Gestalter Dominik Keller & Jonas Huhn: „Das Tempo der Clubszene führt dazu, dass man Entscheidungen nicht totdenkt”

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Aufgewachsen in der Rhein-Main-Region der Neunzigerjahre, geprägt von hr3-Clubnights, Plattenläden und den ersten Nächten im Robert Johnson: Dominik Keller und Jonas Huhn sind fest in der elektronischen Musikkultur verwurzelt. Nach ihrem Kommunikationsdesign-Studium in Darmstadt führten sie unterschiedliche Wege, vom eigenen Grafikstudio mit Musik-Fokus bis hin zu Projekten an der Schnittstelle von Raum und Kommunikation, schließlich in ein gemeinsames Studio in Berlin. Heute gestalten sie als Kreativ-Duo unter anderem für Größen wie Amelie Lens, EXHALE oder das Offenbacher Robert Johnson und stehen als DJ-Duo Lezards auch selbst hinter den Decks.

Auch für die anstehende Party von Studio Liberté x GROOVE zeichnet das Duo verantwortlich: Sie haben das Design für das Plakat und die zugehörigen Visuals entwickelt – ein Motiv, das den Vibe von Neunziger-Rave-Flyern mit dem visuellen Erscheinungsbild der GROOVE verbindet. Wie ihre Zusammenarbeit zwischen Typografie, Farbe und späten Deadlines funktioniert, erklären Dominik und Jonas im Interview, dessen Fragen die beiden gemeinsam beantwortet haben.

GROOVE: Ihr habt beide Kommunikationsdesign in Darmstadt studiert, seid aber über unterschiedliche Wege im Design gelandet. Jonas über einen Kulturverein und die Arbeit an Projekten zwischen Raum und Kommunikation, Dominik über eine Ausbildung zum Mechatroniker für Offsetdruckmaschinen und Mediengestalter. Wie habt ihr euch gefunden?

Dominik und Jonas: Kennengelernt haben wir uns eigentlich schon im Studium in Darmstadt, allerdings eher vom Sehen, weil wir in unterschiedlichen Semestern waren. Der eigentliche Kontakt entstand über den Kulturverein das blumen, in dem Jonas Veranstaltungen organisiert und Dominik als DJ gebucht hat. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden und relativ bald angefangen gemeinsam Partys zu machen.

Was hat euch gezeigt, dass ihr zusammenarbeiten wollt?

Das Thema Design spielte schon damals eine Rolle, weil wir das für alle unsere Veranstaltungen gemacht haben. Egal ob es um Events im Club, illegale Raves oder Ausstellungen im Fachbereich ging. Daraus ergaben sich dann auch die ersten Anfragen von außen: Flyer für Clubs wie das Robert Johnson, die Galerie Kurzweil oder das ://about blank, Vinyl-Artworks und dann die ersten Festivals wie das MELT.

Eine wirkliche Zusammenarbeit ist daraus aber noch nicht entstanden, weil Jonas mit DIESE Studio bereits ein eigenes Büro mit Schwerpunkt auf Projekten an der Schnittstelle von Design und Architektur hatte und Dominik gerade dabei war, sein eigenes Grafikstudio mit Fokus in der Musikbranche aufzubauen. Erst als wir beide nach Berlin gezogen sind und ein gemeinsames Studio teilen, sind daraus regelmäßig gemeinsame Projekte geworden.

Wer regelmäßig Partys besucht, hat sicher schon mal ein Design von Keller und Huhn gesichtet (Foto: Nicolai Bähr; Grafik: Dominik Keller & Jonas Huhn)

Was fasziniert euch an elektronischer Musik und Clubkultur, dass ihr darin tätig seid?

Die Faszination für Musik und Clubkultur hat bei uns schon in der Kindheit begonnen, weil wir beide in den Neunzigern in der Nähe von Frankfurt aufgewachsen sind. Damals war dort elektronische Musik viel präsenter als heute. Die hr3 Clubnight mit Sven Väth lief am Wochenende im Radio, im Fernsehen die Loveparade auf VIVA. Dominik war früh in Plattenläden wie dem Delirium in Frankfurt unterwegs, und Jonas stand mit 15 zum ersten Mal im Robert Johnson, mit dem Ausweis vom älteren Bruder.

Wir sind beide zudem schon lange ein aktiver Teil der Musik- und Clubkultur. Dominik früh über das Auflegen, Jonas über das Produzieren von Beats und das Veranstalten von Events. Musik hat also bei allem, was wir machen, immer eine große Rolle gespielt. Als Lezards sind wir bis heute als DJ-Duo unterwegs, und über die daraus entstandenen Kontakte in der Szene kamen dann auch die ersten Aufträge.

Dominik Keller und Jonas Huhn haben neben Flyern auch schon das Innenleben des Robert Johnson gestaltet
Dominik Keller und Jonas Huhn haben neben Flyern auch schon das Innenleben des Robert Johnson gestaltet (Foto und Grafik: Dominik Keller & Jonas Huhn)

Zu euren gemeinsamen Projekten gehören EXHALE, Robert Johnson, das Label Art Of Dark und RIN. Wie teilt ihr euch die Arbeit auf?

Konzeption und Art Direction machen wir eigentlich immer zusammen, das ist der Teil, den wir nicht aufteilen wollen. In der Gestaltung selbst merkt man aber schon, dass wir unterschiedlich ticken. Jonas arbeitet gerne reduziert und straight, oft in Schwarz-Weiß-Skizzen, bevor es zur Farbe geht, Dominik meistens direkt mit Farbe und experimenteller. Meistens landen wir irgendwo dazwischen. Das macht die Sache interessanter, als wenn einer von uns alleine entschieden hätte.

Der Prozess läuft viel über Pingpong. Einer fängt an, der andere macht weiter. Dabei nutzt Dominik eher die klassischen Designprogramme, während Jonas gerne mit neuen Tools arbeitet und experimentiert. Klare Rollen gibt es erst dann, wenn ein Projekt in mehrere Richtungen geht. Bei größeren Kampagnen mit räumlichem Anteil übernimmt Jonas zum Beispiel eher das Pop-up-Konzept und Dominik die Print-Kampagne.

Von Amelie Lens zu EXHALE sind es zwei Plakatwände (Foto: Claudia Baumlin; Grafik: Dominik Keller & Jonas Huhn)

Wie fließt der Bezug zur Clubszene in eure gemeinsamen Projekte ein, und wie verändert sich dadurch eure Arbeitsweise im Vergleich zu klassischen Designaufträgen?

Weil wir die Szene von innen kennen, bekommen wir vieles automatisch mit. Aber natürlich muss man sich schon aktiv damit auseinandersetzen, um den Bezug nicht zu verlieren. Generell läuft bei uns im Studio permanent Musik, und auch durch unsere Radioshow bei Radio 80000 beschäftigten wir uns mit vielen unterschiedlichen Genres, was alles irgendwie in die Arbeit zurückfließt.

„Für ein Big-Room-Event zu gestalten, ist eben etwas völlig anderes als für eine Underground-Party oder eine queere Veranstaltung, jede hat ihre eigene Sprache.”

In der Arbeitsweise ist der Unterschied vor allem das Tempo. In der Clubszene passiert alles sehr kurzfristig und ist wenig planbar, was erst mal anstrengend klingt, aber auch dazu führt, dass man Entscheidungen nicht totdenkt. Oft kommen dabei spannende Sachen heraus. Dabei ist die Lebensdauer der Arbeiten kürzer, weil sie den Zeitgeist treffen sollen und nicht unbedingt in fünf Jahren noch aktuell sein müssen. Das erlaubt uns, freier an die Sachen heranzugehen als bei klassischen Aufträgen.

Wie nehmt ihr in euren Designs Bezug auf die Ästhetik und Werte der Nachtkultur? 

Unser Bezug kommt bei uns eher daher, dass wir damit aufgewachsen sind und über die Jahre viele verschiedene Dinge mitbekommen haben. Wir hatten aber auch Glück, weil das Robert Johnson ein Club war, in dem Gestaltung schon immer einen hohen Stellenwert hatte. Shoutout an Michael Satter und Oliver Hafenbauer, die dort über viele Jahre die Art Direction und das Design verantwortet und uns damit ziemlich geprägt haben.

Wie geht ihr mit der Geschichte von Flyern, Postern und Plattencovern im Kontext der elektronischen Musik um?

Grundsätzlich halten wir es für wichtig, eine Szene und ihre Codes zu verstehen, um mit ihr resonieren zu können. Das geht nur, wenn man sich damit beschäftigt oder Teil davon ist. Für ein Big-Room-Event zu gestalten, ist eben etwas völlig anderes als für eine Underground-Party oder eine queere Veranstaltung, jede hat ihre eigene Sprache. Bei Projekten für Szenen, in denen wir selbst nicht aktiv sind, arbeiten wir deshalb häufig mit Leuten von dort zusammen.

Wenn man sie verstanden hat, kann man damit auch bewusst brechen. Beim Jubiläumsplakat für das 25-Jährige des Robert Johnson haben wir genau damit gespielt. Statt uns in der Bildwelt zu bedienen, haben wir mit der Mona Lisa ein Motiv gewählt, das das Gegenteil dessen ist, was man auf einem Clubplakat erwartet. Der Bruch war Teil des Konzepts, und genau diese Irritation macht das Plakat aus.

Eine Auswahl an Plakatentwürfen von Keller und Huhn, darunter das ikonische Mona-Lisa-Design für die Jubiläumsparty im Robert Johnson
Eine Auswahl an Plakatentwürfen von Keller und Huhn, darunter das ikonische Mona-Lisa-Design für die Jubiläumsparty im Robert Johnson (Grafik: Dominik Keller & Jonas Huhn)

Wo ergänzt ihr euch am meisten, und wo gibt es die produktivsten Reibungspunkte zwischen euren unterschiedlichen Hintergründen und Arbeitsweisen?

Bei Typografie ticken wir ziemlich ähnlich, da müssen wir meistens nicht lange diskutieren. Interessanter sind die Unterschiede in der Arbeitsweise, weil Jonas gerne in vielen Varianten denkt, während Dominik eher einen Entwurf verfolgt und ihn direkt im Detail ausarbeitet. Wir sind auch beide auf unsere Art Perfektionisten und können uns gerne mal im Entwurfsprozess verlieren. Da hilft es sehr, wenn der andere irgendwann sagt, dass es reicht.

Zum Portfolio von Keller und Huhn gehören auch Plattencover – zum Beispiel für Steve Rachmad
Zum Portfolio von Keller und Huhn gehören auch Plattencover – zum Beispiel für Steve Rachmad (Grafik: Dominik Keller & Jonas Huhn)

Wie habt ihr gemeinsam an dem Poster und Flyer für Studio Liberté x GROOVE gearbeitet? Was war da die Idee? Wie habt ihr sie umgesetzt?

Konzeption und Research haben wir wie immer zusammen gemacht. Das Line-up hat uns ziemlich schnell in Richtung der Neunziger-Rave-Flyer geführt, also straighte, bolde Typografie, kombiniert mit verspielten Elementen und Illustrationen. Das Ganze haben wir dann durch die GROOVE-CI gezogen, die Farben und Schriften des Magazins darauf angewendet und daraus das Plakat und alle weiteren Assets für die Reihe entwickelt.

Zuletzt: Was ist ein Projekt, das ihr gemeinsam noch machen wollt, aber noch nicht angegangen seid?

Wir arbeiten gerade mit zwei weiteren Leuten an einer neuen Konstellation, bei der es vor allem um größere Festivals und um Kampagnen für internationale Künstler:innen aus dem Musikbereich gehen soll. Die Arbeit mit großen Artists reizt uns sehr und macht Spaß. Gleichzeitig wollen wir aber die Verbindung zu kleinen Labels, die eher im Underground aktiv sind, nicht verlieren.

Das andere ist musikalisch. Wir haben seit Jahren an die 100 Skizzen von Tracks auf der Festplatte liegen und wollen davon endlich mal etwas fertigmachen, damit ein erstes Album als Duo rauskommt.

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