Alle Fotos: Phil Sharp (Apparat) Seit fast zwei Dekaden gehört Apparat mit seiner emotionalen Electronica fest zum Inventar der Berliner Szene. Er gründete als Elektropunk das Label Shitkatapult mit, kooperierte mit Ellen Allien und tourte die letzten Jahre mit Modeselektor als Moderat über die großen Bühnen dieser Welt. Mit LP5, der ersten Solo-Platte in sechs Jahren, und einer Europa-Tournee meldet sich Sascha Ring nun lautstark wie gefühlvoll zurück – nur ein paar Wochen nach Modeselektors neuem Album Who Else. GROOVE-Autor Raoul Kranz hat sich mit ihm über den fragmentarischen Entstehungsprozess, Kitsch und Melancholie unterhalten – aber auch über Livity Sound und Wim Wender-Dokus. Kaum ist Sascha Ring ins gemütliche Monkeytown-Büro in Kreuzberg hereingeschneit, weist er mich auf ein Nonsens-Gedicht hin, das er in der U-Bahn erstanden hat. Der charismatische Lockenkopf mit strahlenden Augen lässt sich von allem inspirieren, worauf wir noch zu sprechen kommen. Ein aufgeweckter Geist, der Substanzielles zu sagen hat. Star-Allüren sucht man vergeblich: Er gießt mir Mineralwasser ein und entschuldigt sich für die Spülmaschinen-Flecken am Glas. Bemitleidet mich dafür, das Gespräch transkribieren zu müssen, und fragt nach meinen Lieblingsclubs. Ja, die Griessmuehle fände er auch ganz cool und wäre dort direkt mal bis drei Uhr nachmittags an der Bar hängen geblieben. Kaum habe ich mit meiner Lobhudelei über die neue Platte LP5 angefangen, da sind wir schon mitten im Gespräch: Das letzte Moderat-Album III ist jetzt drei Jahre her. Hast du in der ganzen Zeit an dem neuen Album gearbeitet? Ja, ich habe die LP5 zwei, drei Monate nach der letzten Moderat-Platte angefangen. Ich habe nicht die ganze Zeit daran rumgewurschtelt, aber immer mal wieder. So hatte ich den Luxus, dass ich mir die Tracks immer wieder nach kurzen Tour-bedingten Pausen mit Abstand anhören konnte. Das wäre auch noch länger gegangen, denn irgendwann kommt man in einen Wahn und findet kein Ende mehr. Viele Leute brauchen Deadlines: Wenn du Gernot Bronsert von Modeselektor keine Deadline gibst, der wird nie eine Platte fertig kriegen. Bei mir war’s aber so, dass ich mir die dann irgendwann selbst gegeben habe. Es gibt so einen Euphorie-Moment, der stellt sich ein, wenn du merkst, dass die Songs tatsächlich ein Album geworden sind. Ich schiebe meine Skizzen immer in einer iTunes-Playliste umher. Dann hast du irgendwann zehn Skizzen, die zusammen Sinn machen, und du denkst: Uh das könnte eine Platte sein! Da gehst du zum ersten Mal richtig glücklich aus dem Studio nach Hause. Dann rufst du irgendwen an und sagst: Okay, können wir vielleicht einen Release-Termin für die Platte auskaspern? Der war dann aber natürlich immer noch zu früh. So läuft das also bei dir: Du bastelt an dieser Playliste herum und irgendwann ergibt sich daraus ein Album? Weil ich auch einfach nach wie vor ein totaler Album-Fan bin. Wenn ich nur Songs raushauen würde, fände ich es noch viel schwieriger, zu sagen, wann die fertig sind. Bei mir sind Songs erst im Album-Kontext fertig. Als ich die roughen Versionen der zehn LP5-Dinger hatte und die richtige Reihenfolge stand, bin ich nochmal an jeden Song gegangen und habe geguckt, ob die Parts an der richtigen Stelle und wie die Übergänge sind. Also auch das hat Einfluss auf die Songs selbst. Wenn du so ein Album-Fan bist, gehen dir Spotify und Co wahrscheinlich ganz schön gegen den Strich? Naja, es gibt ja auch […]

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