Die Räume des Watergate an der Oberbaumbrücke stehen seit Januar 2024 leer. Am 30. Oktober eröffnet dort der aus Paris stammende „culture club” Silencio ein Popup, das bis Mai 2027 laufen wird.
Gestern Abend, am 9. September, fand in den Räumen des Watergate ein Silencio-Pre-Opening zur Eröffnung von Maurizio Cattelans Ausstellung „Night” in der Neuen Nationalgalerie statt, bei dem Richie Hawtin, Ben Klock sowie Valentina Magaletti auftraten. Das Silencio-Popup ist Teil des Reference Festivals.
Beim Pre-Opening bevölkerten die betuchten Freunde der Neuen Nationalgalerie den Club, der ein zerrupftes Bild abgab. Dieser Look ist beabsichtigt: Das Studio Karhard, bekannt aus dem Berghain, hat die Räume entkernt. Der Boden wurde entfernt, der rote Backstein darunter freigelegt. Die Raumaufteilung wurde nicht verändert, Toiletten und Bars befinden sich auf denselben Positionen. Das DJ-Pult auf dem oberen Floor steht jetzt aber an den Fenstern, während sich die Decks des ehemaligen Waterfloors in der Mitte des Raums befinden. Der für seine Baustellen-Ästhetik bekannte Künstler Marc Leschelier hat neue DJ-Pulte aus Betonsteinen gebaut und eine Reihe von Beton-Skulpturen aufgestellt. Das Watergate-Logo, das bis vor kurzem die Fassade geziert hatte, wurde schwarz übermalt.
Silencio feiert mit dem Berliner Ableger sein 15-jähriges Bestehen und will seinen interdisziplinären Ansatz mit der Stadt in Dialog bringen, heißt es in der Pressemeldung.

Das Silencio in Paris ist ein 2011 eröffneter Club in der Rue Montmartre im 2. Arrondissement, der von Arnaud Frisch, Manu Barron und Anthony Caton gegründet wurde. Als Macher des Social Club hat das Trio sich im French-Touch-Zusammenhang einen Namen gemacht. Beim Silencio geht es aber nicht um Clubkultur. Interieur und Möbeldesign stammen von Regisseur David Lynch, der von den Betreibern eingeladen wurde, ein „einzigartiges Club-Erlebnis” zu schaffen. Name und Konzept greifen den fiktiven „Club Silencio” aus Lynchs Film Mulholland Drive auf.
David Lynch war in den frühen Jahren sogar an der Programmgestaltung beteiligt, Prince, Björk oder Kendrick Lamar traten dort auf, Lana Del Rey gab dort ihr erstes Pariser Konzert. Später tauchten dort Persönlichkeiten wie Charli XCX, A$AP Rocky, Larry Clark, Gaspar Noé, Ruben Östlund, Bret Easton Ellis, Virgil Abloh oder Greta Thunberg auf.

Verbindungen zur Berliner Clublandschaft drängen sich angesichts dieser medialen Schwergewichte kaum auf. Silencio Berlin steht nach eigener Aussage im Dialog mit den kreativen Communities der Stadt. Das Reference Festival, zu dem das Silencio-Popup gehört, findet eher in Kunstinstitutionen wie dem Schinkel Pavillon oder der Julia Stoschek Collection statt, aber auch in der Listening Bar Kwia. Jedes Wochenende soll ein anderes Kollektiv die Räume des Watergate übernehmen; Namen wurden hier noch nicht genannt.
„Ein Club ist eine Form, die neu erfunden werden muss, nicht bewahrt”, erklärt Arnaud Frisch, Mitgründer von Silencio, in der PM. „Berlin hat das früher verstanden als jede andere Stadt und diese Form am konsequentesten weitergedacht.”

Dabei ist Berlin nicht das erste Popup von Silencio; temporäre Projekte waren im Umfeld der Venedig-Biennale, der Filmfestspiele von Cannes und der Art Basel Miami Beach zu sehen.
So wertvoll die Arbeit der erwähnten Akteur:innen im Silencio ist, so kritisch ist die neue Nutzung der Räume des Watergate aus Perspektive der Berliner Clubkultur zu sehen: Der globale Kunst-, Film- und Pop-Jetset dringt in einen Safe Space ein, in dem die kulturellen, ästhetischen, sozialen und politischen Werte der Nacht hochgehalten werden sollen. Auch die schüchternen Schritte der Freunde der Neuen Nationalgalerie im entkernten Club täuschen nicht darüber hinweg, dass hier mehr Kultur zerstört als geschaffen wird.










