Die Platten der Woche mit Atrevido, Djrum, Pancratio, Ken Ishii & David Castellani und Nico Lahs

Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.

Atrevido – reflection EP (Naive)  

Naive gehört zu den beständigsten Labels der letzten Jahre, was Qualität und neue Entdeckungen anbetrifft. Dieses Mal wird uns Atrevido aus San Diego vorgestellt, der:die Electro und verschiedene Breakbeat-Stile zu einer persönlichen Fusion verbindet und es dabei schafft, immer wieder mit verblüffenden Wendungen um die Ecke zu kommen.

Im Opener „Feel It Out” kippt ein bleepiger Electrotrack nach zwei Minuten unerwartet in dunkle, treibende Gefilde, kurz danach wird eine Synthiefläche addiert, die die Stimmung noch einmal emotional verändert. Das chillige „Maze” überführt recht spät ein eher abstraktes Intro in einen von Synthie-Harmonien dominierten Part, dazu groovt ein jazz-inspirierter elektronischer Besen. Ähnlich abwechslungsreich verhalten sich die Stücke zueinander, verbunden durch den gemeinsamen Nenner Breakbeats-plus-electroverwandtes-Sounddesign. Die EP umfasst sechs (!) Tracks, on top liefert Steffi einen technoiden Remix des ersten Stücks, der dessen wunderschönen Flächensound in perfekte Neunziger-Detroit-UK-Fusion einflechtet. Mathias Schaffhäuser

Djrum – I Wander (Houndstooth) 

Wer sich auf eine Wanderung begibt, bekommt hier den perfekten Soundtrack dazu. Sieben Tracks, „Wander I” bis „Wander VII”, die organisch und erstaunlich homogen aufeinander aufbauen – und die es ursprünglich sogar als einen Track gibt: Ambient trifft auf Drum’n’Bass, perkussiver Drive geht in wilde Breaks über, bevor am Ende alles in einen wunderbar entspannten Calmdown mündet. Hinter Djrum steckt der in Oxford beheimatete Felix Manuel, Produzent und ein wahrer Zauberer an den Decks – am liebsten Vinyl only.

I Wander pendelt er zwischen elektronischer Nervosität und akustischer Wärme. Tiefer Bass, glitchige Vocal-Fragmente und hektische Breakbeats treffen eben auf Piano und Cello. Gerade dieses vermeintliche permanente Kippen zwischen Maschine und Mensch macht den besonderen Reiz aus. Ursprünglich als durchgehendes Stück gedacht, funktioniert I Wander als schlüssig gewählte Folge eigenständiger Tracks. Und genau das macht diese musikalische Reise durch die Aufnahme so einladend: Jeder Abschnitt hat seinen eigenen Charakter, trotzdem verliert der Fluss nie seine Richtung. Wie beim Wandern geht es mit dem ersten Schritt los und dann von Schritt zu Schritt weiter, from level to level. Jungle, Breakbeat, Ambient und fragile Piano-Momente greifen auf I Wander organisch ineinander, bis sich die Platte am Ende in einem nebligen, von Streichern getragenen Ausklang verliert – was ausdrücklich auch für wander-averse Hörer:innen funktioniert. Liron Klangwart

Pancratio – The Be Yourself EP (Faith Beat) 

Machen wir’s kurz: Pancratio weiß ziemlich genau, wie man House so lange auf seine Grundelemente reduziert, bis daraus wieder etwas ziemlich Effektives entsteht. Auf seiner zweiten EP Be Yourself für Ryan Elliotts Label Faith Beat zeigt er, dass die Zuschreibungen des Labelchefs auf Instagram à la „Römischer Kaiser”, „hypnotische Hitmaschine” oder „Mr. Automatic House” nicht von ungefähr kommen.

„Be Yourself“ legt mit dumpfer Four-to-the-Floor-Kick, stoischen Hi-Hats und einem quietschenden Synth los. Dazu das titelgebende Vocal im Loop und ein Flanger, der immer wieder durch den Track fährt. Nicht viel – aber alles an der richtigen Stelle. „Take Me To The Music” nimmt sich etwas zurück: Warme Electro-Synths dominieren das Bild. Im Break sorgt ein Autotune-Vocal für die nötige Portion Disco-Feeling in der ansonsten streng funktionalen Nummer. „Catch Me” ist der eigentliche Arbeitstier-Moment der Platte. Percussions und Cymbals halten den Track permanent in Bewegung, während sich alle 16 Takte neue Patterns in den Gleichschritt einreihen. Im Break übernehmen helle Dub-Synths, ohne dass der Groove darunter verschwindet. „It’s Time” schließlich reduziert alles auf Bassdrum, Hi-Hats und rasselnde Cymbals. Darauf legt sich ein Teppich aus Klängen, den man eher auf dem Fußboden eines Ambient-Floors vermuten würde. Der Teppich schafft ein versöhnliches Ende einer Platte, auf der vier Tracks genau wissen, was sie auf dem Dancefloor zu tun haben. Johanna Lühr

Ken Ishii & David Castellani – Obia (Noetic) 

Gummi, Metall, Korrosion, Distortion, Übersteuerung – diese Begriffe kommen in den Sinn, wenn Ken Ishii und David Castellani gemeinsam Musik machen. Der Opener „Eidolon” pendelt zwischen der knarzigen Ästhetik eskalativer Marcel-Fengler-Tracks wie „Thwack” und der freigeistigen Sturm-und-Drang-Attitüde eines Bogdan Raczynski. Das ausgewaschene „Phantasma” baut danach mit schiefen Synths eine bedrohliche Kulisse auf, die nach Bossfight im Videospiel klingt, und lässt Raver:innen auf dem Floor mit sich allen – Augen zu und durch. Der Titeltrack am Ende bleept sachte los, um dann mehr und mehr sein Gleichgewicht zu verlieren und in der nächsten deliriösen Achterbahnfahrt zu enden. Diese EP ist keine Reise, diese EP ist ein Überfall. Maximilian Fritz

Nico Lahs – Mistress 19 (Mistress Recordings) 

Immer beschissene Idee: Zuerst lesen, dann hören. Mistress 19, die neue Platte auf dem tollen DVS1-Label, sei nämlich „the sound embodiment of dancing to architecture.” Äh, ja. Super Satz, den man sich 2008 auf ein T-Shirt hätte drucken lassen müssen, um 2026 im Berghain-Garten auf die Fresse zu kriegen. Dass dieser Satz, den Elvis Costello oder Martin Mull oder irgendjemand in einem Interview in den Achtzigern bestimmt so gesagt hat, damals, als Diedrich schon dachte, Intellekt im Pop sei eine geile Idee, dass also dieser Satz dieser schönen Platte vorsteht, ist leider geil. Augenblicklich stellt man sich den Producer Nico Lahs vor, wie er in seinem Studio in Bari sitzt, ein Glas sehr, sehr teuren Rotwein in der Hand schwenkt, den draußigen Zypressen lauscht und sich denkt: „So, heute Abend vertone ich mal eine spätgotische Kathedrale.” Gesagt, geplagt! Vier Tracks, die House richtig ernst nehmen, also: Drums mit Lunge, Analogkram, so die Richtung, zu der man sich morgens um halb 10 auf die Stirn klatscht, weil: Hätte man das doch alles lieber nicht gelesen! Christoph Gleich

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