Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.
Ekowmania meets DJ Sotofett – Dub Souljah (Resonance of Dub)
Auf dieser starken Maxi trifft Club-Head DJ Sotofett auf Ekow Alabi Savage aus Ghana. Der mittlerweile 69-jährige Highlife-Vordenker hat jüngst eine von Jimi Tenor produzierte Crossover-EP mit seiner Berliner Band Ekowmania & The Rhythmers veröffentlicht, auf der er seinen traditionellen Sound mit Afrobeat, Reggae, Funk, Jazz, Salsa und Soukous verbindet. Sotofett lässt Savages Reggae-Take „Dub Souljah” weitgehend intakt und verkompliziert den Groove mit klassischen Dub-Techniken. So entsteht eine komplett entrückte Hörerfahrung, die auf unwahrscheinliche Weise Intensität und Auflösung zusammenbringt. „Kuusikasi Funk” nimmt den archaischen Funk des frühen James Brown auf, „Afrolistic Rock’n’Roll” erinnert an die wüste stilistische Ursuppe, aus der Sister Rosetta Tharpe oder Little Richard einst Rock’n’Roll erschaffen haben. Alexis Waltz

Less-O – VXV (TEMƎT)
Mit VXV erscheint bereits die dritte EP des französischen Produzenten Less-O, die wie ihre beiden Vorgänger ihren Weg in unsere Reviews findet. Kein Wunder: Less-O bleibt einer der spannendsten Grenzgänger zwischen Sounddesign, experimenteller Clubmusik und Breakbeat. Auf vier Tracks zeigt er, wie wandelbar letzterer klingen kann. Im Opener „Hit Orchestra” schleppen sich die Breaks zunächst noch stoisch voran. Immer wieder setzen markante Bläserstöße Akzente. „Tanadi Tanada” wirkt dagegen deutlich verspielter. Zu Beginn gewinnt man den Eindruck, ein Objekt würde akustisch in unzählige Fragmente zerfallen – unaufhörlich. Dieses Motiv zieht sich durch den gesamten Track, begleitet von Vocals, die mantraartig den Titel wiederholen. Mit „Tooth 33” steigert Less-O die Energie dann spürbar. Hochfrequente Synthesizer und treibende Percussion verleihen dem Track eine rauere, fast schon ravige Energie. Doch gerade wenn sich ein konstanter Groove einzustellen scheint, unterläuft Less-O die eigene Dramaturgie und reißt den Track wieder aus seiner Bahn. Den Abschluss der EP bildet „Power Outage” gemeinsam mit Brodinski. Hier treffen hallende Breaks auf eine minimalistische Zweiton-Melodie, die ebenso gut einem bedrohlichen Splatter-Film entsprungen sein könnte. Johanna Lühr

Justine Perry & Paula Koski – Paired Works (Ostgut Ton)
Die Leute lesen Ostgut, sie bestellen Berghain. Das ist so wie der Hauswein beim Italiener, es wird schon halbwegs passen. Diesmal dafür Doppelpass: Justine Perry und Paula Koski machen vier Seiten voll. Die eine pendelt auch mal Hypnosezeug auf Labels wie Dynamic Reflection aus, die andere baut riesige, hallende Echokammern, in denen man sein Restego verliert. Beides nicht komplett verkehrte Tugenden, sofern man sonntags fünf Stunden vor einem rumpeligen Heizkraftwerk rumstehen mag. Dafür bekommt man natürlich was geboten. Techno – mal gletscherglatt, mal Autobahn mit AMG, jedenfalls ohne dass irgendwer auf die Idee kommt, den Ambientfiller auszupacken. Die Favoriten: „Fracture” für die Anabolikamenschen, die links vorne Anabolikasachen machen. Und „Held in Place”, am besten geschleckt an der Eisbar. Christoph Gleich

Morning People – Morning People (Temple)
Morning People. Für das Lerchengespann aus Montréal erstreckt sich die Morgenroutine offenkundig von 1 bis 4 Uhr früh, die optimalen goldenen Stunden, um sich von großräumigen Walzen zwischen House und Techno die Festplatte formatieren zu lassen. „2AM” legt Piepsen über einen unruhigen Funk, aus dessen Gebimmel sich im letzten Drittel ein quasi neuer Track mit den ganz großen Absichten schält. So schweißt man einen Floor zusammen. Gegen 3 Uhr morgens flirren jenseitige Pads über einen trancigen ADHS-Groove, die eine Gesichtshälfte will gehen, die andere bleiben. Der Closer „4AM” beginnt mit einem Ambient-Intro mit choralem Anklang, das sich über einen gleichmäßigen, hermetischen Groove hinweg immer weiter zieht und die Wald-und-Wiesen-Fraktion mit den Sounddesign-Snobs zu vereinen weiß. Dabei ging um 1 alles noch so gesittet los, in Dub und House, fast wie bei den Chocolate Chords. Morning, People! Maximilian Fritz

XELTA – B.D.S.M. (Körperspannung)
Maschinenbeats, verzerrte Stimmen, moderne, futuristische Sounds und ein unverkennbarer Achtziger-Vibe: Mit B.D.S.M. liefert XELTA, das neue Projekt von Bruno Coviello und Sharlese Metcalf, ein starkes Debüt zwischen Industrial, EBM und Darkwave. Schon der Titeltrack geht nach vorne. Elektronisch verfremdete Vocals, treibende Drums und markante Claps sorgen für einen Groove, der sofort in die Beine geht. Der Einfluss von EBM-Größen wie Front 242 oder Nitzer Ebb ist hörbar, wirkt aber keineswegs altbacken. „Exquisite S3RVIC3” legt mit Breakbeat-Elementen und einem zunächst chaotisch wirkenden Sounddesign nach, findet im Verlauf aber immer mehr Struktur und Druck. Der Radio Void Remix setzt stärker auf futuristische Synths und roboterhafte Klangwelten, während „MYY KONTROLL” mit harten Kicks, industriellen Sounds und verzerrten Vocals die Spannung hochhält. Der abschließende Anticipation-Remix schlägt schließlich düsterere Töne an: geheimnisvoll, dramatisch und deutlich atmosphärischer als die Vorgänger.
B.D.S.M. lebt von seinem konsequenten Spannungsbogen. Zusammen mit laserartigen Synths, EBM-Grooves und markanten Vocals entsteht ein spannender Mix aus Nostalgie und Zukunftsvision. Eine kompromisslose Debüt-EP, die Retro-Einflüsse gekonnt in die Gegenwart überträgt. Anne Holzki
