Zum zweiten Mal präsentieren wir die Platten der Woche als Roundtable – diesmal ausgesucht von unserem ehemaligen Editorial Assistant Benjamin. Musikjournalismus, wie er nicht ernsthafter sein kann, mit einem Augenzwinkern zu genießen – neben Benjamin Kaufman mit der aktuellen GROOVE-Redaktion, bestehend aus Cristina Plett, Maximilian Fritz, Raoul Kranz und Alexis Waltz.

Flora FM – Chaos Light EP (Kalahari Oyster Cult)

Flora FM - Chaos Light EP (Kalahari Oyster Cult)

„Hallucinogenic Worm“

Cristina: Dass dieser Wurm sich windet und nicht auf sein Leben klar kommt vor Halluzinationen, merkt man. Wirkt aber nicht, als würde er sich dabei wohlfühlen. Mich überanstrengt der Anfang.

Alexis: Ein Breakbeat-Stück, digital und luftig produziert. Aus dem Loop heraus gedacht. Lebendig, aber es fehlt die Erdung in Arrangement und Bass.

Cristina: Alexis, du hast Recht. Es gibt zwar einen doch recht schiebenden Bass, aber trotzdem klingt alles viel zu sehr in den Mitten angesiedelt.

Max: Beim ersten Hördurchgang fand ich’s ja nicht so prickelnd, der Name erklärt aber alles.

Raoul: Brettert gut los. Ich finde den nervösen Synthie geil.

Alexis: Ja, es brettert gut los, aber nach dem initialisierenden Losbrettern weiß der Track nicht, wie er weitermachen soll.

Raoul: Die Pads hätte ich jetzt nicht erwartet, geben dem Track aber eine schöne neue Richtung.

Max: Die sind jetzt doch schon wieder weg, Raoul. Im Prinzip schon nach zwei Minuten auserzählt, als Tool aber sicherlich brauchbar.

Raoul: Ja, war ein kurzes Intermezzo

Benjamin: Nicht mein Favourite der EP, aber trotzdem nice! Mir gefällt tatsächlich der Kontrast zwischen diesen nervös-flirrenden, rumhüpfenden Synths und der entspannten Grundmelodie.

Alexis: Quietschige Verspieltheit, die von einer blechernen Digitalität im Zaum gehalten werden. Vielleicht auch zu britisch für den Berliner, der Erdung und Erzählung braucht.  

Raoul: Ja ganz schön redundant jetzt, da hätte mehr draus werden können.

Max: Mit den wiederkehrenden Pads aber auf jeden Fall deutlich besser.

Cristina: Pads retten alles!

 

„Chrome Grass“

Raoul: Die Vocal-Samples und Percussion kommen gut.

Alexis: Besser, immerhin der Versuch einer Bassline.

Benjamin: Hier hüpft auch wieder viel umher, direkt von Beginn an. Und ich hüpf mit.

Max: Bouncing Benjamin.

Alexis: Stimmt, hüpfend ist die Art, wie diese Musik rezipiert werden will.

Cristina: Wie bei dem Vorgänger bereits, das ist alles ein bisschen viel. Als würde man hundert gelbe Schlangen auf einmal aus dem Sack lassen. Man wird komplett von den hyperaktiven, unkontrollierten Elementen überrollt.

Max: Wieso gelb? Synästhetischer Ansatz?

Benjamin: Stimmt, ich kann verstehen, wenn man sich da reizüberflutet fühlt. Oder aber auch einfach nur hyperstimuliert! Auf mich trifft definitiv letzteres zu.

Alexis: In den Drum’n’Bass-Tagen hätte man Jump Up dazu gesagt. Leider gibt sich der Track hier künstlerischer und funktioniert dabei schlechter

Raoul: Das Hüpfende finde ich aber geil, ist ja auch ein zügiges Tempo. Max hatte mit DJ-Tools schon recht, sonderlich viel zu sehen gibt’s in dieser Flora nicht.

Max: Ui, Hi-Hats!

Raoul: Derselbe Trick mit den Pads wie vorhin

 

„Storm Cleaned“

Benjamin: Jetzt wird’s tropical!

Raoul: Yeah, Breakbeats!

Cristina: Breakbeats retten auch erstmal viel.

Max: Stimmt, die gehen immer. Was mich zur Frage führt, ab wann Breaks wieder als uncool gelten werden.

Benjamin: Ha, da habe ich auch letztens drüber nachgedacht. Der Zeitpunkt wird kommen!

Raoul: 4/4 sind die neuen Breaks oder wie?

Max: Solomuns Panorama Bar-Set am 1. Mai vielleicht?

Cristina: Also bei Solomun sind Breakbeats jetzt noch nicht angekommen. Ein Weilchen haben sie noch Coolness.

Max: Hätte das jetzt auch eher als Beginn einer neuer Zeitrechnung gesehen, in der 4/4 wieder chic ist.

Alexis: Besser, auch der Bass. Allerdings ist der Loop einfach nicht geil. Er trägt für einen Moment, aber nicht den Track. Wirkt wie ein Übergang, wo die Final Destination nicht eintritt.

Benjamin: Auch hier wieder der Kontrast zwischen flirrenden, herumhüpfenden Elementen. Dieses Thema scheint sich durch die Platte zu ziehen und ist einer der Gründe, weshalb ich so drauf abfahre.

Raoul: Mit dem gebrochenen Beat finde ich das die bislang stärkste Nummer der Platte, wobei mir das tropische Geflirre ein bisschen zu happy ist.

Alexis: Viel zu steril das Ganze, es kommt keine Atmosphäre, keine Stimmung, keine Trippyness auf.

Benjamin: Steril ist definitiv das falsche Wort, da muss ich widersprechen.

Raoul: Steril finde ich’s auch nicht.

Christina: Benjamin, genau das ist der Grund, weshalb ich nicht so drauf abfahre. Und es ist zu loopy. Für einen Moment sind die Tracks alle nett, aber über die gesamte Länge – einfach Schulterzucken.

Alexis: Das Tropische bleibt zu sehr Anmutung. Aber klar, 808 States „Pacific State“ lässt grüßen.

Benjamin: Auf jeden. Like totally!

Max: Bleibe aber dabei, dass das effektiv alles Zweiminüter sind.

 

„Insist On You (Brain Mix)“

Benjamin: Jetzt kommt mein Favourite!

Max: Das verstehe ich.

Raoul: Oh, da hat er den Schalter für Subbass gefunden.

Alexis: Interessante, plastikartige Sounds, die ihren eigenen Kitsch feiern und dabei doch naiv bleiben.

Max: Der wirkt von allen Tracks am stringentesten konzipiert.

Raoul: Ja runder konzipiert, aber fast zu glatt geschliffen.

Benjamin: Für mich ein einziger regelrechter Trip – von wegen da kommt keine Trippiness auf. Der Track hat definitiv was zu erzählen. Nichts Sachliches, keine Abhandlung. Aber hier kommt so ein bestimmtes transzendentes Gefühl auf. Und es kommt eins zu eins an.

Cristina: Wisst ihr was? Diese Platte hat keine Emotionen! Deswegen mag ich sie nicht!

 

„Inc Stop“ (Digital Exklusive)

Benjamin: Ich bin erschüttert über die Resonanz bis jetzt! Haha, Leute, it’s called taste – all love.

Max: Stichwort Emotionen: Benjamin, wo passt der Sound für dich denn hin?

Alexis: Ja gute Frage. Was für ein Herz schlägt in diesen Tracks? Mit was würdest du sie zusammen spielen?

Max: Wo willst du das hören? Außer hier natürlich.

Benjamin: Überall. Überall!

Cristina: Benjamin wird in die Mangel genommen. Ich glaube, im Garten des ://about blanks so gegen 17 Uhr kämen sie auch ganz gut.

Benjamin: Mhh, ich glaube da kann man sehr viel machen, obwohl die Tracks im ersten Moment erstmal special und eigenwillig wirken. Ich könnte mir vorstellen, da mit allem möglichen anzuschließen. Von mehr meditativerem Zeug bis hin zu straightem Techno.

Alexis: Für mich fehlt da die Ruhe. Sie sind in ihrem Eskalationsmodus gefangen, können sie nicht herbeiführen und kommen auch nicht wieder raus.

Raoul: Cristina, emotionslos trifft es ganz gut. Also nach der ganzen EP muss ich sagen, dass ich die nervös-paranoiden Tracks vom Anfang doch ganz interessant fand.

Benjamin: Ich glaube ehrlich gesagt aber, dass der ideale Dancefloor für die Mucke leider gar nicht existiert. Zumindest nicht im Real Life. Oder bei uns in Berlin.

Max: Aber kurz Real Talk: Ich finde es keineswegs kacke, nur packt’s mich nicht ganz.

Benjamin: Letzte Anmerkung: Ich werd mir die Platte jedenfalls holen. Und zwar asap.

 

Martyné – Bodysee EP (GOSU)

Martyné - Bodysee EP (GOSU)

„Final Form“

Benjamin: Geiler Tracktitel!

Max: Animiert mich zum super fast Dabbing – still a thing!

Alexis: Ein Downbeat Electro-Stück, das von seinem Vocal Sample getragen wird

Benjamin: Ultratron-Transformation 100% c-c-c-c-complete!

Cristina: Beim Vorhören habe ich mir dazu ‘sexy Electro’ aufgeschrieben. Finde ich immer noch. Der hat was von so einem Miss Kittin & The Hacker-Track.

Max: Das wirkt so oldschoolig, dass es beinahe weh tut.

Benjamin: Diese tiefen Döt-Döt-Döt-Synths: Klassische GOSU-Signatur.

Alexis: Fast ein 80s Electro-Revival-Track mit einer technoiden Einfärbung

Max: Sexy ist es definitiv, vielleicht schon schmierig.

Benjamin: Auf keinsten schmierig.

Max: Ist „Döt-Döt-Döt“ also das Gegenteil von schmierig?

Alexis: Es ist nicht klar, ob es eins zu eins sexy gemeint ist oder ironisch.

Cristina: Haha, wie so manche Cool Kids dazu abgehen könnten, stelle ich mir sehr unironisch vor.

Raoul: Die metallische Bassline und das tiefe Dröhnen kommen ganz gut, der Rest wirkt ganz schön generisch.

Benjamin: Diese hohen Orgel-Klimper-Dinger. God damn!

Max: Stimmt durchaus, die Keys sind geil.

Alexis: Die satte Bassline bringt so ein 70s Yacht Rock-Feeling rein.

Max: Was soll’s, ich bin überzeugt.

Benjamin: Hin und wieder ist mir der Output auf GOSU auch mal eine Nummer zu verspielt. Hier stimmt aber alles für mich.

Cristina: Was ist GOSU denn für ein Label, Benjamin? Kannst du uns da mal kurz einführen?

Benjamin: GOSU ist stellvertretend für den neuen, aktuellen Sound aus Frankfurt seit ein paar Jahren.

Alexis: Wobei Markus Sommer zum Beispiel hat ja überhaupt nicht diese Electro-Ausrichtung. Ich habe GOSU eher als ein Perlon-3rd- oder 4th-Generation-Label geführt.

 

„Bodysee Index“

Raoul: Uhh, das kommt schon eine Nummer zackiger rüber, mal sehen, ob’s da was Neues drin zu entdecken gibt.

Benjamin: Verspielt, nimmt sich nicht zu ernst. Breakbeats. Bunt. Robotic. Electronic. Hypnotic. Funky Fresh.

Alexis: Der Track hat eine ähnliche Ausrichtung, aber ohne Vocal.

Max: Nicht so plakativ wie der Track davor, Achtung, Floskel: Weniger ist manchmal mehr, hehe.

Raoul: Ja in dem Fall auf jeden Fall, das kurze Vocal-Snippet gefällt mir viel besser als das pausenlose pseudo-erotische Gehauche davor.

Benjamin: “Bodysee Index” ist definitiv eins der zwei Aushängeschilder der Platte, finde ich. Hence: Bodysee EP.

Max: Ah, also doch wieder ein Sample. Wenn das aber konsequent so durchgezogen wird, dann ist man vom Prädikat „generisch“ schnell bei „eigener Sound, der für sich steht.“

Benjamin: Eine geile, breakbeatige Electro-Nummer. Eher am House-Ende des Spektrums angesiedelt.

Raoul: Schön retro, aber irgendwie auch modern.

Alexis: Inwiefern modern?

Max: Wegen den Breakbeats, haha?

Raoul: Irgendwie in der Kombination der Elemente, dem kurzen Basslauf zwischendrin…

Benjamin: Das Bleepen auf allen Höhen, die Bassline, dieses weibliche Commander-Vocal – hier funktioniert alles sehr gut zusammen. Und melodisch irgendwie auch meditativ.

Cristina: Also ich finde, hier könnte durchaus mehr passieren als ein langer Loop. Das erinnert mich in der überladenen Redundanz an die Platte davor.

Benjamin: Ich finde, hier passiert definitiv schon genug. Weniger ist mehr. Und hier passiert schon nicht wenig. Außerdem hat der ganze Track echt eine schöne, optimistische Attitüde.

Raoul: Ich finde das auch sehr rund, gerade so reduziert.

Max: Diese flirrenden Synths markieren Eckpunkte, an denen man sich orientieren kann.

Alexis: Die verspielte Sexyness, die von den Beats aufgehoben wird, bleibt für mich sehr im 80ies HipHop-Retro-Kosmos gefangen, genau wie die Drum-Sounds. Ähnlich hermetisch wie der Vorgänger.

 

“Weapons Online”

Cristina: Ballert! Ansage, diese Kick-Hi-Hat-Kombi!

Benjamin: W-W-Weapons Online! Bleep Blop. Boop Beep Beep. Ab aufs Raumschiff! Alle Mann bitte einsteigen. Wir heben in Kürze ab!

Cristina: Raumschiff? Hä? Mit dieser ultra geerdeten Kick?

Max: Ist ja auch ein beliebtes Schema: Paar Breakbeats und dann eine Nummer, die auf konventionellere Instinkte zielt.

Benjamin: Die Synths verlieren sich hier sehr schön im Gebleepe. Love it.

Alexis: Das gefällt mir am besten bisher, ist luftiger, atmet mehr.  

Max: Alexis braucht die Luft.

Benjamin: Ach, deswegen reißt er im Büro immer das Fenster auf.

Raoul: Luftig, aber ganz schön inhaltslos. Ich stehe auf Oldschool-Rave, aber das ist definitiv keine Waffe für mich.

Benjamin: Ich glaube, das Vocal-Sample ist auch eher für den Namen verantwortlich.

Max: Ah, ich liebe es, wenn Samples namensgebend sind.

Benjamin: Beep Bop BEEP!

 

“OFL”

Max: LFO?

Benjamin: Der Track treibt es in seiner Verschrobenheit auf die Spitze. Mega Geil. Tranceartige Rauschzustände mit Hummeln im Arsch. Mein Favorit!

Alexis: Ja, das beste Stück der Platte.

Max: Aber das ist dann ja fast zu brav. Hummeln sind keine Bienen, geschweige denn Wespen.

Cristina: Der hat wieder etwas sehr Retrohaftes. Hier ist nichts schrill, das ist simpel, analog und DIY-Kellerparty.

Max: Die Tracks funktionieren ja alle über die spacigen Synths, ausnahmslos.

Benjamin: Agreed.

Raoul: Ein bisschen dichter als der davor, wobei ich mir, um ehrlich zu sein, gar nicht sicher war, ob wir nicht denselben Track zweimal hören. Das Raumschiff-Gebimmel gefällt mir nicht, die Breakbeat-Stücke funktionieren für mich viel eher.

Alexis: Kindlich verspielt, sich dabei seiner eigenen Harmlosigkeit versichernd. Die Kontrolliertheit ist dann schon wieder erwachsen.

Benjamin: Haha, room for interpretation, I guess.

Alexis: Das ist das Schlusswort zur Platte?

Max: Für mich plätschert es etwas zu sehr, das würde mich nicht auf dem Dancefloor halten. Für mich ein „Lass mal kurz hinsetzen“-Track

Benjamin: Haha. Lass mal kurz klarkommen! Ballert zu doll. Also die Musik.

Alexis: Vielleicht fehlen uns als Berliner auch die entsprechenden Frankfurter Geschmacksknospen.

 

ROD aka Benny Rodrigues – Cambodia (RODLabel Holland)

ROD - Cambodia (RODlabel Holland)

„Cambodia“

Alexis: Ein geiler Rave-Sound, die Aufgekratztheit pur, aber dennoch mit Geschmack und Gefühl.

Benjamin: Nice, startet direkt mit geballter Power. Der Anfang mutet extrem Italo auf Techno-Art an für mich.

Alexis: Etwas, das man heute selten findet. Ja, Italo trifft es.  

Cristina: Also, das ist ja wohl mal fast die gleiche Melodie wie in „Hor“! Den ich übrigens sehr geil finde, großer Hit. Aber das ist mir dann doch zu ähnlich – wollte er sein Erfolgsrezept einfach kopieren und vervielfältigen?

Benjamin: Da ist nüscht gleich, glaube ich.

Alexis: Schuster, bleib bei deinen Leisten.

Max: Das provoziert mich irgendwie. Ich denke dabei zwanghaft an Eurythmics und meine Abstürze auf 90s-Feten als Teenager.

Benjamin: Hahaha.

Cristina: Max, was du meinst, ist wohl das trancige Element. Was ja seit ein paar Jahren ein ziemliches Revival feiert.

Max: Aber das ist weitaus stupider als etwa auf der Kulør-Compilation von letztem Jahr. Obwohl…

Cristina: Nichts gegen die Kulør-Compilation! Ich liebe Trance, haha.

Raoul: Extrem stressig und die ganze Zeit derselbe Synth ohne große Veränderung, das nervt mich.

Alexis: Dann schiebt sich so eine vertikale Synth-Wand in den Track, die natürlich in einem gewaltigen Break mündet. Der Drop setzt dann nochmal eins drauf.

Cristina: Achtung, mit diesem Drop wird es so richtig kitschig-assi.

Benjamin: Ich fahr dermaßen drauf ab, wie dieses Italo-Techno-Opening verwischt und verschmiert und fast schon zu einheitlichem Synth-Lärm wird. Aber geiler Lärm, versteht sich.

Max: Die Melodie ist schon Kirmes-lastig, sorry.

Raoul: Ja, ich wollte gerade Kirmes-Techno sagen und habe mich nicht getraut!

Cristina: Breakdancer.

Breakdancer

Benjamin: Ich verstehe, was ihr meint mit dem Kitsch-Risiko. Aber ihr fehlinterpretiert. Ergo: Heavily disagree with the hate.

Max: Irgendwie stimmt es schon, dass er dem Big Room noch was Charmantes abgewinnt.

Alexis: Komplexer in der Narration als auf Kulør. Er fächert die Emotionalität des Ravers zwischen Paranoia und Euphorie gut auf und packt sie in ein schönes Arrangement. Der Track hat eine Geduld, die heute oft fehlt. Auch die erste Platte, bei der wir nicht skippen wollen.

Raoul: Bei der du nicht skippen willst.

 

„Hatoe“

Benjamin: Der knüpft nochmal an die Ekstase von gerade eben an, aber eher stripped down. Man kann ja nicht alles auf einmal haben.

Cristina: Da hast du Recht Alexis, die Tracks halten einen gepackt, weil sie einen sehr spannungsgeladenen Aufbau haben. Das hier klingt mir auch schon besser – zwar immer noch stumpfer Keller-Rave, aber ohne den Kitsch. Daher: Geht ab.

Benjamin: Ja stimmt, wäre einer der melodischeren Tracks, die im Tresor-Keller laufen könnten.

Cristina: Hallt das so im Track oder ist das nur unser Büro? Falls ersteres zutrifft, wurde das also schon mit dem Big Room in mind produziert – in a good way.

Max: Den finde ich zwar besser, aber ich halte mich da jetzt mal etwas zurück. Sonst wird’s finster.

Benjamin: Thank you.

Raoul: Auf jeden Fall solider als der davor.

Max: Bin wohl einfach nicht in Berlin groß geworden.

Cristina: Nein.

Alexis: Jetzt nochmal in subtiler. Nicht für die Peaktime, sondern für die retardierende Phase der Party von vier bis acht.

Max: Ah, das retardierende Moment!

Cristina: Der Break wird einem sehr viel schonender zugeführt, ja.

Benjamin: Man hört auf beiden Tracks aber auf jeden Fall einen Unterschied zu dem üblichen Output, den Benny Rodrigues unter seinem Techno-Alias ROD bisher gebracht hat. Die finster-tooligeren Sachen haben auf Klockworks sehr gut funktioniert. Aber jetzt ist Zeit für was Neues.

Alexis: Auch ähnlich explizit in seiner Technosprache wie das andere Stück, taucht aber mehr in die Sounds ein, die extrem schön sind.

Benjamin: Der abrupte Schluss ist geil.

 

Steve Bicknell / Damon Wild / Ben Sims / Tadeo – Visitations (Chapter 1) (Chronicle)

Steve Bicknell/Damon Wild/Ben Sims/Tadeo - Visitations (Chapter 1) (Chronicle)

Ben Sims „Vicious Cycle“

Benjamin: Hört sich ja vom Line-Up her schon mal vielversprechend an.

Raoul: Das ist auf jeden Fall Techno, mit dem ich was anfangen kann. Solide, geradlinig, aber verspult.

Benjamin: Nicht mein Fall.

Cristina: Sounds familiar. Gefühlt habe ich das schon hundert Mal gehört. Wie ist das bitte nicht austauschbar?

Benjamin: Total, to be honest.

Raoul: Ja, originell ist was Anderes, aber es funktioniert.

Benjamin: Es transportiert wohl eher. Und zwar mich vom Berghain-Floor in die Smokers Lounge.

Max: Cheeky Benjamin! Bringt mir trotzdem mehr Spaß als die Platte davor. Funktionalität ja, aber ist ja auch eine Prämisse, die gerne unterschätzt wird.

Cristina: Jetzt kommt der Drop, den ein*e Social Media-affine DJ perfekt für den Instagram-Account filmen lassen könnte.

Raoul: Also der Social Media-affine DJ nimmt garantiert die Platte davor

Max: Gracias, Raoul!

Cristina: Hast auch Recht, Raoul. Vielleicht teilen einfach generell eher Techno-DJs ihre monströsen Drops?

Max: Für die gern herbeizitierte Emotionalität des Big Room-Technos läuft das für mich viel zu sehr unter dem Radar. Kategorie: Man kann mit, aber auch ohne. Aber es bleibt sich treu und nervt nicht.

Benjamin: Diese Techno-Glocken sind – ohne Spaß – exakt das, was ich mit „Schon viel zu lange da gewesen und bedrängende Musik von oben hören, während ich mich frage, ob ich nochmal eine Runde Tanzen aushalten kann“ assoziiere.

Raoul: Ich finde, er variiert da auch gut die unterschiedlichen Percussions und Synths.

Alexis: Ja, ein klassischer Track, aber sehr, sehr schön. Das Drumming schön dirty, die Sounds irre flackernd. Der Mann weiß, was er tut. Immer aus dem Loop gedacht, er maßt sich kein Arrangement an. Die reine Lehre.  

 

Damon Wild – „Constant Search“

Alexis: Damon Wild ist in den frühen Neunzigern über sein Label Synewave bekannt geworden und hatte da auch einen Crossover Hit. Das gute Gewissen des amerikanischen Technos jenseits von Detroit.

Benjamin: Legend.

Cristina: 10000% Techno. Rein.

Max: Haha, kristallklar. Flackert schön und bewegt sich zwischen Unbehagen und Erlösung.

Raoul: Super Pads!

Cristina: Ich liebe tiefe Pads.

Benjamin: Hier steige ich schon sehr viel eher mit ein. Nice und atmosphärisch, simple as that.

Raoul: Ja erneut sehr solide, das kriegt mich.

Alexis: Ein verhaltener Track mit nachdenklichen Flächen, klar und kompliziert aus subtilen Akzenten arrangiert.

Benjamin: Die Mini-Bleep-Spritzer ab und zu sind schön.

Raoul: Ja, finde diese Spritzer zwischendurch erweitern den Track massiv.

Alexis: Voll. Klingt analog produziert, aber ohne Angeberei.

Benjamin: Stimmt.

Max: Zwischenfazit: Zwei Nummern bislang, die ohne Anstrengung ihre Arbeit verrichten.

Benjamin: Definitiv.

Raoul: Schön lange auf den Einsatz der Hi-Hats gewartet, das zieht immer.

Max: Erstaunlich gemächlich auch, gefällt mir sehr inzwischen.

Benjamin: Ich meditiere grade.

Max: Meine Rede. Solange du nicht einschläfst…

Benjamin: Hehe, ne. Bei vollem Bewusstsein. Die Synapsen sind geschärft.

 

Steve Bicknell – „Chapter of Self“

Benjamin: Drone!

Cristina: Geschrammel!

Raoul: Ist der Verstärker kaputt oder was ist los?

Max: Eine Klang-Collage der übleren Sorte.

Alexis: Dieser Track hat nicht die Eleganz seiner Vorgänger, es ist ein Bassmonster mit rumorenden Sounds. Die Synths brodern aus dem Bass hervor.

Benjamin: Super schrubbig und verspult, echt geil. Kickt mich persönlich total, obwohl das üblicherweise nicht so mein Zeug ist.

Raoul: Obwohl sowas eigentlich mein Zeug ist, kickt mich das gar nicht. Das Low-End ist total matschig und kaputt.

Max: Das ist echt ein extrem sumpfiger, verwaschener Brei, der mit den Hi-Hats dann noch ein paar Punkte gut macht.

Benjamin: Zerstörung, was ist denn los?

Cristina: Das klingt, als würde man fünfhundert Meter hinter der Festivalbühne stehen.

Alexis: Haha ja.

Benjamin: Stimmt, aber auf eine extrem geile Art und Weise.

Max: Ersetze „geil“ durch „marodierend“, dann passt es.

Alexis: Der Track ist als düsterer Tiefpunkt eines Tresor-Techno-Sets vielleicht interessant. Danach kann man aufsteigen wie der Phoenix aus der Asche.  

Benjamin: Eine absolut treffende Metapher.

Cristina: Wie ein Phönix aus dem Drogensumpf.

Benjamin: Bad trip but make it fashion.

Raoul: Die Hi-Hats retten es ein bisschen, aber der Vergleich mit hinter der Festivalbühne passt einfach perfekt.

 

Tadeo – „X Marks The Spot“

Alexis: Tadeo kommt aus einer anderen minimalen Technogeneration.

Benjamin: Oh! Ohhh!

Raoul: Mit Tadeo wird’s noch mal vielschichtiger.

Benjamin: Geiles Pattern. Intertwined and all in line. Oder so, haha.

Max: Wie viele Techno-Tracks gibt es wohl, die so heißen? Der geht auf jeden Fall viel klarer in Richtung Minimal als der Rest.

Raoul: Hypnotisch und treibend.

Cristina: Ja. Diese hohen Percussion-Elemente haben etwas sehr Innervisions-mäßiges. Aber hier kommt es ausnahmsweise mal nicht cheesy rüber.

Benjamin: Jetzt kommt wieder ein bisschen Melodie. Und wieder schön verspult. Das hat etwas Zwielichtiges. Man weiß nicht genau: Was folgt als nächstes – Überlebenskampf oder Versöhnung?

Max: Oder Verhöhnung?

Benjamin: “Gefahr im Verzug” war meine Einschätzung. Und ich liege falsch!

Raoul: Mega sweet.

Max: Haha, wollte gerade „total süß“ schreiben.

Raoul: Hehe.

Alexis: Er denkt hier komplexer, tribalig. Sehr gewählte, reduzierte Sounds. Das erinnert an viel aus den 2000ern wie Akufen zum Beispiel.  

Raoul: Eigentlich hasse ich Panflöten noch mehr als Saxophone, aber hier passen sie einfach.

Max: Das wirkt ein bisschen wie die Zauberflöte des Techno.

Benjamin: Aber total gekonnt.

Cristina: Oha, er holt noch den Chor raus.

Max: Kasteie mich einer!

Benjamin: Okay, diese Amen-Break-Anmutung ist mir eine Nummer zu viel.

Raoul: Ja, der Break hier ist ein bisschen zu viel des Guten, aber ansonsten eine super Nummer.

Alexis: Er treibt das Tribalartige in eine Entrücktheit, die fast schon spirituell rüberkommt, ohne kitschig zu klingen.

Benjamin: Haha, die Chor-Passage ist echt random, aber noch verkraftbar. Und schnell wieder vorbei. Back to Work! Oder doch nicht…

Max: Also ich finde es super, den Chor kann man durchgehen lassen. Wenn man das ernst nimmt, wird es halt schwierig.

Benjamin: Gut getroffen, Max.

Max: Diese Tribals erinnern mich ans Watergate. Aber auch das passt da irgendwie in den Kontext. Und Keinemusik ist da für mich auch ein absoluter Referenzpunkt. Ich find’s lustig.

Benjamin: Ich steh auf den Tribal-Shit. My ancestors are speaking to me right now.

Cristina: Im Kontext der restlichen Tracks überrascht der hier echt durch seine Housiness. Der könnte in jeder Art von Set gut durchgehen.

Benjamin: Finde ich auch, Cristina.

Raoul: Ja das stimmt, so ganz zum Rest will der nicht passen.

Alexis: Es funktioniert, weil er so ganz und gar aus den komplexen perkussiven Strukturen heraus denkt. Der Chor ist dann ein harmonisches Moment, das aus dem Flirren der Obertöne entsteht. Es passt schon, weil es letztlich doch durch und durch Techno ist und aus dem Groove gedacht

Legowelt – Star Simulator (Clone Jack For Daze)

Legowelt - Star Simulator (Clone Jack For Daze)

„A Destination Awaits“

Alexis: Wir sind auf der Zielgeraden. Jetzt kommt noch die schon seit einiger Zeit erschienene, gefeierte neue Legowelt-Platte.

Raoul: Legowelt never disappoints.

Benjamin: Ich glaube, ich bin der einzige Mensch, der noch nie eine Legowelt-Phase hatte. Aber mir gefällt ganz gut, was ich gerade höre.

Max: Ganz gut? Finde den Namen nach wie vor albern, aber das ist schon wieder so ein extrem starker Track.

Cristina: Bei dem Track denkt man am Anfang, dass er noch relativ ruhig und classic Lo-Fi sein könnte. Aber dann fängt es irgendwann an, richtig zu rumpeln und zu schieben wie… ein Möbelpacker. Oder was auch immer eben schiebt.

Max: Metaphern aus der Hölle.

Raoul: Extrem, da merkt man, dass ein Synthesizer-Wizard am Werk ist. Lo-Fi meets Expertise quasi.

Benjamin: Wobei mir hier irgendeine Emotion fehlt. Der Track ist ganz nice, aber steht für nichts Definitives, schreit nichts Bestimmtes heraus in die Welt.

Max: Muss er das denn?

Cristina: Gibt der Tracktitel die Emotion nicht schon vor? „A Destination Awaits“ – einfach irgendwohin! Sehnsucht pur.

Benjamin: Okay, guter Punkt. Ich versteh, was du meinst, Cristina.

Raoul: Also ich finde das emotional. Ein bisschen verloren, ja ganz schön sehnsuchtsvoll, aber ohne zu wissen, wonach. Heimat und Fremde, Aufbruch ohne Ankommen…

Cristina: Einfach ins Auto und los.

Benjamin: Irgendwie deprimierend. Aber jetzt verstehe ich, was hier die Message sein soll.

Alexis: Auf dieser EP entfaltet er einen vielfältigen, facettenreichen Kosmos aus Klängen und Tune-Ideen, der überraschend verhalten und kompliziert klingt. Er hat nichts von der Romantik und dem Punch des tollen Nachtdigital-Beitrags „Holiday In Paradise“. Schön, fast Spätwerk.

Max: Danny Wolfers kann halt so ziemlich alles. Von quietschigem Electro früher zu genialen Tracks wie „Scenic Highway System“ von vor paar Jahren. Ich bin Fan.

 

„I Have To See Other Worlds“

Cristina: Alter, was hat er denn für eine Fernweh! Der Titel sagt ja genau das gleiche aus!

Benjamin: Das bestätigt ja nochmal dieses Sehnsuchtsgefühl.

Max: Wie geil ist das produziert, bitte? Jetzt bin ich plötzlich der Phönix aus der Asche.

Benjamin: Der Arme. Ich verstehe es jetzt total und mein Mutterinstinkt kommt hervor geschossen.

Raoul: Haha. Melancholie oder Sehnsucht ist aber für mich ein Motiv, was sich fest durch Legowelts Schaffen zieht.

Max: Warm Up, After Hour, Floor. Für alles geil.

Benjamin: Ihr habt mir gerade die Augen geöffnet. Und der Track stößt irgendwie bei mir auf Resonanz.

Raoul: Schon funktionaler als die Nummer davor, aber immer noch schön verträumt. Die quietschenden Höhen kommen super.

Cristina: Das ist zwar ein bisschen schleppend, aber das verlangsamende Moment hat auch was.

Alexis: Jetzt sind wir mitten in der EP. Ein kryptisches, zugleich geniales Stück, das einen fesselt, aber sich dennoch nie offenbart  

Benjamin: Legowelt-Fandom.

Raoul: Ja, wie gesagt, Legowelt never disappoints.

 

„Star Simulator II“

Alexis: Jetzt kommt der ausgemachte Hit der EP.

Benjamin: Nice! Housey. Und ihr wisst, ich bin der wahrscheinlich der letzte Mensch auf diesem Planeten, der noch auf House steht

Max: Nein, bist du nicht. House Nation!

Cristina: Hier kehrt die gute Laune auf jeden Fall etwas zurück.

Benjamin: Aber in Maßen, euphorisch ist was Anderes. Ich finde, der Track hat auch etwas Kitschiges.

Cristina: Das stimmt, Benjamin. Der ist eher so: Eigentlich grumpy in den Tag gestartet, aber dann läuft ein schöner alter Hit im Radio und man muss ein bisschen mittänzeln.

Benjamin: Haha, total!

Max: Ich fand die beiden davor aber trotzdem cooler, weil sie nicht so generisch und weniger aufdringlich sind. Der Track diktiert die Stimmung auf unterschwellige Art und Weise.

Raoul: Ja, ich fand die erste verwaschene Nummer bislang am besten.

Alexis: Moodymann in der sehr holländischen 80s-Ästhetik.

Benjamin: Stimmt. Also nach meinem Outing als Legowelt-Unbewanderter: Der ist schon in Ordnung.

Max: Enter the Legowelt!

Alexis: Der clubbigste Track auf der EP.

Max: Aber trotzdem der schwächste.

Raoul: Die Synths reißen es raus, egal wie clubbig.

Max: Dieses Synthie-Gefurze passt für mich einfach nicht.

Alexis: Reduziert, aber dennoch reich, der lässt sich auf die DJ- und Dance-Dynamik ein, schafft Raum zum Mixen.

Max: Alexis ganz objektiv, ich ein Gefühlsmensch. Aber du hast schon recht.

 

„Deep Magic Begins Here“

Benjamin: Entschlossener als die Tracks davor. Der Titel passt sehr gut, finde ich. Favourite!

Max: Echt jetzt? Ich finde die erste Hälfte genial, die zweite eher Stangenware.

Cristina: Max, da kann ich dir zustimmen. Hier fehlt ein wenig die Deepness und Entrücktheit, die bei Legowelt ja eigentlich immer top waren.

Max: Merci.

Alexis: Ein typischer B2-Track, geradlinig mit uncanny ghost sounds.

Benjamin: B2 ist immer where the gold is

Max: Fiept und dudelt, ohne zum Punkt zu kommen.

Raoul: Als ob er versucht, Disco mit verstimmten Synths zu machen. Die hämmernden Basslines sind auch sehr ähnlich zum Vorgänger.

Benjamin: Krass, ich finde eben, dass er gerade hier mehr zum Punkt kommt und sich nicht so in Sehnsucht verliert.

Max: Du bist herzlos, Benjamin!

Benjamin: Und du doof!

Cristina: Wir jammern hier auf hohem Niveau. Vielleicht ist das für mich sogar die stärkste Platte diese Woche.

Max: Für mich die mit Abstand beste.