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Februar 2023: Die essenziellen Alben (Teil 1)

Teil 2 der essenziellen Alben im Februar findet ihr hier.

Abstract Thought – Hypothetical Situations (Clone Aqualung Series)

Auf ihrer Mission, sämtliche Drexciya-EPs, -Alben sowie verwandtes Material remastert wiederzuveröffentlichen, sind Clone nun bei diesem Seitenprojekt vom viel zu früh verstorbenen James Stinson und dessen Komplizen Gerald Donald angekommen.

Hypothetical Situations erschien ursprünglich 2003 auf Kombination Research, dem Label von Cisco Ferreira alias The Advent. Ein mittlerweile äußerst rarer Release, der auf Discogs für um die 100 Euro angeboten wird, wenn überhaupt. Remastert wurde diese neue Veröffentlichung von den originalen DAT-Tapes und klingt tatsächlich besser als je zuvor. Und auch der musikalische Inhalt steht natürlich außer Frage: denn auch wenn Abstract Thought draufsteht, ist hier Drexciya in reinster Form drin. Will heißen: dunkel und geheimnisvoll pulsierender Detroit Electro, wie ihn Wenige nur zu produzieren wussten. Mal wehmütig blubbernd, mal aggressiv blitzend und zuckend.

Von den breiten Akkorden, mit denen der Opener „Bermuda Triangle” in seinen hypnotischen Wirbel saugt, bis zu den hämmernden Beats von „Galactic Rotation”, die, begleitet von Laserschuss-Zapps und dekonstruiert zerfallender Melodie, das Ende dieses sonischen Trips beschreiben, ist das Musik, für die der überstrapazierte Begriff der „imaginären Filmmusik” wie gemacht erscheint. The Soundtrack for the movie of your inner mind, sozusagen. Oder: Science-Fiction-Sound, der niemals alt wird. Oder, ganz simpel: exzellente Musik. Tim Lorenz

DJ Gigola – Fluid Meditations (Live From Earth Klub)

DJ Gigola ist mit energiegeladenen DJ-Sets und ihren eigenen Produktionen zwischen Techno und Pop bekannt geworden. Dieses Debütalbum, eine Mischung aus angeleiteter Meditation und Musik, dürfte also eine Überraschung für die meisten ihrer Fans sein.

Doch die Berliner Musikerin präsentiert sich sehr ernst in ihrem Ansinnen, die Kontexte von Rave und Meditation zusammenzubringen, zu zeigen, wie Tanz und Introspektion miteinander einhergehen können. Sie konzentriert sich in ihren Anleitungen auf Aspekte wie die Achtsamkeit des Seins, des Spürens des eigenen Körpers und die Auflösung des eigenen Egos. Das wird musikalisch untermalt mit tiefen Bässen, Naturaufnahmen und unterschiedlicher, organischer Perkussion, im späteren Teil aber auch mit Psytrance und Techno.

Was manche vielleicht als unwahrscheinliche Kombination wahrnehmen, macht Gigola hier leicht verständlich und bringt entgegengesetzte Welten – Hedonismus, Eskapismus, Party und Wellness, Meditation und Achtsamkeit – glaubhaft zusammen.
In seinen stärksten Momenten schafft dieses Album also etwas Neues und vor allem Mutiges. Für all diejenigen, die in Club und Party schon immer ein spirituelles Ereignis und Potenzial für innere Heilung gesehen haben, ist es eine ermutigende Bestätigung. Für Gigola selbst jedoch eine konsequente Weiterentwicklung und Öffnung ihres eigenen Stils. Und für alle anderen vielleicht eine Chance, hinter die Oberflächlichkeiten des Raves zu blicken und fortan tatsächlich etwas Bedeutsamkeit mit nach Hause zu nehmen. Leopold Hutter

Earth Trax – Closer Now (Lapsus Records)

Earth Trax ist ein Alias des Warschauers Bartosz Kruczyński, der unter diesem Namen bisher seinen Dancefloor-Output herausbrachte. Musik jenseits des Clubs, wie Ambient, Downtempo und Folk veröffentlichte er bisher unter anderen Namen. Sein nunmehr viertes Album als Earth Trax, Closer Now, tanzt da etwas aus der Reihe, bricht die Dominanz von Kick und Bass auf und lässt frischen Wind einziehen.

Eindrucksvoll zeigt sich die neu gewonnene Vielfalt auf „Porcelain”, das als filigranes Ambientstück anfängt und im weiteren Verlauf eine treibende Geschwindigkeit und Dynamik aufnimmt, ganz ohne brachial zu werden. Exemplarisch für die zweite Hälfte des Albums, geprägt von IDM- und Electronica-Anleihen, steht mit „Pied Piper” ein gelassener und verträumter Track, auf dem nur noch die Palette der Sounds den Bezug zur Tanzfläche erahnen lässt. Diese Vielfalt tut dem Album sichtlich gut und schafft es, einen Spannungsbogen aufrechtzuerhalten, den man auf Earth Trax’ vorigen Alben vermisste. Christoph Umhau

Erika – Anevite Void (Interdimensional Transmissions)

Erika Sherman bildet zusammen mit Brendan M. Gillen alias BMG das Electro-Duo Ectomorph, zusammen betreiben sie außerdem das Label Interdimensional Transmissions.

Anevite Void, Erikas zweites Soloalbum, ist geprägt von der Live-Umsetzung ihrer Musik, oder, besser gesagt, die Stücke erhalten durch die Möglichkeiten der Performance ihre spezifische Gestalt. Das Album beginnt mit zwei ruhigen, unclubbigen Tracks, gefolgt von „Obsidian Sunset”, das zum ersten Mal Electro-DNA in sich trägt, aber auch eine Ahnung von Four-To-The-Floor und wieder ambienten Arrangement-Elementen. Bemerkenswert an dem Track ist das Zusammenspiel seines ruhigen Anteils und des eher aus Jungle und anderen Bass-Music-Varianten bekannten Synthie-Basses, der eindeutig auf den Dancefloor schielt, nur noch nicht richtig von der Leine gelassen wird.

Das geschieht im Laufe der folgenden Tracks, schon im nächsten treibt ein ähnlicher Bass das Stück in Sechs-über-vier-Taktung unwiderstehlich nach vorne, bis eine bleepige Synthie-Sequenz einsetzt, die das Album endgültig im Club ankommen lässt. Tolle Dramaturgie, klasse Aufbau, was zu einem Gutteil der großen Live-Erfahrung von Sherman und Ectomorph zu verdanken sein dürfte.

Die nächsten vier Stücke greifen wieder die etwas verhaltene, aber gleichzeitig einnehmende Stimmung von „Obsidian Sunset” auf, um das Album dann in einem langsam schreitenden Analogsynthie-Trauermarsch enden zu lassen. Was für ein Trip! Mathias Schaffhäuser

Fiesta Soundsystem – Sinking (YUKU)

Hier gibt es mehr Druck als bei Flyeralarm, eine ganz spezifische Art von pressure: metallen, mechanisch, maschinengemacht. Fiesta Soundsystem operiert am pochenden Herzen des Hardcore Continuums. Das Ergebnis klingt fordernd und legt eine so breite wie exakte Dystopie zukünftiger Innenstadtmusik an.

In klinischer Kälte heben die Cutter-Beats von „Delphic Scent” an. In seinem Auf und Abschwellen, dem Ruhen in Tiefstfrequenztälern, dem Blinken, dem Verkrümmen von Menschenklängen hat es etwas von der Exposition einer Symphonie. Denn im Laufe des Albums träumen Synthesizer und liegen dabei in sich stetig wandelnden Hängematten von Breakbeats, fällt ein Track beinahe auseinander und hält im letzten Moment doch noch die Spannung, bleibt überhaupt die musikalische Form die Referenz. So erklären sich auch die verschrobenen Namen der Stücke, die klingen wie aus Hacker-Foren oder von Warp-EPs Mitte der Neunziger.

Die Zählzeit von „diaphphanousdiaphophresis“ etwa gibt der britische Produzent mit 90 Beats pro Minute an, der Körper versucht die ganze Zeit auf 180 BPM zu tanzen, und wegen der Verdrehung von Bass- und Drum-Programmierung sucht das Hirn den 360er-Schlag. So gerinnt Hören zur körperlichen Ertüchtigung.
Auf ruhigeren Stücken wie „2nd (x)-elfout” zeigt Fiesta Soundsystem auch Stärken im Anlegen von Atmosphärischem, und auch da verzichtet er auf schlicht geloopte Beats. All seine Sounds auf Sinking verwundern dabei durch ihre Körperhaftigkeit. Sie vermag Wucht zu entfalten. Christoph Braun

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