Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.
GiGi FM – Shelter Our Time (Sea-rène)
GiGi FM kehrt zu ihren Wurzeln zurück. Nachdem die Tänzerin, DJ und Produzentin ihren Fokus zuletzt auf hypnotischen Techno gelegt hatte, darf auf Shelter Our Time ihre erste musikalische Liebe durchscheinen: Jungle. Auf fünf Tracks verbindet die Italo-Französin poppig angehauchten Liquid Drum ’n‘ Bass erstmals mit ihrer eigenen Stimme.
Wie schon so oft bei ihren Releases geht es auch auf dieser EP um die Verbindung von Körper, Rhythmus und Bewegung, um ihre eigene Art von Therapie und Schmerzbewältigung. Von ihrer Ausbildung am Pariser Opernballett zu Londoner Squat-Parties zu ihren heutigen Produktionen: Der gesamte Werdegang ist hier präsent und wirkt durch die Melodien und Gigis Gesang nochmal deutlich emotionaler als auf ihren auf die Texturen bezogenen Techno-Releases. Leopold Hutter

Lord of the Isles – Venus Flux (Far Blue)
Der Lord Of The Isles bereist auf seiner jüngsten EP die Schottische See, scheint sich aber bevorzugt in den nördlichen Regionen zu halten. Für die Hälfte von Venus Flux vertieft er sich in Dub-Techno-Zonen mit frösteligem Hall über stoischem Beat. Wobei er auch hier seine Vorliebe für Deep House erkennen lässt, hat „Betuladub“ doch ein recht straffes Tempo, und mit dem Echo setzt er eher knappe Akzente, statt sich ausschweifend in Nebelschwaden zu verlieren. Noch konsequenter verfolgt er diesen Ansatz beim „Pedaldub“, der seine Akkorde fast tänzelnd synkopiert. Am schönsten sind aber Eingang und Ausklang der EP.
So verzichtet „Mushroom Talk“ auf Drumcomputereinsatz und konzentriert sich ganz auf kreiselnde Loops, aus denen sich der Hauch einer Melodie herausschält, auch diese mit Hall, doch nie dick aufgetragen, sondern schonend balanciert. Im Titeltrack dann ein verschleppter Electrobeat, dazu träge wolkenverhangene Akkorde, mit denen LOTI eine dieser verträumten Stimmungen schafft, wie wohl nur er sie hinbekommt. Tim Caspar Boehme

Machinedrum – BL00MS (IAMSIAM)
Mit BL00MS präsentiert Machinedrum ein erstes (Mini-)Album auf dem eigenen neuen Label IAMSIAM nach dem Ninja-Tune-Exit. Nach dreizehn Jahren auf der Londoner Plattform ein Neubeginn für ihn, wie er selbst sagt. Er habe sich von den Vocal-Features der letzten Alben verabschiedet und kehre nun zur Instrumentalmusik zurück. Da ist der Titel BL00MS für Blüte oder Erblühen gut gewählt, treibt sein ihm eigener Bass-Music-Sound hier doch Blüten in alle Richtungen.
Über den Verlauf der sechs Tracks der Platte wandert Machinedrum von UK Bass zu Jungle-inspirierten Stücken, von R’n’B-Anleihen zu lose swingenden Garage-Versatzstücken. Dabei verbandelt er in jeder einzelnen Nummer all diese Einflüsse zu einem organischen Strauß audiophiler Blüten, der die Zuhörer in einen rauschhaften Zustand versetzt. Gerade so, als würde er über ein in voller Blüte stehendes Mohnfeld tollen. Und auch eine gerade Bassdrum darf nicht fehlen, wenn auch erst im letzten Track, der mit gechopten Vocals und hyperventilierenden Melodie-Sequenz in Trance versetzt. Allen Stücken eigen ist dabei eine sehnsuchtsvolle, melancholische Schönheit – aber auch genug Druck, um auf dem Dancefloor zu bestehen. Fürwahr ein grandioser Neubeginn für Machinedrum. Tim Lorenz

Per Hammar – Sidewinder EP (Craigie Knowes)
Ein Label-Debüt macht eine Platte oft zu etwas Besonderem. Als DJ und Produzent möchte man in so einem Moment zeigen, wofür man steht, den eigenen Sound präsentieren und vielleicht auch ein neues Publikum erreichen. Mit Mit der Sidewinder EP liefert der schwedische DJ Per Hammar genau so ein Debüt. Erschienen auf dem britischen Label Craigie Knowes, haben die vier Tracks der EP allesamt eine Gemeinsamkeit: Sie schaffen ein Feuerwerk aus Dancefloor-Energie, der man sich kaum entziehen kann.
Die titelgebende Nummer zeichnet sich durch eine rollende, dominante Bassline aus, die den Track zwar dominiert, zum Ende hin aber noch einmal durch melodische Synths aufgebrochen wird. „Viper“ ist im Vergleich deutlich reduzierter, verliert dabei jedoch nichts an Energie. Wer an dieser Stelle der EP Atmosphäre vermisst, wird spätestens von „Afterglow“ wieder vollkommen hineingezogen. Der Track überzeugt mit einer schwebenden, beinahe schwerelosen Stimmung und glänzenden Synth-Welten, die sich langsam entfalten und den Dancefloor emotional aufladen. „Mono Boy“ beendet die EP schließlich mit einem kompromisslosen, rhythmus-geladenen, aber reduzierten Sound. Die Platte zeigt unweigerlich Per Hammars Gespür für Produktion und Rhythmus: Jede Nuance, jeder Sound, jede Bassline und jedes Detail greifen präzise ineinander und schaffen einen mitreißenden Groove. Daniel Böglmüller

Teste – Erased From Memory (KR3 Records)
Hell ist dunkel, dunkel ist hell – das Cover dieser EP deutet es an. Doch erst die Musik offenbart, was Teste hier nach sechs Jahren Release-Pause wirklich vorhaben: eine kompromisslose Rückkehr zu Industrial Techno als physischen Sound für den Dancefloor. Das französische Duo um David Foster und Martin Maischein, seit den 1990ern eine feste Größe zwischen EBM, Industrial und Techno, setzt mit Erased From Memory ein hochkonzentriertes Statement. „Eaves“ eröffnet mit langsamem, halligem Drumming, dubartigen Räumen und fein eingestreuten Glitches. Es fühlt sich an wie der Countdown eines Raumschiffs: Der Motor-Bass wird angeworfen, alles vibriert, aber noch hebt nichts ab. Spannung entsteht aus Zurückhaltung. „Administration of Fear“ zieht dann gnadenlos nach vorne – schneller Rhythmus, massiver Subbass, scheinbar endlose Loops ohne klassischen Höhepunkt. Erst allmählich verdichtet sich das Schlagwerk, wird trockener und reduzierter. Auf der B-Seite macht „Boxer’s Omen“ nochmals Tempo. Auch hier – der Subbass ist brutal, Stimmen und Fragmente wirken wie Splitter aus einem nächtlichen Großstadtfilm – Soundtrack für ein modernes Kino der Dunkelheit. „Demonische Presenze“ schließlich führt die Logik des Covers zu Ende: Music from the dark side. Repetitiv, ritualhaft, mit kurzen Pausen, in denen ein Dämon auf scheinbar holprigen Füßen um die Ecke kommt. Minimalste Verschiebungen erzeugen Unruhe. Visuell getragen wird das Release von der Arbeit des verstorbenen Juan Mendez, der über sein Silent-Editions-Universum das Artwork entwarf. Liron Klangwart
