Warum sprechen wir darüber? Weil Honey Dijon, die bürgerlich Honey Redmond heißt und irgendwann vor 40 Jahren in Chicago geboren wurde, im Oktober ihr Album The Best Of Both Worlds veröffentlichen wird. Mit dieser LP kommt, wenn man so will, eine sehr persönliche, intime, unkonventionelle DJ-Geschichte zu einem vorläufig sehr konventionellen musikindustriellen Höhepunkt, nämlich eben: dem Debütalbum. Mit so etwas verdient man ja heute kein Geld mehr, aber ein Debütalbum bringt Aufmerksamkeit und Bookings, die Menschen wollen dann, dass man seine Geschichte erzählt. Und Honey Dijon hat eine Geschichte zu erzählen: wie sie in Chicago mit 13 und einem gefälschten Ausweis zum ersten Mal in einen Houseclub kam, queere und transsexuelle Menschen sah und dachte: Hier gehöre ich hin.

Wie ihre Eltern, junge Afroamerikaner aus der Mittelschicht von South Side Chicago, nichts dagegen hatten, denn sie feierten zu Hause ja selber gerne, mit lauter Musik, Joints und Cocktails. Dann, es muss Mitte der Achtziger gewesen sein: wie Honey beim Auswendiglernen des Londoner Style-Magazins i-D von dem rebellischen Balletttänzer Michael Clark erfährt, der im Schottenrock zu Postpunk-Musik von The Fall tanzt. Honey Dijon zieht ebenfalls begeistert Schottenröcke an, mit dem Anspruch, in den schwarzen Houseclubs von Chicago Michael Clarks Ballett-Choreografien eins zu eins nachzutanzen. Wie sie begafft wird!

All das erzählt Honey Dijon im raschen Fluss, mit Cuts und assoziativen Purzelbäumen. Sie betont vor allem ihr Mantra: „Meet, mate, and create“, soll heißen: Leute treffen, sich anfreunden, daraus Kunst schaffen. Oder mit anderen Worten: Wer immer nur in sozialen Netzwerken abhängt, wird nicht dasselbe erleben, was Honey Dijon erlebt hat. Sie geriet in New York in den Neunzigern nämlich so in die Performance-Art-Szene im East Village und lernte Gott und die Welt kennen: „Zum Beispiel Leigh Bowery, der in London mit Michael Clark zusammengearbeitet hatte. Leigh kam nach New York, um bei Wigstock aufzutreten, und ich war bei Wigstock Tänzerin für Lady Bunny.“ Tatsächlich ndet man, wenn man heute bei YouTube nach „1994“ und „Wigstock“ sucht, Ausschnitte aus Wigstock: The Movie, einem Dokumentarfilm über das von der legendären New Yorker Drag-Queen Lady Bunny initiierte Drag-Festival. Darin: Szenen, in denen eine junge Honey Dijon in Jeans-Hotpants und knallgrünem Paillettenoberteil eine kleine Choreografie zu Chics „Chic Cheer“ einstudiert. Das war vor ihrer journey to truth.

„Später lernte ich dann Andy Butler kennen, lange vor Hercules And Love Affair. Andy war in Chicago der erste Boyfriend von Derrick Carter, oder jedenfalls einer von Derricks Boyfriends. Und Derrick kenne ich schon seit Ewigkeiten, er ist einer meiner Mentoren. Derrick droht mir manchmal im Scherz: ‚Pass auf, Honey, wenn du berühmt bist – ich habe noch belastendes Material über dich, das kommt alles raus!‘ Derrick und ich haben mal einen Track zusammen produziert, „Miss Coffee“ – das war mein Name, bevor ich mich Honey Dijon nannte. Der Track ist schrecklich, er darf nie erscheinen! Jedenfalls traf ich dann Andy Butler in New York wieder, als ich für eine Erstsemester-Party am Sarah Lawrence College gebucht war, wo Andy Musik studierte. Andy war der persönliche Assistent von Antony, bevor der sich Anohni nannte. Antony wohnte bei mir um die Ecke und hörte mich auflegen, in einem Club namens King. Dann fragte Antony mich, ob ich nicht bei seinem Film Turning mitmachen wolle, der von Charles Atlas gedreht wurde. Charles Atlas hatte in den Achtzigern in London ja schon die Ballettfilme mit Michael Clark gedreht, die mich als Kind so fasziniert hatten. Also, natürlich machte ich da mit! Und als wir mit Turning in London auftraten, war Andy Butler mit Holly Johnson da, dem Sänger von Frankie Goes To Hollywood. Als Teenager war ich total besessen von Frankie Goes To Hollywood, deswegen ist Holly Johnson heute ein guter Freund von mir. So ist das eben in meinem Leben: Die Kreise schließen sich. Es ist mir selbst ein bisschen unheimlich, aber alle Menschen, deren Arbeit ich aufrichtig, tief, spirituell liebe, lerne ich irgendwann kennen. Ich zapfe scheinbar irgendwelche Frequenzen an, ich kann das nicht anders erklären.“