August 2026: Album des Monats

Das Motherboard aus dem August findet ihr hier, die Mixe hier, Teil 1 der Alben hier, Teil 2 hier.

Leo – Cicada Burnt (Peak Oil)

Bass Music ist im weitesten Sinne durchexerziert. Zwei Dekaden nach den Anfängen der Dubstep-Bewegung sowie mehr als ein gutes Jahrzehnt nach der Verbindung von gebrochenen 140 BPM mit den Gefilden von House und Techno sollte doch bereits alles gesagt worden sein. Möchte man meinen. Der aus Manchester stammende Produzent mit dem simplen Pseudonym Leo schickt sich an, dem weitestgehend aus Dance Music bestehendem Bass-Kanon ein interessantes Puzzlestück hinzuzufügen.

Auf seiner LP für das US-Label Peak Oil, das seinerseits dafür bekannt ist, modernem Ambient neue, experimentelle Schattierungen zu gestatten, fügt sich sein Album bestens ein: in Gesellschaft von Künstlern wie Purelink, denen der Bereich zwischen Atmosphäre und spärlichen Beats zur Schaufläche für vorwärtsgewandte Produktionen zwischen den Genres dient.

Cicada Oil, so heißt das vierte Album von Leo, hört man seine Herkunft als Drummer deutlich an: Der Fokus liegt klar auf perkussiven Elementen; jeder Sound fühlt sich an, als wäre er geschlagen worden – selbst angedeutete Melodien sind splitterhafte Fragmente, die bald wieder verhallen.

So setzt sich ein grobkörniger Sound zusammen, der sowohl in seiner Schroffheit als auch Bassgewalt deutlich die britische Clubkultur zitiert. Bereits auf Vorgängerwerken war Leo stets bemüht, ambient-abstrakte Aspekte mit clubbiger Kinetik zu verbinden, allerdings führte das hin und wieder zu energetischem Zickzack mitten im Track.

Auf Cicada Burnt geht er einen Schritt weiter. Die sechs Stücke der LP vertun keine Zeit mit komplexen Konzepten, das Arrangement bleibt nahe am Club: Progressive Energie und metallische Grooves, durchtränkt mit texturierten Details und der düsteren Stimmung von Süd-Londoner Bass Music.

Der Opener „Qwershape” setzt den Ton mit spärlicher Dubstep-Ästhetik. Tieffrequente Bässe, jaulende Maschinen und warme Synths, die der industriellen Dystopie ein wenig Hoffnung entgegensetzen. „Jetti” hingegen dekonstruiert dann intelligent Footwork, ohne dabei den Schwung aus dem Auge zu verlieren, und landet damit gekonnt irgendwo zwischen Addison Groove und Bruce. Der Titeltrack selbst bleibt minimalistisch abrasiv und überzeugt besonders durch seine physische Schwere, das gewisse Soundsystem vorausgesetzt. Seine schroffe Intensität vor sich herschiebend, bleibt die Spannung aufrecht, ohne jemals per Drop gelöst zu werden. „Descant” klingt deutlich schräger, mit Offkey-Synths und stets wechselnder Rhythmik könnte hier ein experimentierfreudiger Pearson Sound am Werk gewesen sein; während „Spirit Level (Prescript)” schließlich das Tempo rausnimmt und sich aufs Atmosphärische begrenzt, um langsam auf das Ende der LP vorzubereiten. Das kommt überraschend in Form eines schlanken Four-to-the-Floor-Steppers, der alle bereits vorangegangenen Elemente der LP aufnimmt und somit etwas Ordnung im eigenen System schafft.

Damit gelingt es Leo, sein beim besten Willen zwar nicht eingängiges, aber durchweg faszinierendes Universum stimmig abzuschließen. Ob man das nun Post-Drum’n’Bass nennen will, wie es die Kommentarspalte auf Discogs tut, sei dahingestellt – jedenfalls fühlt es sich genauso clubbig an wie seine spirituellen Vorgänger und trägt trotzdem die gleiche eigenwillige Handschrift moderner Ambient-Kompositionen à la Huerco S. Ganz gleich der Definition, hier schreibt sich ein spannendes neues Kapitel in der Story des Hardcore Continuums.

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