Foto: Shawn Tron (Avicii)

Letzten Freitag wachte ich um 1 Uhr morgens deutscher Zeit in Kyōto auf und fiel am Samstagabend gegen 22 Uhr erschöpft in mein Berliner Bett. 10 000 schlaflose Kilometer hatte ich zurückgelegt, verteilt auf Hochgeschwindigkeitszüge und drei verschiedene Flüge, die mir wenig Beinfreiheit und noch weniger Zeit zur Erholung ließen. Als ich zwischen den Stopps in den Wartebereichen der Flughäfen von Nagoya, Helsinki und Berlin meine Social-Media-Apps öffnete, ging es vor allem um ein Thema: Avicii, der EDM-Produzent und -DJ Tim Bergling, war tot in Maskat im Oman aufgefunden worden.

Auf den ersten Blick mag meine persönliche Reise- und Leidensgeschichte in den Economy-Classes dieser Welt wenig mit dem tragischen Ableben des schwedischen Superstars zu tun haben. Aber durch die Social Media-Posts von bekannten Underground-DJs wie Honey Dijon ließ sich vor allem ein Tenor herauslesen: Es hätte uns allen so gehen können. Da eben findet sich die Schnittstelle zwischen meinem vom Jet Lag und miesem Flugzeugaufwärmfraß gebeutelten Körper und der Geschichte Aviciis, die zugleich näher an der Lebensrealität vieler DJs angesiedelt ist, als einige es zuerst glauben mögen. Denn was ich als Urlauber über mich ergehen lassen musste, das ist für nicht wenige in unserem Business der harte Alltag. Umso mehr noch: Von mir erwartet niemand, dass ich zwei Stunden lang vor tausenden Menschen Gas gebe, mir für Meet and Greets ein Grinsen abzwänge und zum Abschluss noch für einen rührseligen Dankespost auf Instagram posiere – bis zu über 100 Mal im Jahr.

Wer heutzutage als DJ erfolgreich ist oder sein will, muss dafür einiges wegstecken – sowohl körperlich wie auch geistig. Je größer der Erfolg, desto höher auch der damit einhergehende Druck, die Einsamkeit, die Entfremdung. Und wer sowieso schon angeschlagen ist – siehe unser „Stress, lass nach!“-Special in der Groove 169 – ist von vornherein geradezu ausgeschlossen. Es geht noch weiter: Aussetzer dürfen dabei nicht sein, denn sonst drohen Spott und gegebenenfalls sogar wirtschaftliche Einbußen. Wer versagt, bekommt selten eine zweite Chance. Das ist die knallharte, durch und durch neoliberale Realität unserer Szene – ob nun im selbsternannten Underground oder in der oberen Riege der EDM-Community. Es macht kaum mehr einen Unterschied, ob jemand mit dem Charterjet zum Tomorrowland düst oder sich mit der Plattentasche auf dem Schoß in einen RyanAir-Flieger zwängen. Es ist beides belastend, First Class oder nicht.

Als Bergling im März 2016 das Ende seiner Karriere als Live-Act – nicht allerdings als Produzent – ankündigte, spielten dabei wohl auch die gesundheitlichen Probleme mit rein, die ihn bereits zwei Jahre zuvor dazu bewegt hatten, eine Konzert-Tournee abzusagen. Angeblich resultierten diese Probleme aus dem übermäßigen Alkoholkonsum des damals 25-jährigen. Eine Berufskrankheit, hüben wie drüben. Drogen sind unserer Szene allgegenwärtig, siehe unsere Titelgeschichte in der Groove 157. Nicht selten werden sie zur Leistungssteigerung verwendet – DJs nicht ausgenommen. Spaß zu haben ist schließlich Teil des Jobs, ob nun hinter den Decks oder vor den Kameralinsen der Smartphones, die in quasi jeder freien Minute auf sie gehalten werden.

Auch darauf wurde mit Spott reagiert. Mehr als zynisch, schlichtweg unmenschlich lasen sich einige der Kommentare, als Avicii öffentlich über seine angeschlagene Gesundheit sprach. Als „Pussy“ bezeichnete mich ein britischer Techno-Produzent, als ich ihn in einer Diskussion darauf hinwies, dass ich seinen Hohn über Berglings Aussagen keinesfalls teilen könnte. Symptomatisch, denn so sieht es wohl eben aus: Wenn uns jemand in szeneideologischer Hinsicht nicht passt, nehmen wir auf seine Leiden keine Rücksicht, sondern drehen ihm einen Strick draus. Hallo, Ellbogengesellschaft. Eine Reaktion, die bezeichnend für die verkorkste Mentalität einer Szene steht, in welcher Selbstausbeutung zum idealisierten Standard erhoben wird.

8 KOMMENTARE

  1. schoener loesungsvorschlag. toller text, manchma etwas zu ueberspitzt, aber das ist glaub ich der emo-kid vergangenheit des autors geschuldet.

  2. Niemand zwingt niemanden dazu für astronomische Gagen vor vielen Menschen eben auch Astronomisches zu leisten.
    Wer den Fahrtwind bei 300 Km/h fühlen will, brauch festest Fell und muss damit rechnen, dass die Karre ein paar Salti macht wenn der Reifen platzt.

    • Unglaublich was Menschen für kalte Gefühle teilen können. Ein 16 jähriges Kind kann keinesfalls entscheiden, oder hervorsehen, was das für Ausmaße haben wird, geschweigedenn den richtigen Weg für sich wählen, wenn die Erwachsenen um ihn herum, die angeblich Vertrauenspernonen sein sollten, einen nur ausnehmen wollen, und danach entscheiden. Keiner von uns normal Verdienern weiß, wie es sich anfühlt einen solchen extremen Aufstieg als Kind zu haben, also könnt ihr euch auch nicht erlauben zu Urteilen. Er war ein großartiger Künstler. Seine Musik half mir in so vielen Lebenslagen und ich bin unfassbar traurig, dass dieser Mensch so leiden musste. Kein Mensch verdient solche abscheulichen Kommentare, wenn man so viel gegeben hat wie er und mit seiner Kust unglaubliche Emotionen wecken konnte.

  3. Ja, es ist schade um ihn, wie auch um jeden anderen DJ, der aus „Berufsgründen“ gestorben ist. Aber ganz ehrlich, ich empfinde Mitleid wegen seines Todes, aber keinesfalls für die Gründe seines Todes. Das sind keine Leute, die sich in einer Mine zu Tide schuften, weil es keine andere Arbeit für sie gibt. Sie haben selbst in der Hand, ob sie den Zirkus mitmachen oder nicht. Jeder von ihnen hätte auch einen anderen Beruf ergreifen können. Über etwas zu jammern, wo man auch jederzeit sagen könnte „gut, mach ich eben was anderes, und so zu tun, als brächte man dafür große Opfer… das ist ein Schlag ins Gesicht jedes Menschen, der wirklich buckelt, nur um grad so über die Runden zu kommen!

  4. Ein Apell an Alle:
    Dein Körper & deine Gesundheit ist dein wertvollster Besitz. Sei gut zu ihm & respektiere deine Limits.

    Wieviel großen Erfolg, wieviele Fans, wieviele top bezahlte Bookings etc. brauchst du um glücklich zu sein?
    Ist es nicht schöner einfach nur so viel Geld zu haben wie gerade nötig und dafür mehr Freizeit mit echten Freunden und Familie zu verbringen, mit Menschen die einem wirklich was bedeuten? Oder sich die Zeit zu nehmen, mal alleine in Musik abzutauchen, Musik zu hören die du wirklich magst? Und nicht die Musik, die die anderen von dir hören wollen…

  5. Gerade im Hinblick auf die Klimaerwärmung sollte das Fliegen um den Globus sehr, sehr hoch besteuert werden. Das wiederum würde lokale djs unterstützen.
    Ein „Abwälzen“ auf den Konsumenten ist nicht immer sinnhaft- wozu haben wir denn eine Demokratie?

  6. Der DJ Jetset ist völlig widersinnig und belastet unsere Szene in vielerlei Hinsicht. Warum reisen in Zeiten von Beatport und Co noch DJs zum abspielen von Tracks in der Welt herum, wenn es Locals gibt die das genauso gut können?

  7. Ohne jetzt hier etwas abschwächen zu wollen: ist das nicht in Abschwächung natürlich ein allgemeines gesellschaftliches Problem, dass gewisse Dinge erwartet werden, dass andere über die Belastungsfähigkeit anderer Menschen urteilen, ohne jemals etwas ähnliches erlebt zu haben. Wenn ich mir ansehe, was manche Künstler für Touren hinlegen müssen, um ihre Kunst zu promoten, das grenzt ja fast an Prostitution. Überall müssen sie greifbar sein. Ist natürlich nicht vergleichbar mit jemandem, der körperlich hart arbeitet und wenig Geld zur Verfügung hat, aber es ist ein anderer Druck. Schön ist beides nicht. Und wenn man so erschöpft ist, dass man keinen Ausweg mehr findet – puh das ist schrecklich. Man kann nichts bewerten und darf sich erst gar nicht darüber mockieren, was man nicht selbst erlebt hat. Empathie ist leider nicht die Stärke unserer Gesellschaft, auf keiner Ebene. Wer jetzt darüber spricht, dass niemand dazu gezwungen wird, diesen Job zu machen und meint, das Risiko müsse man eingehen, hat nichts verstanden. Danke für den Text und die Offenheit.

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