Die spezifische Energie des Sounds von (Süd-)London in astreinen Bedroom-R’n’B und Soul-Pop zu alchemisieren, ist die ehrenwerte Kunst der (Nord-)Londonerin Delilah Holliday, die nach dem Quasi-Debüt mit ihren zweiteiligen Lang-EPs Invaluable Vol.1 & 2 nun mit Fat Cat (One Little Independent, 28. August) ein offizielles Album gemacht hat, in dem Vielfalt und Experiment Programm sind. Was bedeutet, dass die Songstrukturen gebrochen und unvorhersehbar sind, die Beats oft etwas derber bollern und die Bässe brachialer wobbeln, als im Genre üblicherweise erwartet wird.
Im Windschatten von Trap, Grime, Reggaeton und UK Garage haben sich jeweils spezifisch lokal aktive wie global vernetzte Szenen entwickelt, die ihr Muttergenre jeweils atmosphärisch bis psychedelisch, als Ambient und trippigen Chill-Sound auslegen. Eine besonders spannende urbane Zelle dieser weniger über traditionelle Kanäle als über Social Media und digitale Mixe verbreiteten Tracks findet sich in Paris, wo Producer und Labelbetreiber Bamao Yendé seit einigen Jahren einen Sound pflegt, der Rap und Vocals, Beats und Bässe als selbstverständlich voraussetzt, aber doch ganz woanders hinwill. Sein zweites, in Anführungszeichen, Album Apothicaire Corazon (Boukan Records, 26. Juni) gibt einen perfekten Überblick über diesen Club/Not-Club-Sound und versammelt zudem noch Gleichgesinnte wie Helen Island, Crystal Murray, Lala &ce oder Mobilegirl.
Reichweite erreichende und doch stabil auf einem Avantgarde-Anspruch beharrende Festivals wie das vor 18 Jahren in Krakau gestartete und inzwischen um den Globus expandierte Unsound Festival sind nicht nur beliebte Gelegenheiten für zeitlich begrenzte lokale Kollaborationen. Manches Mal entstehen aus mehr oder minder zufälligen oder intendierten Begegnungen spontane Ideen, die länger wirken und im besten Fall zu Projekten wie Everything Always Changes, For We’re Truly Here (Fixed Abode/Unsound, 9. Juli) des polnischen Producers Przemysław Jankowiak mit drei der aktuell interessantesten elektronischen Acts aus Großbritannien führen: 2K88 x Lauren Duffus x Rainy Miller x Bianca Scout haben aus den Nachwehen der Krakauer Ausgabe des Unsound ein Album entwickelt, das die Stärken der Soloproduktionen der Beteiligten in ein verweht verwaschenes Sounddesign überführt, wie eine sich melancholisch verzehrende Erinnerung vergangener urbaner Grandezza, erhabener Größe in Ruinen, die sich doch zu etwas Neuem rekonstruiert. Etwas, das nicht nur Nostalgie, Schmerz und hauntologische Erinnerung hervorruft, sondern zu etwas Neuem wird, was die benutzten Stile und Soundelemente – Cloud-Rap, Trap, Trip-Hop, Bedroom-R’n’B, Storytelling und cineastischer Ambient – so nie waren: ein genuin urbaner Sound der Vorahnung aus Nachahmung, der Leidenschaft aus Sehnsucht.
Das global expandierende Berliner Kuboraum-Projekt operiert mit High-Concept-Fashion in einer ebenfalls global expansiven Glamour- und Kunstwelt. Dass dieses flamboyante wie zeitgemäß nachhaltige Business ein Ort für experimentelle elektronische Musik sein kann, ist mindestens ungewöhnlich, aber im Gesamtzusammenhang doch schlüssig und quasi-organisch. Die seit einigen Jahren praktizierte „Digital Sound Residency”, in der der virtuelle Kuboraum jeden Monat aufs Neue klanglich ausgestaltet wird, kann inzwischen locker als globales Best-of von etwas dienen, das auch im Rahmen dieser Kolumne vorkommt. Die exklusiv produzierten Stücke werden auf dem hauseigenen Label herausgegeben und kompiliert, inzwischen in zweiter Ausführung, die massiver und definitiver kaum sein könnte. Die Beteiligten der Kuboraum Sound Residency Vol. 2 (Kuboraum Editions, 2. Juli) aufzulisten, würde in begrenzt sinnvolles Namedropping ausarten, denn die Doppel-LP ist klug kuratiert, erreicht einen feinen Flow und zeigt spannende Zusammenhänge, die sowohl als großes Ganzes als auch in Einzelteilen funktionieren.
Wo einen das Leben so hinführt, die Musik mitnimmt, einen verändert und doch anders gleich lässt. Für den Finnen Simo Hakalisto alias Shakali, der seit einiger Zeit in Brno (Brünn) in Tschechien lebt und arbeitet, führte die Veränderung zu einer bislang ungehörten Konzentration und Abgeklärtheit. Wo Shakali früher kleine psychedelisch freundliche Noise-Kaskaden überlagerte, wirkt Toinen Luonto (Not Not Fun, 3. Juli) ungleich aufgeräumter und fokussierter. Wie eine Mischung, die in einer ganz anderen Zeit an einem weit entfernten Ort eine kurze Blüte erlebte. Es hat sich etwas freigesetzt, das Kankyō Ongaku und von klassischer World Music beeinflussten Ambient und Gamelan in eine von allem trüben Noise geklärte, hochkonzentrierte, noch immer psychedelisch aktive Essenz kondensiert.