Das Motherboard findet ihr hier, die Mixe des Monats hier, Teil 1 der Alben hier.
Infant – Dustlick (Kino Disk)
Es gibt Dub Techno und es gibt Dub Techno. Der Detroiter Produzent Infant gehört zur zweiten Kategorie. Will sagen: Wo die einen sich auf Dub Techno mit seinen bewährten summenden Bässen und scheppernden Echo-Sounds über stoischem Viererbeat spezialisiert haben, um Genre-Kontinuität zu wahren, gehen die anderen offener vor, verwischen die Grenze zu Ambient, reduzieren ihre Tracks auf kaum vernehmliches, hallendes Pluckern, lassen den Beat oft komplett weg. Infant macht es auf Dustlick genau so und noch krasser. Strukturen mit Groove deutet er mit seinem Echo so schemenhaft an, dass nicht bloß Raum zum Denken beim Zuhören bleibt, sondern auch dem Körper sehr viel Freiheit gelassen wird, wie er sich zu der Sache bewegen will, wenn er sich denn bewegen will. Der Hauch von Nichts, aus dem sich das alles zusammensetzt, ist bei Infant stets so präzise gesetzt, dass man weder das Bedürfnis verspürt, dem Album den Charakter von Clubmusik abzusprechen, noch den Eindruck hat, dass hier etwas fehlen könnte. An manchen Stellen entwickeln die offenen Texturen sogar so etwas wie eine durchlässige Dichte. Auf stille Weise heftig. Tim Caspar Boehme

Kelela – new avatar (Warp)
Schon wieder ein Kelela-Album? Nichts lieber als das! In der Vergangenheit hat Kelela Mizanekristos, besser bekannt mit ihrem Vor- und Künstlernamen, die Geduld ihrer Fans immer wieder auf die Probe gestellt und zwischen ihren Alben einige Jahre verstreichen lassen. Da reibt man sich nun schon fast ungläubig die Augen: Nach dem letzten Album In The Blue Light von 2025 kommt jetzt schon das nächste Album auf dem britischen Ur-Imprint Warp Records. Die amerikanische Künstlerin lässt sich seit Beginn ihrer Karriere nicht einfach in die Contemporary-R’n’B-Schublade stecken, sondern verbindet diesen mit Elementen aus Funk, Soul und Jazz, aber auch, passend zu Warp Records, Bass Music, Downtempo, oder Breakbeat.
Auf ihrem New Avatar geht Kelela sogar einen Schritt weiter und probiert sich zusätzlich zu den bisherigen Einflüssen im Indie-Rock und Shoegaze aus. So finden sich auf dem Album zwar die erhofften Kelela-Klassiker irgendwo zwischen dancefloor-tauglichem („Point Blank”, „Don’t Piss Me Off”, „The Bridge”) und verschmustem R’n’B („New Life Forms”, „If We Meet Again”). Allerdings liegt der Schwerpunkt dieses Albums auf gitarrenlastigen Songs. Ob dröhnend und verzerrt wie im Intro „Idea 1” oder „Going Down”, mit feinem E-Gitarren-Fingerpicking wie auf „Against Me” und „Linknb”, sphärischen Shoegaze-Stücken wie „Crystalize” und „Retaliation Lullaby” oder Hybriden des alten und neuen Styles wie „Outta Time”. Bei allen Neuheiten trägt jeder Song unverkennbar Kelelas Handschrift, ihr neuestes Experimentierfeld ist also eher eine erfrischende und bereichernde Abwechslung als ein No-Go für Fans. Lukas Supersoft

Lee „Scratch” Perry & Mouse On Mars – Spatial, No Problem. (Domino)
Lee „Scratch” Perry war nie zu fassen. Zu sagen, er hat Bob Marley & The Wailers produziert und so weltweit bekannt gemacht, was wir längst unter Reggae verstehen, oder zu sagen, er hat den Dub definiert, stimmt zwar so ziemlich, doch dann bleibt immer noch das scharfe Gesicht eines Menschen, der in der verhuschten Silhouette des Unterwegsseins doch besser zu greifen war. Denn das ist sein Ort, das Huschen. Und so klingt es doch nach einer schönen Geschichte, wenn Andy Thoma und Jan St. Werner nun Spatial, No Problem. veröffentlichen können, das letzte Album unter Perrys Beteiligung vor dessen Tod im August 2021.
Es genügt die titelgebende Anekdote: Ob er sich mit akustischer Raumordnung befasse, so die Frage von Mouse On Mars, die mit dem Ping-Pong-Spiel von Klangdimensionen ja seit den Neunzigern weiterführen, was Perry so begonnen hat. Die Antwort: „Spatial, no problem.” So klingen diese Aufnahmen: nichts wie erwartet und sehr logisch. Alles, was irgendwie mit Bläsern und/oder mit Dub und Reggae zu tun hat, kommt neu und anders ins Huschen.
„To The Rescue” trägt die Gestalt eines Offbeat-Klassikers, allerdings so hinzirkuliert, als säße Jaki Liebezeit von Can selbst an den Drums. Eine Space-Steel-Gitarre prägt mit wenigen Strichen „Yayaya”, während das eröffnende „Rock Curry” einem straighten Beat folgt, um ausgeleiert zu werden, gestoßen und gezogen von unerklärlichen Klangphänomenen. Raum ist hier null Problem, wir müssen uns dafür bloß einlassen auf die unaufhörlichen Sprachflüsse des Meisters. Auf die Holy Angels, wie sie auftauchen in „Economic Train”, dem schönsten Stück, weil: weltraumafrikanisch. Christoph Braun

Madonna – Confessions II (Warner)
Jetzt bloß nicht vom Hocker fallen, denn die Queen kehrt dorthin zurück, wo ihre Musik einst revolutionär war – in die Clubs. Als Madonna 2022 ankündigte, wieder mehr House machen zu wollen, dürfte so mancher Fan skeptisch gewesen sein. Mit Confessions II, dem offiziellen Nachfolger des gefeierten Albums Confessions on a Dance Floor von 2005, will sie dieses Versprechen nun einlösen. Gemeinsam mit Produzent Stuart Price liefert sie ein Album ab, das sich wieder hörbar an der Clubkultur orientiert, ohne zur reinen Nostalgieveranstaltung zu werden. Schon die ersten Sekunden von „I Feel So Free” machen klar, dass hier kein gewöhnliches Pop-Album beginnt. Sanfte Chöre schweben durch den Raum, eine verzerrte Männerstimme fragt: „How was your evening so far?” – Madonnas trockene Antwort: „Don’t be a vibe kill.” Dann setzt der Bass ein. Der Track entwickelt sich zu einer sinnlichen Mischung aus Spoken-Word-Elementen, deepen Club-Sounds und emotionalem Gesang. Madonna klingt hier so frei und gleichzeitig verletzlich wie lange nicht.
Auch „Good For The Soul” knüpft daran an. Breakbeat-Anleihen treffen auf euphorische House-Pianos, der Refrain bleibt sofort hängen. Der Song klingt nach Sonnenaufgang an einem heißen Sommertag – ein fabelhafter Closing-Track. Mit „One Step Away” nimmt das Album erstmals Tempo heraus. Reduzierte House-Beats, verzerrte Vocals, Streicher und melancholische Akkorde schieben sich übereinander. Mit Sabrina Carpenter wird „Bring Your Love” poppiger, ohne den House-Unterbau aufzugeben. Die Stimmen harmonieren überraschend gut. „Danceteria” rückt Madonna anschließend deutlicher in den Vordergrund. Der Song erinnert an ihre frühen New Yorker Clubjahre und klingt unverkennbar nach ihr: melodisch, selbstbewusst und tanzbar.
Überhaupt bewegt sich Confessions II ständig zwischen verschiedenen Spielarten elektronischer Musik. „Read My Lips“ verbindet mediterrane Gitarren, Latin-Rhythmen und House mit Feids spanischsprachigem Gastbeitrag zu einem sommerlich-sinnlichen Strandbar-Track, während „Everything” immer wieder zwischen dunklen elektronischen Passagen und hellen Gitarrenflächen pendelt. Danach verliert das Album etwas an Zug. „Love Sensation” bleibt melodisch und geschmeidig, „Love Without Words” setzt chaotischen Sprechgesang und Acid-Anklänge in housige Beats. „Bizarre” treibt mit Achtziger-Synths, schnippendem Rhythmus und Bass nach vorn, während „School” mit abgehackten Sounds und drückendem Fundament bewusst Unordnung erzeugt. Im letzten Drittel wird Confessions II persönlicher. „Fragile” kombiniert klare Vocals mit Claps und Breakbeats, „My Sins Are My Savior” bringt Stromaes französischen Gesang mit düsterem Oldschool-Vibe zusammen. „Betrayal” wirkt mit Klavier, Bläsern und Breakbeats wie ein nächtlicher Spaziergang durch unbekannte Straßen. Auf „The Test” kommt Tochter Lourdes Leon hinzu, bevor „L.E.S. Girl” den ruhigen Schlusspunkt setzt.
Am stärksten bleibt dennoch der Opener. „I Feel So Free“ zieht sofort in seinen Bann gezogen und überrascht gleichzeitig. Einen derart elektronisch aufgeladenen Track hätte man von Madonna nicht erwartet. Gerade weil er ihre Stimme nicht einfach über eine klassische Pop-Produktion legt, sondern sie in verzerrte Vocals, dunkle Flächen und einen langsam einsetzenden House-Bass einbettet, wirkt er wie ein echter Aufbruch. Aber: Nicht jeder Song entfaltet eine ähnliche Durchschlagskraft. Während die erste Albumhälfte mit mutigen House-Produktionen und starken Hooks begeistert, verliert das Album zum Ende hin etwas an Fokus und bewegt sich häufiger in klassischeren Pop-Gefilden. Anne Holzki

Panda Bear & Sonic Boom – A ? of WHEN (Domino)
A ? Of WHEN ist das bereits zweite gemeinsame Album von Animal-Collective-Mitglied Noah Lennox alias Panda Bear und Spacemen-3-Veteran Pete Kember. Während Lennox im letzten Jahr sein nunmehr siebtes Solo-Album, das pop-affine und lyrisch komplexe Sinister Grift, veröffentlichte, widmete sich Kember als Sonic Boom, Spectrum und mit Spacemen 3 seit den späten Achtzigern zahlreichen Projekten als Kollaborateur und Produzent im Bereich des Space- und Alternative Rock, mit Werken wie dem verheißungsvollen Taking Drugs To Make Music To Take Drugs To. Bereits auf ihrem 2022 erschienenen Album Reset, das sowohl eine Dub-Version von Adrian Sherwood und eine Mariachi-EP zur Folge hatte, haben die beiden Musiker die Grenzen zwischen experimenteller Electronica, Kraut- und Psychedelik-Rock, Latin und Sunshine-Pop ausgelotet. Und dieser distinktive, retro-futuristische, halbakustische Sound und die Auseinandersetzung mit Themen wie menschlicher Verwahrlosung und digitaler Erschöpfung setzt sich auch auf dem neuen Album fort.
So handelt „Revive him” vom Umgang mit Selbstzweifeln und den daraus entspringenden Gefühlen von Machtlosigkeit und Entfremdung. Die beiden Musiker inszenieren diesen Zustand als eingängige und schnörkellose Lagerfeuer-Akustik samt upbeat und zynischer Belanglosigkeit, wobei die besungenen seelischen Wirrungen mit ihren lyrischen und zwanghaften Wiederholungen durch den ästhetischen Simplizius entkräftet und aufgearbeitet werden. Diese Ambivalenz resultiert im anschließenden „Something like dreaming” in einen klangtranszendenten Zustand: Die rückwärtslaufenden Reverb-Perkussions, das inbrünstig brummende Mantra der E-Sitar und das kosmische Klangspiel-Arrangement paaren sich mit der hymnischen und distanzierten Schlaflied-Melancholie Panda Bears, die in der spirituellen, retro-nostalgischen Entrücktheit und dem trabenden, jedoch vollkoloriertem Arrangement an „Blue Jay Way” erinnert. Generell bekommt man das Gefühl, die Zusammenstellung der Produktionen versteht sich hervorragend darauf, zu merken, wann das Tempo angezogen und wann es wieder einen Gang zurückschalten kann, ohne dabei den Casual-Hörer an eine Tik-Tok-Bonk-Playlist zu verlieren. Der Titeltrack ist eine rasante Psychedelic-Rock-Nummer mit schillerndem Arrangement, Need For Speed-Samplefetzen und den abwechselnden Gesangseinlagen von Kember und Lennox, die zwischen elegantem Scott-Walker-Timbre und bittersüßem Tagtraum-Acapella rangieren, während das nachfolgende „Pray to you” eine intime Chamber-Folk-Nummer mit zauberhaften Vokal-Harmonien und zarten Violinen-Schmeichlern ist. Dabei finden Lennox und Kember immer die richtige Balance zwischen modularer Klang-Abstraktion, Space-Age-Optimismus und schnörkellosem Pop-Fundament, schließen die Lücke zwischen Pet Sounds und Merriweather Post Pavilion und verbinden sie zu einer untrennbaren, zeitlosen Sound-Identität. Jakob Senger

Quiet Husband – The Architecture of Perception (Industrial Coast)
The Architecture of Perception, der Name des neuen Albums von Richie Culvers Projekt Quiet Husband ist Programm. Acht Stücke untersuchen die Möglichkeiten von Klang, Körper und Aufmerksamkeit. Schon der Auftakt „Composition” macht klar, wohin die Reise geht: Wasserrauschen, schleifende Geräusche und etwas, das an eine Nähmaschine erinnert, verdichten sich zu einem Feld aus Alltagsklängen, bevor harte, knapp 185 BPM schnelle Kicks das Material in eine neue Ordnung zwingen. Das ist weder Field Recording noch Industrial im klassischen Sinn. „Abstraction” verweigert anschließend jeden Rhythmus. Vogelstimmen, Knistern und kaum greifbare Oberflächen erzeugen einen Schwebezustand, in dem Zeit gedehnt wird. Erst „Duration” setzt wieder einen Puls frei, allerdings ohne den erlösenden Drop. Metallische Resonanzen, synthetische Signale und organische Atmosphären sickern langsam ineinander und entfalten ihre Wirkung. Dass Culver parallel als bildender Künstler arbeitet, könnte man anhand seiner Behandlung von Klang erraten. Die Tracks funktionieren wie Farbschichten: Nichts wird bloß addiert, jede neue Textur verändert rückwirkend das bereits Gehörte. Titel wie „Figuration”, „Flow”, „Surface”, „Reference” oder „Gesture” wirken weniger wie Tracks als Kapitel einer Untersuchung über Komposition selbst. Dabei vermeidet Culver die Falle vieler konzeptlastiger Elektronikproduktionen. Immer wieder kippt das Album in Momente unmittelbarer Körperlichkeit. Die Materialität früher Basic-Channel-Produktionen, die räumliche Tiefenschärfe der Chain-Reaction-Schule oder aktuelle Grenzgänge zwischen Noise, Ambient und Hochgeschwindigkeit blitzen auf. Culver interessiert weniger das Genre als dessen Organisation von Raum. Seine Musik bleibt rau, schmutzig und porös; jeder Hall scheint Staub zu tragen. The Architecture of Perception verlangt Geduld. Liron Klangwart
