Die Platten der Woche mit Jeff Mills, Mia Koden, NVST, Orbe und R+R

Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.

Mia Koden – Decode Vol.2 (Ilian Tape)

Mit ihrer neuen EP zeigt die sudanesisch-britische Musikproduzentin und DJ aus London, wie variabel Reggae, Drum’n’Bass und elektronische Musik kombinierbar sind. Die vier Tracks bieten ein mosaikartiges Spektrum, in dem für alle Musikliebenden etwas dabei ist: Langsam, hypnotisch, tanzbar und vor allem vollkommen stimmig. Mit „A-killa Rift“ zeigt Mia Koden eine experimentelle Seite von Drum’n’Bass. Der Track spielt mit unterschiedlichen Effekten, die sich an den vielseitigen Beat anpassen. Ein Stück, das die Akzentsetzung des Hip-Hop mit sich trägt. Eine überraschende Wendung erzeugt „Slink“. Eine Reihe unerwarteter Stilwechsel zieht sich durch die rund viereinhalb Minuten. Die Produzentin setzt hier auf vergleichsweise langsame Breakbeat-Sounds und unterscheidet sich somit im Tempo stark vom ersten Track. Wiederkehrende Female-Vocals erzeugen einen Afro-House-Vibe, für den Koden bereits bekannt ist. In der zweiten Hälfte des Tracks setzen dann plötzlich schnelle, tanzbare Drums und Hi-Hats ein. Die Vermischung von Effekten könnte als überladen empfunden werden, klingt aber doch absolut schlüssig. Ganz wild wird es mit „Earshotta“: Der Track klingt wie eine Oldschool-Reggae-Nummer, und der langsame Beat klingt zum Ende hin nach Industrial. Abgerundet wird Decode Vol. 2 mit „Dread by Dawn“, der langsamsten der vier Nummern. Wieder bedient sich Koden bei Reggae-Sounds und ergänzt diese mit Vocals und minimalen, spacigen Soundelementen. Der rhythmische Beat bringt die Hörer:innen in eine andere, fast tranceartige Sphäre. Mia Koden deckt mit den Tracks eine ganze Bandbreite diverser Vorlieben ab, die trotz ihrer Gegensätze mit ihrem hypnotischen Grundton perfekt auf den Dancefloor abgestimmt sind. Madu Abeysekera

NVST — GODSPEED (Tresor) 

Mit GODSPEED knüpft NVST an jene gute Tradition, die das Berliner Label Tresor schon seit den frühen Neunzigern ausgezeichnet hat. Fünf Dance-Tracks, die rhythmisch immer wieder etwas anders klingen als man es erwartet. „Solid Baxter“ setzt zum Beispiel auf Broken Beats und eine Prise Acid, die sich langsam und unvermeidlich in die Gehirnwindungen schraubt. Psych-…! Dagegen zieht „Wide Spectrum“ das Tempo an, verschraubt die Beats mit Dub-Vocals (und wieder einer Acid-Line) – und kreiert so eine ziemlich fiebrige Stimmung. Auf der B-Seite wird es direkter. „The Wind Became Thunder“ treibt den Track am Ende mit einem geradlinigen Punch voran. NVST baut geschickt Glitches in seine Tracks ein. Am deutlichsten zeigt sich das bei „Firliner“, dem siebenminütigen Digital-Bonus und meinem Höhepunkt der EP. Der Track entwickelt sich aus verschobenen Sounds und spröden Beat-Fragmenten. Immer unter Spannung! NVST lässt bei dieser Klangreise Zeitgefühl und Orientierung verschwimmen. GODSPEED ist rough, ohne auf klangliche Präzision zu verzichten. Rhythmen dürfen sich hier entwickeln, selbst die geradlinigeren Passagen behalten etwas Unberechenbares. Eine feine EP aus der Techno-Hauptstadt, die den Geist früher Tresor-Platten weiterträgt. Liron Klangwart

R+R – L’essentiel (Secret Weapons)

Diese Platte entstand 1995 im Wohnzimmer von Ricardo Villalobos’ Eltern. Er nahm sie gemeinsam mit Roland Leesker auf, dem heutigen Manager von Chris Liebing. Anders als Villalobos’ spätere, verspielte und improvisierte Tracks kommt sie auf den Punkt. Musikalisch knüpft sie an den deepen, hypnotischen New-York-House der Zeit an, an Figuren wie Kerri Chandler oder Jerome Sydenham, und setzt ihn mit einer genial einfachen Drum-Figur um. Die Klangfülle und Komplexität von Villalobos’ Termiten-Sound schwingt trotzdem schon mit. Und dann taucht völlig unerwartet ein hymnisches Vocal auf, das uns mit der Naivität und Unmittelbarkeit der Frankfurter Houseszene jener Jahre konfrontiert. Alexis Waltz

Jeff Mills – Gamma Rays (c. 1995) (Axis)

Dreißig Jahre lagen diese vier Tracks auf Tonband, nun öffnet Jeff Mills sein Archiv: Gamma Rays (c.1995) versammelt „i4“, „i8“, „i6“ und „i2“, die 1995 für den bahnbrechenden DJ-Mix „Live at the Liquid Room“ entstanden, der Mills zu einem, wenn nicht dem Techno-DJ der 1990er machte. Die Tracks entstanden in derselben Zeit wie sein Hit „i9“, als er für Waveform Transmission 4 komponierte, ein Album, das nie erschien. Die vier Tracks entfalten nicht die Wirkung von „i9“, sind aber als Déjà-vu der Unmittelbarkeit und Drastik des damaligen Techno faszinierend. „i4“ arbeitet mit fauchenden Filtern, „i8“ klingt unterdrückt und unheimlich, wie ein Gang durch unterirdische Tunnel. Bei „i6“ zeigt sich der nervöse und ruhelose Mills, als den wir ihn in den 1990ern kennen und lieben gelernt haben. „i2“ erinnert mit seiner faszinierenden Mischung aus Präsenz und Ferne an „i9“. Alexis Waltz

Die EP könnt ihr hier vorhören. 

Orbe – Gradient (Orbe Records)

„Ständig auf der Suche, ohne ein Ende zu wünschen, lieber eine Überraschung als alles durchgeplant, so wirst du immer im neuen Zeitalter der Erde leben.“ – Die Selbstbeschreibung von Orbe Records bringt es auf den Punkt, was die neue EP des spanischen Produzenten ausmacht. Wer sich auf Gradient einlässt, bekommt keinen kalkulierten Peak-Time Techno, sondern eine Reise in weit entfernte, vernebelte Sphären.

Schon der Einstieg macht unmissverständlich klar, wohin euch der spanische Produzent mitnimmt : Tiefe, schleifende Bässe und eine unerbittliche, monotone Grundspannung bauen sich auf, bis plötzlich alienartige Funksignale, Roboter-Surren und kosmische Strahlungen den Raum durchqueren. Es fühlt sich ein bisschen an wie in einem verlassenen Kontrollraum in einer fernen Galaxie. Über die vier Tracks hinweg verdichtet Orbe diesen Sound zu einem hypnotischen Sog. Die Rhythmik zieht spürbar an, die Tracks gewinnen an Geschwindigkeit und werden von hallenden Klängen und wuchtigen, posaunenartigen Sub-Bässen getragen, die eine enorme Räumliche Tiefe erzeugen.

Dabei setzt Orbe auf subtile Soundexperimente: mal blitzen helle, strahlende Synths auf und mal sorgen organische Bongo-Takt-Elemente für unerwartete Texturen im ansonsten stoischen Maschinen-Groove.

Eine kompromisslose, düstere und hoch atmosphärische Techno-Platte für tiefe Stunden im Club oder die ganz bewusste Kopfhörerreise im Dunkeln. Mascha Schaper

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