus: Groove Ausgabe 11 (August/September 1991)

Es ist die berühmte Eigendynamik, die sich immer bei großen Ideen entwickelt, und dazu führt, dass man sogar noch über das Ziel hinausschießt. Welch ein Erfolg für die deutsche Housenation war dieses Happening. Wir sind nun einmal nicht in England, wo die Mentalität einfach so geartet ist, dass der Funke der bedingungslosen Euphorie sofort überspringt. Die von Natur aus extrem nüchternen und kühlen Deutschen brauchen bekanntermaßen sehr lange um ihre Mauer umzustürzen und darüber hinwegzuspringen. Nichts davon spürte man am Samstag, den 06.07.91 auf dem Berliner Q-Damm. Hilflos scheitert jeder Versuch den Spirit dieses großartigen Geschehens jemandem, der nicht dabei war, in Worten zu vermitteln. Wer dabei war, weiß es: Es lag eine gewaltige Energie in der Luft, die man glaubte zu spüren.

Außer den Akteuren gab es noch eine zweite wichtige Spezies: Die Zuschauer, die mitten in ihrem samstagnachmittäglichen Einkaufsbummel mit diesem Zug aus mindestens 4000 Akteuren und sieben PA-beladenen Freudenmobilen konfrontiert wurden. Plötzlich war der Einkauf nebensächlich geworden. Teilweise stürzten sie sich mutig in die Menge und wurden damit zu Akteuren, oder erstarrten teilweise verwirrt und verständnislos, teilweise angenehm berührt in ihrer Bewegung und ließen den Zug an sich vorbeiziehen. Ja, so war es und nicht anders.

Olympische Ausmaße werden es sein! Deutschland hat seine eigene Housekultur und die kann ihm niemand mehr nehmen.

Nicht von ungefähr werden jetzt im Nachhinein Vergleiche zum legendären Woodstock-Festival laut. Genau betrachtet war das auch der größte Gewinn in diesen zwei Tagen: Die deutsche „Unity” wurde erfolgreich gefördert. Jede Stadt hatte vor der Parade ihre eigene geschlossene Szene. Niemand wusste etwas von den Anderen. Die Love Parade hat dieses Jahr einen großen Teil dazu beigetragen das „Miteinander“ zu verbessern. Natürlich hab es auch die obligatorischen und notorischen Querschläger und Unsympathen, die das Ganze gar als Competition zwischen den Städten sahen, nach dem Motto „Wer ist besser?“. Das tut weh, denn hier wurde die Message und der Sinn der Love Parade völlig missverstanden. Das Beste wäre, wenn diese Leute ’92 zu Hause blieben, dann können sie niemanden runterbringen. – No more bad vibes!

Überhaupt lässt der Ausblick auf das nächste Jahr den Puls höherschlagen. Sicherlich wird nicht bei den Frankfurter und Kölner Posses bleiben, die Berlin besuchen werden. Olympische Ausmaße werden es sein! Deutschland hat seine eigene Housekultur und die kann ihm niemand mehr nehmen. Ein Dank geht an die Organisatoren – ihr habt Großartiges geleistet!, – und an die DJ’s der beiden Rahmenparties – ihr habt auch nachts in Weißensee dafür gesorgt, dass keine Auge trocken blieb! Love and Peace to ya all and see ya next year!

Die erste Loveparade

aus: Groove Ausgabe 118 (Mai/Juni 2009)

1989 war, von heute aus betrachtet, ein Jahr von dem man in Bezug auf Techno sagen könnte: Wir hatten damals doch nix! Keine Infrastruktur, kein Crossfader am Mixer und erst recht keine spezialisierten Plattenläden. Die Handvoll DJs, die damals alles Mögliche zu dem vermixte, was später einmal Techno werden sollte, huschte ein- bis zweimal pro Woche zu WOM und Pinky Records in Steglitz, um in einem Berg von HipHop-, Dance- und seinerzeit sogenannten „Blackmusic“-Maxis nach versteckten Trüffeln in Plattenform aus England, Belgien und den USA zu suchen. Immer in der Hoffnung, der Erste an der gerade ausgepackten Lieferung zu sein, um das vielleicht einzige mitgelieferte Exemplar einer Platte zu ergattern und so am Wochenende hoffentlich den neuen Hit zu landen. Diesen zu finden und seiner habhaft geworden zu sein, zählte mehr als die 50 bis 100 Mark, die man damals für gewöhnlich pro Nacht verdiente.

Damals war alles Techno – von Acid über EBM bis zu englischem Ravekrams mischte jeder DJ mitunter Eklektizismus etwas zusammen, das sich erst später in unterschiedliche Stilistiken weiterentwickeln sollte.

Es die Nach-Acid-Zeit, und alles war natürlich ganz anders als heute, wo jeder veränderte Parameter gleich einen neuen Stil begründet. Damals war alles Techno – von Acid über EBM bis zu englischem Ravekrams mischte jeder DJ mitunter Eklektizismus etwas zusammen, das sich erst später in unterschiedliche Stilistiken weiterentwickeln sollte. Es hätte auch gar nicht ausreichend Plattenveröffentlichungen in den jeweiligen Sparten gegeben, um damit ganze Nächte füllen zu können. Und so gab es einen Soundclash, bei dem zum Beispiel Nitzer-Ebb-Dubversionen oder Italokracher wie Wood Allens „Airport ’89“ auf Meat Beat Manifesto oder Renegade Soundwave trafen. Von da vielleicht rüber zu instrumentellen Maxiversionen von HipHip à la Consolidated, die in belgischen New Beat mündeten, was wiederrum zu einer NuGroove-Scheibe aus New York führen konnte, um dann bei KLF anzukommen und mit 808 State neu anzusetzen.

Genauso bunt zusammengewürfelt wie die Musik dieser Tage war auch die musikalische Sozialisation des Publikums: Die einen kamen vom Punk oder Industrial, die anderen von Hi-NRG, Disco und Funk. Die DJs waren von mindestens ebenso unterschiedlicher Herkunft: Rok stammte aus der Schwulenszene des Connection, Motte war in der Turbine Rosenheim zugange, wo sonst eher zu zeitgenössischem Independent gefeiert wurde, Jonzon legte mit ihm dort bei den ersten Berliner Acidpartys überhaupt auf, und Sohn eines Freunds von mir hieß Kid Paul, kam vom Industrial und wollte unter der Zugabe von Acid das neue Genre „Cyberpunk“ kreieren.

„XTC (Street Party)“ von Jazz & The Brothers Grimm war ein UFO-Hit, und von da aus brauchte es in der Demo-Stadt Berlin eigentlich keine lange Assoziationskette mehr, um bei etwas wie der Loveparade anzugelangen.

Zum Tanzen und Auflegen hatten wir das UFO in der Köpenicker Straße, und zum Treffen unter der Woche gab es das Fischlabor in der Schöneberger Frankenstraße. Beides wurde betrieben von denselben Machern, die auch später den Tresor gründen sollten, Dimitri Hegemann und Achim Kohlberger. Hier wurde experimentiert, aufgelegt und auch viel philosophiert und geplant. Aus dieser vergleichsweise kleinen Ursuppe von vielleicht 200 Leutchen setzte sich dann das Gros der Gefolgschaft der ersten Loveparade zusammen, die 1989 die Demonstration unter dem bekannten Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ anmelden sollten. Die Idee dazu bedurfte keiner so großen Eingebung, wie man vielleicht hätte vermuten können: „XTC (Street Party)“ von Jazz & The Brothers Grimm war ein UFO-Hit, und von da aus brauchte es in der Demo-Stadt Berlin eigentlich keine lange Assoziationskette mehr, um bei etwas wie der Loveparade anzugelangen.

Aber von wegen „Früher war alles besser“! Schon anno ’89 gab es durchaus viele Egos und Ellenbogen in der Szene, was dazu führte, dass ich dem ganzen Loveparade-Dingens zunächst eher abwartend gegenüberstand. Dass ich hätte musikalisch etwas beisteuern dürfen, war illusorisch. Als der Tag dann gekommen war, trottete ich, wie alle anderen auch, dem Pritschenwagen mit der UFO-anlage drauf hinterher. Die Anlage brüllte unsere Musik raus, damals noch von Kassette, und ich fand das Ganze dann doch ziemlich geil. Die Reaktion des Samstagnachmittagkudammkonsumentevolks konnte ja keiner vorausahnen, und die gespannte Erwartung dessen war dann neben der Musik – und ohne Drogen! – eigentlich der Punkt, der uns alle in Euphorie versetzte.

So etwas hatten die vorher weder gehört noch erlebt – geschweige denn verstanden. Herrlich!

Das Spektrum der Reaktionen reichte dann von verständnislosen Kopfschütteln bis zu ermunterndem Zujubeln der überraschten Einkäufer und Touristen vor Ort. Die ganze Veranstaltung war ein Statement der Harmlosigkeit. Und sie polarisiert zugleich. Man merkte, dass man einigen der Teilnehmer und Passanten eine Denkaufgabe mitgegeben hatte: So etwas hatten die vorher weder gehört noch erlebt – geschweige denn verstanden. Herrlich!

Am Abend gab es dann noch eine Anschlussveranstaltung in unserem Kreuzberger Kellerloch UFO, wo alle wieder beisammen waren und die Geschehnisse des Tages rekapitulierten. Ich gehörte weder zu denen, die damals schon darüber fantasierten, was damals alles mal werden könnte, noch ahnte ich, was es denn tatsächlich werden würde. An dem Abend war sogar noch unklar, ob die Loveparade überhaupt wiederholt würde. Aber bekanntlich folgte im Jahr darauf die Fortsetzung, und da die Grenze mittlerweile offen war, sollte die erste Loveparade auch die letzte und einzige rein Westberliner Loveparade bleiben. Weil sich die Geschichte damals so entwickelte, verstiegen sich einige Gemüter zu der These, wir hätten damals mit der positiven Energie der ersten Loveparade die Mauer niedergetanzt. Wer das behauptet hat, hat nichts von den Vorbereitungen mitbekommen. Tanith

15 Tracks von 1989

808 State – Pacific State (ZTT)
Aphrodisiac – Song Of The Siren (Nu Groove)
Black Box – Ride On Time (Zyx)
E-Zee Possee – Everything Begins With An „E“ (More Protein)
Forgemasters – Track With No Name (Warp)
Happy Mondays – Hallelujah – Weatherall Remix (Factory)
KLF – 3.A.M. Eternal (KLF)
Lil’ Louis – French Kiss (FFRR)
Model 500 – The Chase (Metroplex)
Nightmares On Wax – Dextrous (Warp)
Steve Poindexter – Work That Mutha Fucker (Muzique)
Shut Up And Dance – Ten Pounds To Get In (Shut Up And Dance)
Sueno Latino – Sueno Latino (DFC)
The Orb – A Huge Ever Growing Pulsation Brain… (Mr. Modo)
Unique 3 – The Theme (Ten Records)