DJ Python. Sämtliche Fotos: Alexis Waltz.

Das Unsound in Krakau hat den Boom der Festivals von bis dahin randständiger elektronischer Musik mit ausgelöst. Diese Festivals bringen nicht mehr bloß Künstler*innen von der Peripherie in die Zentren, sie gestalten die Musik schon längst mit. Ableger von Unsound finden sich mittlerweile in New York, London, Adelaide, Toronto und in Minsk. Da vermutet man einen hochprofessionellen, glatten Ablauf, aber das Ursprungs-Unsound fühlt sich auch in seinem 17. Jahr überschaubar und persönlich an. Das Festival dauert eine gesamte Woche und ist über die ganze Stadt verteilt. Konzerte finden an allen denkbaren Orten von der Oper bis zum Kongresszentrum oder dem alteingesessenen Jazz-Club Alchemia statt. Die Club-lastige Musik konzentriert sich im Hotel Forum, einem Überbleibsel aus sozialistischen Zeiten, direkt an der Weichsel gelegen. Lange stand das Gebäude leer, heute wirkt das imposante, komplett von Mobilfunkwerbung bedeckte Monument des sozialistischen Brutalismus muffig. Es erzeugt eine irreale Stimmung, die eine gute Plattform für die fremdartige Musik ist.  

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Am Anfang des finalen Wochenendes mischt Baby Meelo auf dem Kitchen Floor ’98er Drum’n’Bass mit abstrakten Dub-Tunes. Die gemessen an Festivals dieser Sparte ungewöhnlich junge und lokale Crowd tut sich mit dem Sound schwer. Bei der Kitchen handelt es sich tatsächlich um die Küche des früheren Hotels. Der weiß gekachelte Raum ist so unbehaglich wie interessant, man meint noch die zigtausenden Portionen von Pierogi und Barszcz zu riechen, die hier einmal gekocht wurden. Akustisch sind die gekachelten Wände aber eine Herausforderung. Ein erster Höhepunkt ist Goooose aus Shanghai. Percussion-Loops, die sich immer ähneln, aber nie gleichen, die zwischen Experiment und Clubmusik hin- und herpendeln, die sich zu einem Gabber-artigen Gehämmer verdichten, aber dennoch kontrolliert und zielstrebig bleiben wie eine Downwards-Platte, die dann komplett unerwartet ins Melodische übergehen, ohne ins Kleinteilige und Nervöse zu verfallen. 

DJ Python verwandelt deconstructed club in reconstructed club. Die Apokalypse des NY House der Neunziger ist das diese Musik strukturierende Trauma, eine Hip Hop-Sozialisation das Mittel, um in verzweifelten Zeiten Gelassenheit und Selbstvertrauen zu entwickeln. Die shufflenden Grooves haben kein Problem mit ihrer beschränkten Wirksamkeit, gerade das macht sie charmant. Im Finale webt Python Jungle Riddims in seine Vierviertel-Grooves. Die Crowd kann sich deren Wirkung nicht entziehen und Python zieht zufrieden an seiner E-Zigarette. 

Anders als bei DJ Python wird bei der Arbeit Rakka, einer Kollaboration von Antje Greie-Fuchs und Vladislav Delay, nichts Soziales adressiert, die Musik versucht innere Zustände nach außen zu bringen. Brutales Schmettern, das in einem komplexen Prozess zerfällt, die digitalen Trümmer werden dann von fluffigen Pads umspielt. Die Magie dieser Musik liegt darin, dass sie nicht bloß Kaputtheit ausstellen will, sondern zwischen Bewegung und Energie und deren Abwesenheit einen Dialog aufbaut. Wie Python reconstructed club, aber anders.

Weniger sind Giant Swans rumpelige Techno-Jams, in denen das Drumming auch mal abreißen kann, interessant, als die Art, wie sie präsentiert sind. Der eine Teil des Duos ist in einem Kutten-artigen, weißen T-Shirt über seine Geräte gebeugt. Sein Partner wirft seinen nackten, schweißüberströmten Oberkörper zugleich musizierend, singend und tanzend nach vorne und lässt ihn wie einen Gummiball zurückschnellen. Auf diesem Festival brillieren die Live-Acts. Paula Temple kann da als DJ mit ihrem monotonen, harten Techno keinen Schlusspunkt setzen.

Das Gegenstück zu dem verwaisten Hotel Forum ist das uniforme Kongresszentrum ICE direkt nebenan, in dem normalerweise Musicals und Kongresse stattfinden. Die Glas- und Stahl-Architektur phantasiert potente Geschäftsleute und zahlungskräftige Touristen als Gäste, wirkt aber bloß leer. Dem Jazzmusiker Dominik Strycharski und seinem Core + Orkiestra Ursus aus Warschau scheint dieser Ort egal zu sein. Resolut dirigiert Strycharski ein Ensemble aus fünfzehn Musiker*innen, die verschiedene Blasinstrumente spielen. Er selbst singt währenddessen. Aber das ist nicht alles: Auf der anderen Seite der Bühne sorgen ein Drummer und ein Gitarrist für einen rockigen Kontrast. Die Entschiedenheit, mit der Strycharski seine Musiker antreibt und bremst, überformt die komplexe Komposition.

Wenig später steht die nigerianisch-britische Musikerin Klein auf der Bühne, spielt mal Gitarre, mal macht sie etwas am Computer, eine DJ und eine Sängerin befinden sich auf einem Baugerüst. Die Pointe ihres Auftritts liegt darin, dass versucht wird, die abstrakten elektronischen Klänge, die hauptsächlich Unverbundenheit erlebbar machen, mit einem greifbaren Außen kommunizieren zu lassen. Dieses Außen der elektronischen Sounds erklingt als Stimmengewirr einer Gruppe von Vocalist*innen, die eher sprechen als singen. In einem Interview erklärte Klein, dass man die nigerianischstämmigen Londoner*innen meistens daran erkenne, dass sie am lautesten sprechen und sich am schnellsten vernetzen. Vielleicht inszeniert dieser Chor ein solches Sprechen in der Diaspora, zusammen mit der Musik entsteht ein Gefühl für das gleichzeitige Drinnen und Draußen eines solchen Lebens. Kompakter ist der Auftritt des bretonischen Dudelsackspielers Erwan Keravec, der in die stehenden Töne seines Blasinstruments ein rhythmisches Flackern einwebt und so dem gleichförmigen, klanglichen Impuls einen Groove abstrotzt.

Im Hotel Forum beginnt derweil der Samstagabend-Trubel. Forest Swords klingt mit seinen Kaleidoskop-artig zerfließenden Breakbeats überraschend harmlos und als DJ seltsam unzeitgemäß auf diesem Festival, das mit starken Live-Acts brilliert. Außergewöhnlich gut funktioniert der langsame, stampfende Techno von Radiation 30376 (Unsound Resident Olivia & Chino), deren 909-Drumming von tollen, reduzierten Basslines geerdet wird, die nicht mehr als eine Acidfigur oder ein langsam anschwellendes Pad brauchen, um ein Arrangement zu entwickeln. Da bebt die Holzverkleidung des Chandelier Rooms.

Dagegen wirkt der Live-Act von Objekt & Ezra Miller überraschend kontrolliert. Beide stehen an einem Tisch, Objekt am Laptop, Miller vor einigen Geräten. Auf der Bühne liegen kreisrunde Spiegel, die die Strahlen der Lasershow reflektieren. Mit ihren klonkigen, raumgreifenden Klängen bedienen sie den Warp-Kult und das aktuelle IDM-Revival und inszenieren eine unterkühlte, Neon-beleuchtete Bar aus den späten achtziger Jahren.  

Den Geist des Festivals treffen eher TSVI & DJ Plead. Der Italiener und der Australier haben sich in London kennengelernt, beide interessieren sich für ethnische Formen von Tanzmusik, des Sufismus etwa oder aus dem Libanon. Dabei geht es ihnen nicht um eine ethnographisch korrekte Vermittlung dieser Musikformen, sondern darum, sie mit aktuellen Clubsounds kommunizieren lassen. Die mächtigen, rollenden Grooves lassen sich überhaupt nicht einordnen, suchen keinen blassen gemeinsamen Nenner, sie zielen nicht auf einen kulturellen Relativismus, auf kein eklektisches Mash-up.

Der gemeinsame Auftritt von James Holden und dem Alt-Klarinettisten Wacław Zimpel wirkt freier und spontaner als der Live-Act zu Holdens letztem Album, wo die durchkomponierten Orgel- und Bläser-Passagen sein Synthesizer-Spiel einzuschränken schienen. Zimpel ruft Jazz-, Minimal- und sogar Italowestern-Soundtrack-Standards auf, die Holden mit seinem Modular-Kasten mal aufnimmt, mal mit idiosynkratischen, psychedelischen Klängen bricht. Das scheint die gegenseitige Sympathie der beiden Musiker füreinander nicht zu stören.

Wo sich Holden & Zimpel fast ein bißchen zu gut zu verstehen, sind wir bei MCZO & Duke wieder bei der unberechenbaren, disruptiven Energie, die Unsound so stark macht. MCZO & Duke kommen aus Dar es Salaam in Tanzania. Ersterer ist in Westafrika als Rapper ein Star, er tritt vor zigtausend Menschen auf, Duke hat für Nyege Nyege Tapes aus Uganda produziert. In seine irrwitzig schnellen, prasselnden Percussion-Loops sind überdrehte Melodien eingewoben. Die Raps von MCZO klingen aggressiv und unbeherrscht, sind rhythmisch aber dennoch präzis gesetzt. Das Duo klingt wie nichts, was man schon mal gehört hat, und ohne Sprache, Musik und Kontext zu kennen, wirken die Stücke in ihrer Aggressivität und Unmittelbarkeit so schockierend wie mitreißend.

So ist ein Dialog zwischen den Elektronik-Avantgarden des Nordens und den marginalisierten Stimmen des Südens auf dem Unsound nicht nur eine kuratorische Behauptung, die eine politische Haltung widerspiegeln soll. Der Austausch passiert tatsächlich auf einer musikalischen und klanglichen Ebene. Ebenso wie durch die Künstler*innen entsteht die besondere Qualität des Festivals auch durch die vielen lokalen Besucher*innen. Oft ist kaum einzuschätzen, wie vertraut sie mit der Musik und den Kontexten sind. Aber eins steht fest: Zu krass gibt es für sie nicht.