Photo: Aline von Spotz (Qnete)

Auf den ersten Blick scheint Qnete sich keine Pause zu gönnen: Kaum vier Jahre ist es her, dass Marvin Uhde mit seinen ersten Produktionen unter dem Alias im Umkreis des von ihm mitbegründeten Labels Drowned aus Bremen debütierte, seitdem kam noch viel hinterher. Neben weiteren EPs auf dem ebenfalls in der freien Hansestadt angesiedelten Label ZCKR und Stelldicheins bei Lobster ThereminBenjamin Brunns Wake Up!-Imprint fand der mittlerweile nach Leipzig übergesiedelte Produzent eine neue Heimat bei Ron Wilsons 777, wo zuletzt sein Debütalbum Play-Doh Stories erschien. Neben dem fleißigen Polyvinylchloridverbrauch macht Qnete jetzt allerdings auch in Textilien: Er ist eine der GründerInnen des Modelabels Can’t Decide. Ganz schön viel also, Zeit für insgesamt drei Mixe allerdings war dennoch da. Einer davon hat es in den Groove-Podcast geschafft.

 


 

Als Produzent und DJ hast du erstmals zu deiner Zeit im Bremen, unter anderem im Umfeld der Labels ZCKR und dem von dir mitbetriebenen Drowned auf dich aufmerksam gemacht und organisierst dort immer noch Veranstaltungen. Wie würdest du die Szene vor Ort charakterisieren?
Ich will jetzt hier nicht zu viel rummeckern, aber die Szene in Bremen hat gerade mit sehr grundlegenden Problemen zu kämpfen. Stell dir vor, du willst eine Party machen. Dann brauchst du einen Raum, ein paar DJs, eine Bar und ein bisschen Technik. Die letzten drei Sachen kriegt man selbst in Bremen gut organisiert, wobei das musikalische Innovationspotential meiner Meinung nach momentan nicht so besonders hoch ist – einige wenige Leute ausgenommen. Das mag aber auch daran liegen, dass es durch fehlende Partys zu wenig Vorbilder gibt. Denn es gibt einfach keine Räume – und das seit Jahren! Absolut insane. Am Anfang fand ich das noch spannend, aber im Laufe der Zeit wurde es zunehmend anstrengender, dass man um jeden Party-Termin in den wenigen möglichen Locations kämpfen muss. Zwei Freunde von mir haben gerade Bock mit frischer Energie einen kleinen Club aufzumachen. Aber dann, die hatten jetzt grad eine aussichtsreiche Immobilie, kommt das Bauamt und sagt „Hey, nee, also hier in der Straße da wollen wir bald hochwertige Unternehmen in der Nähe der Airport-Stadt ansiedeln. Da können Sie jetzt keine Vergnügungsstätte aufmachen.“ Und überall sonst gibt es sogenannte „Anwohner“, die bei jedem kleinen Mucks von irgendeinem Open Air die Polizei anrufen. Dann noch das Zucker, das sich mittlerweile vor den Karren der Stadtpolitik gespannt hat, was meiner Meinung nach viel zu viele neue Probleme verursacht als es löst. Aber Bremen ist schon eine große Stadt mit vielen jungen Leuten, die Bock auf Feiern haben. Zumindest, bis sie mit dem Studium fertig sind und in eine andere Stadt ziehen. So wie ich.

Mittlerweile lebst du in Leipzig und bist in Berlin an der neuen Party-Reihe Qualitätskontrolle in der Klappe beteiligt. Welches Konzept verfolgt ihr mit der Serie?
Nun, eigentlich ist die Qualitätskontrolle der Tatsache geschuldet, dass ich gerne abends mit Carmel und Minusminus Platten höre und gemeinsam Auflegen manchmal mehr Spaß macht als alleine. Also haben wir alle unsere Kontakte genutzt und uns ein paar Gigs als Trio organisiert. Und weil Qualitätskontrolle so arrogant klingt, haben wir uns weiße Kurzarmhemden gekauft und total bescheuerte Promofotos gemacht, damit niemand denkt, wir seien wirklich arrogant. Wenn wir auflegen, meinen wir es aber schon ernst. Die Party in der Klappe war vielleicht auch der Start einer Reihe, aber in erste Linie war es Zeit zum ersten Mal die Qualität in diesem neuen Laden zu prüfen. Unser Fazit lautet: Die Klappe ist von höchster Qualität! Wir haben alle unser Gütesiegel vergeben.

Vor Kurzem erschien dein Debütalbum Play-Doh Stories auf Ron Wilsons Label 777. Manche der Stücke sind bis zu drei Jahre alt, zwischen Fertigstellung und Veröffentlichung verstrich einige Zeit. Wie wurde aus dem Material ein Album und welche Storys erzählst du darauf?
Ich hab Ron seit wir uns vor ein paar Jahren kennen immer Tracks geschickt. Er hat nie genug gekriegt und meinte irgendwann „Marvin, das sind jetzt so viele Stücke und auch so diverser Kram, wir machen da jetzt eine LP draus!“ Die Stücke sind für mich eine Art Poesie meiner Jahre in Bremen. Was mir widerfahren ist, ist oft ein Track geworden.

Du bist Mitbegründer des Modelabels Can’t Decide, das Prinzip ist ebenso simpel wie einleuchtend: Eure bestickten Shirts und Pullis sind diversen ((Sub-)Sub-)Genres der elektronischen Tanzmusik gewidmet. Wieso ausgerechnet Genre-Merchandise?
Ja so plötzlich ist man im Textilgeschäft! Das musste aber so sein, denn vor etwas über einem Jahr hat mal Shanti Celeste nach mir im ://about:blank aufgelegt. Ich begebe mich hier denke ich nicht auf dünnes Eis wenn ich behaupte, dass Shanti gerne Deep House spielt. Ich bin so jemand, der sehr gerne Deep House hört. Ich da also so am Tanzen stelle mir vor, dass ich ein Kleidungsstück dafür brauche. In der Hochschule in Bremen, wo ich studiert habe, gab’s eine Stickmaschine und zack, der erste Can’t Decide-Sweater war fertig. Meine Freundin und Businesspartnerin hat da irgendwie Potential gesehen und ein halbes Jahr später, kurz nach meinem Umzug nach Leipzig, haben wir uns eine eigene Maschine gekauft. Jetzt freuen wir uns, wenn wir im Club jemanden sehen, der eins von unseren Kleidungsstücken trägt. Mittlerweile sind das auch mehr Leute, die wir selbst gar nicht kennen.

Dein Beitrag zu unserem Groove-Podcast konzentriert sich auf melodischen House. Was war deine Idee dahinter?
Mixes entstehen bei mir eigentlich immer am besten, wenn ich spontan anfange und mir gar nicht zu viele Gedanken vorher mache. Ausgefeilte Konzeptsets, das ist nicht mein Ding. Ich denke sonst schon genug nach, beim Auflegen auch noch? Nein, danke. Ich finde auch die Vorstellung schön, dass man beim Hören des Mixes sich vorstellen kann, dass ich in der Zeit des Mixens komplett bei der Musik war und nichts anderes machen konnte. One-Take ohne Nachbearbeitung, ich kann dann nicht nach einer halben Stunde sagen „so, jetzt muss ich aber mal einkaufen gehen und mich dann mit der und der Person treffen, ich mach morgen die andere Hälfte.“ Ich muss aber zugeben, ganz One-Take war mein Groove-Mix nicht. Ich hab drei Versuche gemacht, wobei der erste ganz schlecht war, der zweite in etwa so wie der erste nur besser und dann noch einen dritten, der komplett anders ist. Einen davon habe ich genommen. Musikalisch sind das Sachen, die mir gerade gefallen. Das meiste ist relativ neu in meiner Sammlung, aber manche ältere Favoriten sind auch dabei.

Last but not least: Wann können wir dich in nächster Zeit hinter den Decks erleben und wie sehen deine Pläne als Produzent aus?
Ich werde morgen, am 7.7. zum ersten Mal in größerem Rahmen live spielen. Ron von 777 will das schon ewig und jetzt ist es endlich soweit! Es war kein DJ-Slot mehr frei, aber Ron wollte mich trotzdem dabei haben. Da hab ich mich gezwungen gesehen, mich endlich mal hinzusetzen und etwas vorzubereiten. Ich bin sehr froh, dass im OHM machen zu können. Ich kenne den Laden und alle anderen Leute die an dem Abend spielen. Auflegen tu ich dann als nächstes auch wieder in Berlin, auf der Savour the Moment von Marlon Hoffstadt am 17.8.



Stream: Qnete – Groove Podcast 166

01. Jetstream – Seriously (Definitive Recordings)
02. Qnete – Tomorrows Thoughts Today
03. Loidis – A Parade, In The Place I Sit, The Floating World (& All Its Pleasures) (Anno Records)
04. Valentino Mora + Yoshitake Expe – Astrometric Effect (IDO)
05. Lawrence – Clouds & Arrows (Roman Flügel Remix)
06. The New Sound Of Soul – The Earth (Magnet Records)
07. Roza Terenzi – Mwah (Kalahari Oyster Cult)
08. DJ OK – Moments In Code (hundert)
09. LNS – July Rain (LNS)
10. Project P:M – When The Voices Come (Guidance Recordings)
11. Saile – What I Feel (Christopher Rau Remix)
12. Alex M – It Works (Running Back Double Copy)
13. Carmel – Falling Into Boxes (7″ Mix) (forthcoming Lobster Theremin)

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here