Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.
Click † Click – Strassen (BPitch)
Yo, gleich mal Kraftwerk im ersten Satz der Beipackbezetellung abgestaubt, weil: Soll ja sofort klicken, das. Das heißt, vier Tracks aus der Sesamstraße, keine Entwicklungspsychologie und also zero Füller-Intros, wo semigeiler Ambient wie eine Entschuldigung das unvermeidbare Techno-ABC ankündigt. Strassen, das Debüt auf BPitch von Click † Click, ist eher unvermittelte Sonntagnachmittagsbetreuung für unvermittelbare Kindsköpfe im Erwachsenenalter. Zwischendurch landen kurz mal die Aliens auf der Verteilerbrücke, da kann man nichts machen, da muss man die Köpfe einziehen. Dann wieder: Techno wie von Truncate, damals, früher, irgendwann. Und immer wieder geil. Christoph Benkeser

Donato Dozzy – Hypno Trance (Spazio Disponibile)
Lasst die Darkness hinter euch, schüttelt den Staub der letzten Monate von euren Körpern und lasst den Endorphinen freien Lauf. Hypno Trance von Donato Dozzy ist genau dieser Moment, in dem Techno nicht nur in die Nacht ziehen kann, sondern eben auch mal ins Licht. Keine Flucht, kein Druck, kein dystopischer Unterton – stattdessen ein offener, treibender Rhythmus, der den Körper aktiviert und den Kopf freimacht.
Dozzy droppt drei Hypno-Tools auf Spazio Disponibile – Nero, die klare Statements sind. Positiver Tribal Techno im besten Sinne: erdig, organisch, vorwärtsgewandt. Die Grooves sind hypnotisch, aber nie lähmend, vielmehr anschiebend, wie ein kollektiver Schritt nach vorne. Der Opener, der perfekte Track für den ersten Tanz in den Frühling, baut sich langsam und unaufhaltsam auf. Die Kick rollt warm, kleine, kluge Verschiebungen bauen den Flow auf, alles greift ineinander, ohne dass je einzelne Elemente dominieren. Es ist diese dozzy-typische Geduld, dieses Vertrauen in den Loop, das hier eine fast therapeutische Wirkung entfaltet: Man merkt, wie sich Schultern lockern, wie die Beine den Rhythmus übernehmen, wie sich der Körper rekalibriert. Die folgenden Stücke verdichten das Prinzip. Kürzer, fokussierter, noch klarer auf das Tempo ausgerichtet. Gute Tribal-Erinnerungen blitzen auf, ohne jemals folkloristisch zu werden, das Trance-Feeling bleibt hell, offen, atmend. Keine Drops, keine großen Gesten – nur ein konstanter Flow, der trägt. Musik, die in den Mai einlädt. Der dritte Track ist mein Favorit, er kommt auf fetten Soundanlagen mit seinem sich steigernden 3D-Helicopter-Sound klasse. Hypno Trance ist mehr als eine Club-EP. Es ist ein Gegenentwurf zur Schwere vieler Dancefloor-Produktionen der letzten Jahre. Ein leises, aber bestimmtes Statement: Techno darf wieder warm sein, körperlich, gemeinschaftlich. Perfekte Musik, um in den Mai zu tanzen – und vielleicht auch, um sich selbst ein Stück zurückzuholen. Liron Klangwart

Katerina – Natural High (ESP Institute)
Eine Platte, die nie aufhört. Trance- und Pop-Anklänge, ohne dass der Peinlichkeits-Sensor ausschlagen würde, unterfüttert mit Basslines, die Gesichter haben. Fröhliche, manchmal zu fröhliche. Formvollendete Beseelung im Loop-Format, Selbstausdruck, der nicht mehr Platz einnimmt als der Nebenmann braucht. Jeder Tag bleibt ein solcher, und geht deshalb nie vorüber. Nicht das Hirn, sondern die Füße werden Brei, das ist ein sogenanntes Natural High. Dance Music, gemacht am Nordpolarkreis. Für die annual journey around the sun, wie die Pressextbeauftragten vom ESP Institute es ausdrücken. Auf einzelne Tracks kommt es dabei nicht an, einer heißt aber „Solstice”, womit über diese EP alles gesagt ist. Produziert hat sie Katerina. Sie versteht sich seit Jahren darauf, Dancefloors am Leben zu erhalten. Nicht weil’s sein muss, nicht um jeden Preis, sondern weil’s Spaß macht. Maximilian Fritz
Hörbeispiele findet ihr hier.

Untold – HEK036 (Hemlock)
Irgendwo in den Tiefen einer dunstverhangenen und regenerierten Stammkneipe steht inmitten von Brandfleckenmandala und Lokal-Ultra-Sticker-Tapezierung unleserlich gekritzelt: „Du sollst mal wieder lauschen, statt unentwegt zu plauschen” – und: Weil Glückskeksphilosophie nährwerter anmaßt als die dreijährige Analysecouchverwölbung, packt man die Gelegenheit beim Schopfe und tischt der verkümmerten Akustikmuschel mal wieder was Gehaltvolles auf. Die hat nämlich genug von unverbesserlicher Cloudcore-Bagage, avantgardistischer Sprechwort-Hypnotik und unterwältigender Drei-Akkord-Bebalsamung. Nun, eh!, die eigene Hörgewohnheits-Diskette mal wieder gehörig durchpusten, den Fruity-Loops-Knigge aufschlagen und sich darauf einigen: Low-End ist besser als High-End. Und gerade: In der Subbass-Rotation ist das letzte Wort längst nicht gesprochen, es ist, ehm: Untold.
Der, oder: Jack Dunning, kehrt nämlich nach neun Jahren des bassmusikalischen Exils an die alte Hemlock’sche Produktionsstätte zurück und hat einen neuen Fünf-Track-Einspieler im Gepäck. Der Opener kommt im frühsommerlichen Early-Bird-Show-Feel daher: Mit balearischen Keys, verspielt-reduzierter Drum-Schleife und harmonischem Tieftongewaber, das im Fundbüro von Crooks & Lovers auftauchen könnte.
„Good Shoelaces” klingt wie wie die bewusst unterproduzierte Garageband-Ausformung eines Dancehall-Tracks, der um dissonante Free-Jazz-Soundfragmente ergänzt wird und dadurch ein Gefühl zwischen Entfremdung und Ekstase befördert. Das abschließende „Dogfooding” ist eine dekonstruierte Slow-Tech-Nummer mit gebrochenem Loop, der in der ryhthmischen Reduktion an LAS und im assoziativen Arrangement der Synths an die klangspirituelle Exploration eines Mala in Cuba erinnert. Eine Hörerfahrung, die etwas aus der Zeit gefallen scheint, dabei aber originell genug ist und gerade deswegen gefällt. Hater würden sagen: UK-Bass-Antiquariat, darauf sage ich – Basshead (30), männlich, sucht: Früher war alles bässer.

Wax – 11110 (nOWtRecordings)
EQD, STP, Head High, The Panamax Project, Sigg Gonzalez, War Easy Made, WK7, The Traveller oder, am bekanntesten, Shed. Unter all diesen Pseudonym veröffentlicht Veteran René Pawlowitz seine Musik, als Wax nun No. 11110 auf NOWT Music. Stilistisch bewegen sich seine Veröffentlichungen unter diesem Alias zwischen House und Techno und liefern ein charakteristisches, tiefes und dub-geprägtes Klangbild. Jüngere Releases wie 70007 (2019) und 90009 (2024) sind exzellente Beispiele dafür.
Auch 11110 folgt diesem Ansatz. „11110A” setzt auf einen konstanten Puls, eingebettet in weiche Pads und rauschende Texturen. „11110B” öffnet den Klangraum etwas stärker und stellt einen loopartigen, bassgetragenen Groove in den Mittelpunkt. Beide Tracks bleiben dabei eher zurückgenommen und fokussieren sich auf Atmosphäre statt auf große Peaktime-Drops. Die Platte zeigt eindrucksvoll die jahrzehntelange Erfahrung des Pioniers. Daniel Böglmüller
