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Dona vs. DJ Plant Texture – Mistress 18 & Mistress 18.5 (Mistress)
DJ Plant Texture alias Dona produziert seit den frühen 2000er-Jahren unterschiedliche Spielarten der elektronischen Musik. Der italienische Künstler tritt nun auf dem Label Mistress von DVS1 auf und steuert mit Mistress 18 und Mistress 18.5 zwei EPs bei. Darauf befindet sich der Künstler im Duell mit sich selbst.
Den Anfang macht das oldschoolige „Please”, das Detroit reminisziert. „Avoiding The Bro Game” ist ein schneller Dancefloor-Banger, der nach der Hälfte mit einer sanft-subtilen Synthie-Spur beschenkt. Auf Mistress 18.5 fängt „City With No Fear (DJ Plant Texture Outro World Mix)” mit einem futuristisch anmutenden Beat an und wird von Tribal-Drums ergänzt. Völlig unerwartet legt der Track einen U-Turn hin, und man findet sich in einem außerirdischen, weitschweifigen Outro wieder. Dieser abrupte Wechsel ist lässig und irgendwie passend zum bisherigen Sound, einem Potpourri aus elektronischer Musik und ihren unterschiedlichen Einflüssen. „I Can See That Yellow Sky” folgt dem Outro soundtechnisch in die stimmungsvolle Richtung und hinterlässt ein positives Gefühl – was für fast jeden Track gilt und beide EPs mit einem Ausrufezeichen versieht. Robert Zimmermeier

Nice Girl – Part 1 (Public Possession)
Nach einer kurzen Pause kehrt Nice Girl mit der frischen Zwei-Track-EP Part 1 zurück und knüpft dabei qualitativ nahtlos an ihre bisherigen Veröffentlichungen an. Die Künstlerin aus Neuseeland versteht es einmal mehr, sich frei durch den scheinbar grenzenlosen Kosmos tanzbarer Musik zu bewegen, ohne sich dabei von stilistischen Grenzen einschränken zu lassen.
„Express” entfaltet sich als weitläufige, detailverliebte Hommage an die Glanzzeiten des Nu Disco. Warme Grooves und ein Gefühl von Schwerelosigkeit erzeugen eine fast schon kosmische Atmosphäre, die gleichermaßen nostalgisch wie zeitlos wirkt. Mit „Don’t Stop” schlägt die EP eine deutlich direktere Richtung ein: ein kraftvoller, vorwärts drängender Track, der mit seinem rollenden Groove und seiner rohen Energie klar auf die Peaktime abzielt – ordentlich Bewegung und kollektive Ekstase auf dem Dancefloor. Zwei Tracks, die unterschiedliche Facetten zeigen und dennoch perfekt zusammen funktionieren. Daniel Böglmüller

Rene Wise – Johnson’s Theme (Dekmantel UFO Series)
Der Wise bedient das, was der Fußballfachjargon gerne mal Pressing nennt. Soll heißen: Hier macht jemand Druck. Und zwar von hinten. Und von vorne. Ja, eigentlich von innen heraus. Johnson’s Theme erscheint bei Dekmantels UFO-Serie, was wiederum passt, wenn man weiß, dass wir schon lange nicht mehr auf dem Mond waren. Und dass der Druck auf dem Mond circa null ist. Was eher schlecht ist für die Überlebenschancen des Menschen. Aber gut für jene des Techno. Denn der Wise, der agiert nicht im luftleeren Raum, fabriziert also das Gegenteil von Schwerelosigkeit. So dreht man sich zwar auch nur im Kreis, um nicht zu sagen: im Hyperloop. Aber wer – wie im ersten Track – Mathew meint und Jonson sagt, weiß immerhin, wie das funktioniert mit dem Druckausgleich. Christoph Benkeser

Tristan Arp – (re)weave (Kapsela)
Wir weben, wir weben – ein Glück müssen sich passionierte Berufsweber:innen im Digitalzeitalter nicht mehr mit einem Leben am Existenzminimum rumschlagen, sondern flicken nurmehr Klangteppiche. Tristan Arp braucht folglich kein Schiffchen und keinen analogen Faden, sondern erzeugt seine Musik mit mutmaßlich unversehrten Händen am Laptop. Was dabei auf der fünften Veröffentlichung auf Objekts Label Kapsela entsteht, rückt ihn einerseits in die Nähe von Bass-Music-Acts wie Anunaku, offenbart zugleich schwergewichtige Sumo-Tech-House-Signaturen wie manche Veröffentlichungen auf Wisdom Teeth.
„Shapeshifting Dub” greift im Titel das vielfach durchdeklinierte Motiv des Gestaltwandlers auf. Man wähnt sich auch hier im Dschungel, hetzt unter Perkussionsgeprassel aber an menschlichen Fratzen vorbei wie in Forest Drive Wests Treibjagden. Wobei: Tristan Arp hat das Innehalten zur Kunstform erhoben. Wo andernorts das nächste Eskalationsniveau erklommen wird, lässt er sich Zeit für Breaks, etwa ergiebige Spannungsverhältnisse aus Hassell’schen Fourth-World-Bläsern und forderndem Stressgetrommel. „Von Shapeshifting Dub” ist es nicht weit zum „Mutable Field” – die anhaltende Veränderungsobsession dieser EP ergibt sich aus dem Privatleben des Interpreten, dessen labyrinthische Kapriolen zwischen Mexiko, New York, Detroit und schließlich London er in Tracks gefasst hat, die den Globus als Freilaufgehege interpretieren. „Forking Paths” spielt clever mit Lautstärke, prozessierten Harfen und einem Downtempo-Beat, der an Trip-Hop-Großtaten aus den Neunzigern oder einfach Four Tet erinnert und mit seinem Detailreichtum Erinnerungen an den ein oder anderen Lockdown weckt, als man Zeit und Muße hatte, um Musik zu sezieren. Auch „Wish Server” hat kein Messer mehr zwischen den Zähnen, sondern robbt sich auf „Rhubarb”-Chords durch den Botanischen Garten – nicht labyrinthisch, aber engmaschig. Maximilian Fritz

TSVI – Dance Tripping EP (Nervous Horizon)
Schmeckt gut, dieser Nuss-Mix. Also, bevor man genauer hinschaut und bemerkt: Es war nur eine einzige Macadamia in der Tüte. Dafür: Massenhaft gepellte Impostor-Haselnüsse. Was tun? Das Internet sagt, Rosinen sind keine Cranberries. Gut. Und die Leitung zum Kundenservice bleibt ein nebelverhangener Spießrutenlauf. Während man also gänzlich willenlos in der auditiven Warteschleife hängt, dämmert es langsam, gefolgt vom fröstelnden Gefühl menschlicher Ohnmacht. Wer hat das Nussbeutelchen befüllt? Passiert das systematisch oder bin ich ein Einzelschicksal? Und mal ganz generell gefragt: Wem kann man noch trauen?
Die Antwort: TSVI, denn seine neue fünfgliedrige Kurzspielplatte auf Nervous Horizon dürfte dem Verbraucherschutz keine Kopfschmerzen bereiten. Und hier ist wirklich nur das drin , was draufsteht, angefangen bei „Music is Moving”. Das ist eine drückende Speed-Garage-Nummer mit eingebauter Bassrutsche und verklausulierendem Synthesizer-Geschwurbel. Eine musikalische Einbahnstraße im bestmöglichen Sinn. Auch „Kataklysm” ist mit dem Motiv der zerstörerischen Naturgewalt weniger theologisches Fantasma als musikorthodoxe Verbindlichkeit. Das destruktive Element findet sich in Form einer ausgelassenen Latin-Bass-Rhythmik und den dazugehörigen Industrial-Noise-Anklängen wieder. Die gleiche morphologische Kulanz gilt auch für „Wasp Track”, das man besser wortwörtlich nimmt. Da zieht sich nämlich ein insektoider Oszillator durchs Geschehen, während ein drückender House-Bounce das Hüftgelenk in eine orthopädisch fragwürdige Position nach der anderen verschiebt. Der Künstler hält damit, was er verspricht, und kommt mit einer EP daher, die sich gekonnt auf Peaktime-Purismus und die sensorisch-dissonanten Abstecher zu verstehen weiß. Hier lässt sich es wahrlich dancen und trippen und eben: Aushalten. Jakob Senger
