OR – Music for Empty Stadiums (AD 93)
Fraktale sind endlose Wiederholungen ähnlicher geometrischer Formen. Wir kennen sie aus der Natur (der grüne Romanesco-Brokkoli ist ein Fraktal, ebenso viele Baumarten), von Kristallen und Galaxienhaufen. Mit ihren endlosen, organischen Abfolgen eigneten sich die geometrischen Formen dazu, die erste Phase der Rave-Kultur zu bebildern. Sie sind bunt und waren gerade mal ein Jahrzehnt vor 1990 von Benoît Mandelbrot „entdeckt“ worden, als geometrische Formeln, die auch als visuelle Darstellung Wirklichkeit beschreiben können. Und mit ihrer Acid-Ästhetik passten sie gut auf die Party-Flyer, in die Video-Clips und auf die abgefahrenen Websites der ersten ravenden Gesellschaften. John Talabot, der sich für sein Album Music for Empty Stadiums erstmals OR nennt, bedient sich dieser Form der Fraktale. Und gar nicht mal in erster Linie ästhetisch. Denn die 17 Tracks auf über 90 Minuten wirken modern und originell. Sie greifen auf keine bestimmte Geschichte zurück.
Aus Stücken wie „Trancient“ oder „Nokik Messiah“ scheint aber etwas durch: die nervösen, zackigen, zickigen Hochenergie-Synthesizer klingen, als hätte OR ihnen Fraktale als Klangform verpasst. In derart geometrischer Schönheit verklingen die Cluster: sauber gearbeitet, nie ganz am Ende oder bei null ankommend, eine Wiederholung ohne Ende andeutend. Und der DJ, Produzent und Betreiber des Labels Hivern Discs aus Barcelona schafft damit eine ganz charakteristische Form. In den Vorankündigungen fällt zwar öfter das Wort „Ambient“, um Music for Empty Stadiums zu beschreiben. Doch so ganz passen will das Etikett nicht: Tracks wie „Strings Of Death“ oder „Ginger & Miyake“ stechen in ihrer schrillen Eckigkeit hervor, und „Crowdpleaser“ wirkt sogar wie die Parodie stadiontauglicher Haarschwenkerei mit anderen musikalischen Mitteln. Beats mit mehr als 150 Sachen führen auch nicht gerade zur Entspannung im Chill-Out-Zelt.
Trance ohne Beats passt da schon besser. Dass OR auch dabei zu unerwarteten Tricks greift, war da schon zu erwarten. Um das Jahr 2010 waren die Namen John Talabot und Hivern Discs schnell in der Welt, der Dancefloor-Hit „Sunshine“ von 2009 half dabei. Es folgten das Album Fin und die DJ-Kicks (2013 und 2014), danach begann Talabot, unaufhörlich zu touren. Um die Welt. Und es wäre wohl ewig so weitergegangen, wäre da nicht der Virus gekommen. Corona setzte dem Reisen ein Ende. Dem Reisen und dem Grund des Reisens, dem Raven. Und so haben wir jetzt alle wenigstens noch ein kleines bisschen von den Jahren der Abgeschiedenheit: einen dezidierten Klang-Entwurf und das neue Pseudonym OR. Es steht für Gold und für die Initialen seines bürgerlichen Namen, Oriol Riverola.
Euphorie klingt hier immer wieder heraus, etwa im Zirpen von „Barroque“, im superschnellen „Terrace Continuum“ und in den Heiligenscheinen des Schlussstücks „Serotonin Bliss Blues“. Im Letztgenannten schälen sich die Rave-Strahlen nur langsam aus der Post-Dancefloor-Ermattung. Sie recken und necken sich und beugen sich schließlich über den Track und das Album wie pfundskerlige Pflanzen. So kommt ein Album zum Schluss, das ebenso ein Solo-Ding ist und für sich steht. Ein Album, das wegen seines Fehlens von Beats jedoch Mix-Material ist. „OR“ kann nun mit auf die Fahrt, denn nun kann Riverola ja wieder nach Tokio und nach Palma de Mallorca, um die selbstähnlichen Formwiederholungen in die Welt zu setzen.