Das Motherboard findet ihr hier, die Mixe des Monats hier, Teil 1 der Compilations hier, Teil 2 der Compilations hier.
Answer Code Request – Halo (Delsin)
Acht Jahre hat es gedauert, bis Answer Code Request wieder ein umfängliches Studioalbum präsentiert. Funkstille herrschte in der Zwischenzeit keineswegs, nur bedarf es für ein Album aus künstlerischer Sicht oft mehr Zeit und Geduld. Deutlich hörbar ist das eine Tugend, die Patrick Gräser in Halo angewendet und so ein zusammenhängendes wie abwechslungsreiches Werk geschaffen hat. Die zehn Tracks bewegen sich zwischen Ambient-Techno, Breakbeats und an der Tanzfläche ausgerichtetem Four-to-the-Floor-Techno.
Während der Kopf oftmals in den Wolken aus schleierhaften Pads und übersteuerten Drones zu schweben scheint, stehen die Füße von dem fülligen Low-End gefestigt auf dem Boden; ein Sound, der vermutlich der jahrelangen Arbeit und engen Verbundenheit mit dem Label Ostgut Ton geschuldet ist. Trotzdem geht es bei dem Album nicht um die Aufbereitung der Vergangenheit, sondern um kreative Reduktion, Spontaneität und den bloßen Moment, in dem man sich als erfahrener Produzent im besten Fall doch noch selbst überraschen kann.
Merklich war es Answer Code Request wichtig, keine äußeren Erwartungen zu erfüllen und lediglich ein Album für den Club zu produzieren, sondern introspektiv zu arbeiten und intime wie kraftvolle Momente wie „Instate Air” oder „Shine Deep” zu schaffen, ohne dabei den Blick auf die Tanzfläche gänzlich zu verlieren. Wenn es technoider wird, steht präzise Drum-Programmierung wie bei „Bliphar” oder „Sublith” im Mittelpunkt. Auch Anflüge von Drum’n’Bass zeigen sich in dem räumlich äußerst prägnant gestalteten Stück „D-Fracture”. Als Abschluss entfachen die zischenden Hi-Hats und zirpenden Glitches von „Silent Currents” die letzten Energiereserven, bevor das Album, das sich durchaus als Set verstehen lässt, ausläuft – und im Plattenregal in die Rubrik Zeitlos wandert. Leon Schuck

Batu & Donato Dozzy – Exhale (!K7)
Wenn zwei Meister aus zwei Generationen zusammen ein Album aufnehmen, kann das ja nur mindestens gut werden. Donato Dozzy prägt seit 20 Jahren sowohl solo als auch in Gruppen wie etwa Voices From The Lake und mit seinem und Neels Label Spazio Disponibile die Schnittstelle zwischen Techno, Ambient und experimenteller Musik entscheidend mit. Sein Partner auf diesem neuen Album steht ihm in nichts nach, nur dass er knapp zehn Jahre später angefangen hat. Omar McCutcheon alias Batu bringt hat mit seinem Label Timedance inzwischen weit mehr erreicht, als nur das neue Gesicht von experimentellem, von Bass Music beeinflusstem UK Techno zu formen: Künstler:innen aus aller Welt finden sich auf dem Bristoler Label wieder und testen die Grenzen des Sounddesigns neu aus. Auch als DJs teilen beide ähnliche Vorlieben und Visionen. So war Bristol mit seiner Drum’n’Bass- und Dubstep-Kultur für Donato Dozzy beispielsweise genauso ein Augenöffner wie dessen Musik umgekehrt für Batus Verständnis von Techno. Beider Feingefühl, Geduld und Nerdtum spiegeln die acht Tracks auf Exhale perfekt wider.
Sei es im atmosphärischen Album-Intro „Emergence”, dem langsamen Acid-Jam „Spiral”, hypnotischen Big-Room-Techno wie „Drift” oder „Flicker”, dem zeitgenössischen Tribal-Techno-Stück „Off Axis”, kunstvollen Drum’n’Bass wie dem Titeltrack oder dem verträumten Ambient-Leftfield-Outro „Bloom”. Lukas Simmer

Debit – Potpourri (NAAFI)
Dieses Album hämmert sich in 13 Tracks voran. Es wirkt wie eine Hommage an jene verrauchten Clubnächte, die sich tief in düsteren Technobunkern entfalten. Die in New York ansässige DJ und Produzentin Debit setzt auf Potpourri eine rhythmische Ekstase zusammen, die sich wie ein durchgeplantes DJ-Set anfühlt. Auch wenn die einzelnen Stücke für ein Technoalbum vergleichsweise kurz ausfallen, schöpfen sie ihre Spielzeit bis zum letzten Takt aus. In durchschnittlich drei Minuten entfaltet jeder Track seine eigene Wucht und zündet eine ganze Kaskade an Ideen. Trotz der hohen Beatdichte besitzen die Stücke eine bemerkenswerte Synchronität, die das Album als geschlossenes Ganzes zusammenhält. Und obwohl sich bestimmte Strukturen mit kleinen Variationen durch die Platte ziehen, behält jeder Track seinen eigenen Charakter.
Auf „2placesatonce” verschränken sich trommelartige Polyrhythmen zu einem Geflecht, das an indigene Klangtraditionen erinnert. Auf „Environmentofattention” schieben sich raue Noise-Strukturen zwischen die Rhythmen und schaffen kurze Momente zum Durchatmen. Dazwischen kräuseln sich auf „Ididntasktobebornlatina” säuregetränkte Acid-Wellen, ziehen hypnotische Strudel und reißen immer tiefer in den Sog des Albums. Trotz seiner rauen elektronischen Oberfläche wirkt Potpourri nie kalt. Unter all den hämmernden Beats und industriellen Texturen trägt das Album eine spürbare Emotionalität in sich. Wie ein gutes DJ-Set führt es mit seiner Dichte und Dramaturgie nicht nur durch die Nacht, sondern berührt dabei auch. Wencke Riede

DJ Plead – Please (Smalltown Supersound)
DJ Plead ist mit Album Nummer zwei zurück. Nach seinem fabelhaften Debüt Relentless Trills auf Boomkat Editions nun auf dem Osloer Label Smalltown Supersound. Please lautet der Titel, der über den zehn neuen Tunes steht. Diese bringen arabische Mikrotonalität, romantisch verschmolzen mit schleppenden Dancehall- und Techno-Rhythmen. Seit einer Dekade verarbeitet Jarred Beeler nun schon sein kulturelles libanesisches Erbe in seiner Musik. Mikrotonale Flöten- und Keyboardklänge zu gedrosseltem Club-Tempo wurden sein Markenzeichen.
Auch Please ist voller sparsam gesetzter Melodien und tanzt in ruhigem Tempo mit schwerelosen Rhythmus-Strukturen. Mal kommen Flamenco-Texturen hinzu, mal fesselt ein filigranes Wechselspiel aus Flöten und Sub-Bässen. Assoziationen von Muslimgauze bis Vangelis sind möglich. Aber nur mäßig, denn der aus Melbourne stammende und in Berlin lebende DJ und Produzent veröffentlicht eine absolut individuelle, elegant dynamische Synthese aus verlangsamter Clubmusik, Dabke-Partikeln und Mijwiz-Klängen. Michael Leuffen

Earth Trax – Everlasting Flame (Lapsus)
Man hatte sich gestern über das heutige und immer andauernde Glitzern des Sees unterhalten. Dann war man spontan. Man hatte sich die Augenringe verbrannt, war barfuß in die Pedale getreten, schwergängig. Dann hatte man in die Dämmerung gestarrt. Und man hatte daran gedacht, wie leichte Monate eine ständige Schwere in sich tragen.
Und womit könnte man diese diffusen Sommergefühle schließlich besser ausdrücken als hiermit: 14 Tracks finden sich auf dem auf Lapsus kürzlich erschienenen Album Everlasting Flame. Mit irgendwas zwischen Ambient, Dub Techno, IDM und Leftfield Electronica verwäscht Bartosz Kruczyński das osteuropäische Deep-House-Erbe, das Earth Trax seit Jahren kultiviert, im Anschluss an Closer Now (2023) mit freieren, introspektiven Formen elektronischer Musik.
Dabei beginnt das Album leise murmelnd, aber einnehmend. Wir sprechen hier von den wirklichen Tiefen des Deep House, von jener selten gewordenen Spielart, die weniger an Funktionalität als an Gefühl interessiert ist. Die langsame und warme Entfaltung aus der Dumpfheit heraus ist nämlich deutlich zu hören, wobei sich „Stealth” bedeckt hält. Der „Master of the sad banger” (RA) macht seinem Ruf in „The Weird And The Eerie” alle Ehre. Nostalgische und melancholische Sommergefühle hatte der polnische Produzent wohl auch bei der Titelgebung, siehe „Der Platz des Fischers” oder auch „Family Photos”. Ein ruhiger Charakter findet sich im Ambient-Track „Mothlight” in möglicher Anlehnung an den gleichnamigen Film von 1963.
Wer Earth Trax vor allem als Club-Produzenten kennt, könnte Everlasting Flame deshalb als zu introvertiert empfinden. 14 Tracks fordern Aufmerksamkeit und Geduld, was, wenn wir uns ihnen mit unserer Sommer-Nostalgie widmen, nicht allzu viel verlangt sein sollte. Also auf! Die Beine vom Fahrrad und ganz viel fühlen. Lea Jessen

Gold Panda – TON UP (Studio Barnhus)
Gold Panda kommt breitbeinig um die Ecke und macht auf TON UP klar, dass Stillstand keine Option ist. Die Frage schwebt sofort im Raum: Return of Big Beat? Oder doch eher Big House? Die Antwort liegt dazwischen – und genau dort beginnt der Spaß. Was hier passiert, ist kein nostalgisches Schulterklopfen der Neunziger: samplelastig, loopverliebt und hochgepitcht. 140 BPM und mehr sind keine Zahl. Sehr housig, sehr elektronisch und extrem dancefloor-affin.
Der Opener „Loser Mentality” erinnert unmittelbar an die Big-Beat-Hochzeit, aber das hier ist schneller, kantiger und mit weniger Rock-Attitüde. Der Loop fräst sich in die Gehörgänge und ins Tanzbein, Break, Streicher und immer weiter nach vorne. „Wako Heights” treibt das Spiel auf die Spitze: brutal geschnittene Samples, darunter ein kompromisslos pumpender House-Beat. Kein Schnickschnack. „Ding The Motor” macht seinem Titel alle Ehre: Schlüssel drehen, Vollgas, Abfahrt. Die Samples knallen, alles ist auf Bewegung. „Life Is Hard Off” bleibt roher, schroffer, fast trotzig – noch mehr Druck. Mit „Q K” taucht dann erstmals so etwas wie Melodie auf, ein Loop mit Wiedererkennungswert. Die Seite C hält das Level mit „Lover Mentality” und „Double Arrows” stabil. Und dann „Cut Funk”, trocken und funktional, bevor „Ton Up Bonus Beat” etwas langsamer und hypnotisch den Deckel draufmacht. Kein Retro-Album, kein Genre-Statement, sondern ein Dancefloor-Werkzeugkasten mit Mission. Big Beat? Big House? Egal. Hauptsache groß und laut. Liron Klangwart

Kahn – Past Life (Deep Medi)
Steuerboard, Backbord, Luv-Lee, dieses Decathlon-Ein-Personen-Gummiboot, ein öliger Hochsee-Kutter und irgendwo dazwischen: ein tieffrequenter Kahn. Hauptsache, immer schön geradeaus, also, ehm: Kurs halten. Oder auch nicht, weil: stets den Schulterblick wahren. Nicht nur den Wellengang der Sinuskurven im Auge behalten, sondern auch all die freiliegenden bassmusikalischen Versatzstücke, die den Werdegang von Joseph McGann geprägt haben. Gorgon Sound, Kahn und Neek, Young Echo, you name it, hinzukommen Live-Dub-Sessions mit EBM-Artist Autumns in der Berliner Panke und regelmäßige Radioshows für Noods, in denen er alles zwischen Darkwave, Dancehall und traditioneller anatolischer Musk auflegt. der aus Bristol stammende Produzent und Label-Boss von Bandulu Records war in den zurückliegenden Jahren weißgott nicht unproduktiv, um jedoch den letzten Solo-Release auf Discogs aufzustöbern, muss man schon mal scrollen. Und gegebenenfalls auf Seite zwei wechseln. Punch Drunk, Hotline, Black Box – das ist nicht die Chronologie eines maritimen Super-GAUs, sondern ein kurzer Auszug an Labels, auf denen Kahn seit den frühen Zehnerjahren den Sound von Dubstep mit Nummern wie „Way Mi Defend” oder „Dread” und der genredefinierenden EP Volume One mit Gantz und Commodo maßgeblich mitgeprägt hat. Also: Druckvoll, minimalistisch, hypnotisch, die kühle Reduktion von Wave und Dub als Grundlage und die affektierte Schnörkellosigkeit von Grime als artikulatorisches Ventil. Daran hat sich auch auf Past Life nichts Grundlegendes geändert. Ein bisschen was hat sich trotzdem getan.
Songs wie „Giallo” klingen wie ein bassmusikalisch vertonter Film Noir: Das Klacken einer Videokassette, das Einspulen des Tapes und ominöse Vokal-Verschnitte. Im Vordergrund: Ein stampfender Lounge-Groove, sphärische Pads, retrofuturistische Synths und die tief brummende analoge Bassline. Das lässt einen irgendwo zwischen verdunkelter Clubkaschemme, grellen Nebelschwaden und dem visuellen Gothic Horror eines Dario-Argento-Films dissoziieren.
„Totentanz” bleibt der Qualität des obskuren und grobkörnigen Storytellings, das an die Mysterious Trax-Reihe von Commodo erinnert, verhaftet, fügt dem ganzen aber eine deutlich düsterere Note hinzu. Hier gibt es analoge Reduktionen eines subbassorientierten, gebrochenen Beats, spärlich aufblitzende und verfremdete Soundfragmente, die im letzten Songdrittel um eine unverhoffte Horrorcore-Emo-Trap-Passage, die inhaltlich an Gravediggaz oder Three 6 Mafia und ästhetisch an moderne Ableger wie $uicideboys oder Bones erinnert, ergänzt. Also: Die Essenz des eigenen Sounds, gepaart mit einer tiefen musikalischen Verneigung.
„Drawing Breath” hingegen entfernt sich vom VHS-Heimkino-Gelage, verlagert das Geschehen auf die dunkelsten Peaktime-Stunden und scheppert allen liegengebliebenen Staub vom Soundsystem: bedrohlich zirkulierendes Synthie-Gezirpe, Hi-Hats wie unheilvolle Glockenschläge, Filth-Reminiszenzen und der stotternde Sub versetzen den Körper in ein Stadium manischer Orientierungslosigkeit. Es scheint, als würde sich Kahn mit fortschreitender Spieldauer immer mehr den Wurzeln des eigenen Sounds annähern. Das abschließende „Be Not Afeard” wirkt wie ein direktes Anknüpfen an die Volume One aus dem Jahr 2015 – der wogende Bass, das intuitiv verlaufende, perkussive Gemurmel und die Dualität der elektrischen Doppelhalsgeige, die einen zugleich fragilen und erhabenen Klang hervorbringt, evozieren eine Resonanzmeditation, irgendwo zwischen Introspektion und Euphorie.
Das bringt eine Platte zum Abschluss, die gleichzeitig archivarisch und vorwärtsgewandt daherkommt, die nicht innoviert, dafür aber die vielseitigen Facetten und Zustände von Dubstep aufgreift und in ein kohärentes Ganzes übersetzt. Jakob Senger
