Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.
Altinbas – Beyond The Veil (Ostgut Ton)
Viertel vor sieben, kein Promogequatsche jetzt, bitte, keine Marketinglyrik von wegen kosmischer Symbiose oder organischer Soundarchitektur oder oder oder. Aber Altinbas macht es uns einfach. Der Belgier macht nach Platten auf SK_Eleven und Token und Fuse auf Ostgut Ton ja einfach das, wovor sich das stumpfe Baukastengeballer unserer Gegenwart seit Jahren fürchtet: Tiefe, man muss es dazu sagen, richtig tiefe Tiefe. Dafür muss er gar nichts neu erfinden, er tut nicht mal so, als bräuchte der alte Träcker noch einen zweiten Lenker. Einfach Basstrommel, bumm, gebimmelt und geklatscht und an den richtigen Stellen die tollen Emotionen. Das macht Altinbas fünf Mal und fünf Mal funktioniert es so gut wie immer. Erinnert mich an Funktionskleidung, die ist modisch unbedingt antizyklisch, das heißt: Sie kommt immer mal wieder vom Zwölftausender runter. Aber wenn man erst mal verstanden hat, dass man immer dann kauft, wenn alle anderen verkaufen, ist der ganze Zirkus auch nur ein Zelt ohne Dach. Christoph Gleich

Rene Wise – Moving Pressure 07 (Moving Pressure)
Während viele Produktionen aktuell vor allem auf Tempo und Effekt-Maximierung setzen, bleibt Rene Wise auf der siebten Veröffentlichung seines Labels Moving Pressure seiner klaren Linie treu: kompromissloser, tiefenwirksamer Techno, der gezielt auf die Dynamik zwischen Soundsystem und Körper setzt.
Der Opener „Lizard Lurker“ etabliert sofort einen düsteren, fast außerirdischen Sound. Die Synth-Frequenzen und treibenden Tiefen erzeugen einen weiten, hallenden Raum, der eine geradezu greifbare Spannung mit sich bringt. „Fear of the Dark“ erhöht im Anschluss den Druck deutlich: schwere Bässe und ritualistische, organisch wirkende Percussion-Arbeit verleihen dem Track eine starke Bildsprache, die dem Namen nahekommt. Auf der Rückseite treibt „Night Time Swim“ den dreidimensionalen Soundansatz auf die Spitze: sphärische Synths treffen auf scharfe, richtungsweisende Cuts. Das Finale „Fahrenheit“ zieht mit mystischen Vocals und präziser Soundkulisse vollends in den Bann. So ist die MP07 ein herausragendes Beispiel für Club-Tools, die ohne viel Ballast durch funktionelles Sounddesign ganz neue Ebenen eröffnen. Mascha Schaper

Peverelist – Pace The Wrecks EP (Livity Sound)
Die neue EP von Tom Ford aka Peverelist bewegt sich wie so viele Veröffentlichungen des Briten im Zwischenraum von Techno/House und Bassmusik. Doch während die letzten Jahre im Rahmen der Pulse-Reihe standen, verschiebt Peverelist mit Pace The Wrecks den Fokus subtil. „Wreck I” glitzert mit housigen Sci-Fi-Synths, während der bassige Unterbau noch immer nach Toms Heimatstadt Bristol klingt. Auf „Wreck II” regieren schnelle, electroide Arpeggios, „Wreck III” dann wieder im Zeichen britischer Bleep/Electro-Traditionen: basslastig, verspielt und gleichzeitig jacking. Die letzte Nummer ist deutlich gebrochener und luftiger, reduziert und sogar mit Bezügen zur Ursuppe aus Detroit.
Interessant an dieser neuen Wrecks-Reihe also, dass Peverelist weiterhin Beziehungen zwischen Genres aufzeigt, anstatt strikt einer Formel nachzuwerkeln. Die Ergebnisse seiner Experimente zwischen Rhythmus und Clubfunktion der Pulse-EPs werden hier clever auf klassischere House/Techno/Electro-Formen angewendet, ohne den „Bristol Bass” aus den Augen zu verlieren. Leopold Hutter

Slimy Ape – Invasive Species (Menace)
Slimy Ape ist gerade von Leeds nach Manchester umgezogen, weil dort mehr los ist. Immer knurrt was, immer rauscht es auf esiner neuen 4-Track-EP. Die Koordinaten dieses ziemlich offenen Raums bilden Dub, Dubstep & Grime. Und so schiebt sich ein schrotig gemahlener Rap unter den Klöppel-Offbeat von „Flow State”, dem Eröffnungsstück. Mannigfach holtert und poltert es zurück. Das Titelstück geht noch deutlicher in die Layering-Offensive. Unter dem gebrochenen 4-to-the-Floor-Beat und den verwehenden Basskeys schwirren weitere, kaum hörbare Lagen, bis hin zum Rauschen.
Eine futuristische Fanfare eröffnet „Twisted Root”, einem Two-Stepper mit industriell gefertigtem Schlagwerk. Auch hier wieder rufen comicartig hineingepflanzte Rap-Schnippsel die Ästhetik des Grime in Erinnerung. „Rumination” schwebt in House-Anmutung über seine warmen, runden Basslines hinweg. Nach seiner This Haze Has A Warm Hold-EP für Osmura bereits die zweite beachtenswerte Veröffentlichung des Slimy Ape. Christoph Braun

Losoul – Broken English Dubs (Logistic)
Ist das Low-soul oder High-soul – na ja, klingt auf jeden Fall nach viel Soul-fulness! Losoul, der Frankfurter Produzent Peter Kremeier, ist seit Mitte der Neunziger eine feste Größe des deutschen House-Undergrounds. Sein Sound ist geprägt von warmen Jazz-, Funk-, Soul-Samples und natürlich der Playhouse-Schule. Nach acht Jahren Pause meldet er sich nun mit Broken English Dubs zurück – und die klingen ziemlich fresh. Insgesamt strahlen Losouls Produktionen etwas angenehm Anachronistisches aus, denn besagte Samples dürfen hier noch Samples sein. Dennoch hat jeder der sechs Tracks seine eigene kompositorische DNA – ist eben in sich homogen und schlüssig. Und vor allem: Losoul ist weit von einem reinen retro-orientierten Sample-Sound der 90er und 00er Jahre entfernt.
„Shake 3” macht den Auftakt und seinem Namen alle Ehre. Bei dem Track sollte man unbedingt darauf warten, bis die Bass-Line einsetzt und weitere Zutaten eingestreut werden. Der Flow baut sich hier elegant nach und nach auf. Und dann: „Cult Rodeo” ist klasse, ein acht-minütiges Disco-Monster auf Downer, vor allem schleppend, fiebrig und mit eingestreuten Vocals. Losouls Stücke verfolgen durchaus einen unterschiedlichen kompositorischen Ansatz: „The Peek-A-Boo Scratch” ist zum Beispiel längst nicht so straight, sondern stattdessen ziemlich tricky. Broken Beat mit experimentelen Einschüben. „Trap Back” ist mein Favorit. Straight-ahead und zugleich dubby House. Neun Minuten für den Dancefloor „to take off”. Broken English Dubs erinnert daran, dass Clubmusik nicht immer alles neu erfinden muss, um aktueller denn je zu klingen. Liron Klangwart
